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Ohne Parkplätze keine Kunden in der Innenstadt. Stimmt das?

Man kennt die alte Leier: kaum möchten und Kommunen den - in ihren Innenstädten weniger attraktiv gestalten, Parkgebühren erhöhen oder gar Parkplätze ganz abschaffen, schreit der Einzelhandel, dass dies die Innenstädte allmählich ausbluten und verwahrlosen lassen würde. Der Großteil der Bürger möchte nämlich für seinen Einkauf direkt vor dem Geschäft halten und dies möglichst günstig, wenn nicht sogar kostenlos. Aber stimmt dies denn überhaupt?

In den meisten deutschen Städten sind die Parkplätze in der Innenstadt rar und die Parkgebühren teuer.

Schon seit Jahren kämpfen Handel und der durchschnittliche Autofahrer – so denkt man jedenfalls – Seit an Seit gegen den Parkwahnsinn in deutschen Innenstädten. Das Motto lautet: Warum da einkaufen zu gehen, wo man seinen PKW parken muss und dafür auch noch zur Kasse gebeten wird? Und die Stadtoberen gehorchen meist reflexartig.

Eine Reaktion war die Einführung der sogenannten Brötchentaste. Diese Taste an einem Parkscheinautomaten soll Kurzparkern ein kostenloses Parken ermöglichen, sprich um eben schnell beim Bäcker reinzuspringen und ein Brötchen zu kaufen.

Ursprünglich sollte eine solche Taste die Attraktivität der Innenstädte erhöhen und den Kernstadtbereich auch für kleinere Besorgungen attraktiv machen. Was einmal gut gemeint war, ist nur auf den ersten Blick positiv.

Innenstädte waren auch schon vor dem Modell der „autofreundlichen Stadt“ nicht unbedingt zur Versorgung der gesamten Stadtbevölkerung gedacht. In den einzelnen Stadtteilen existierten Bäcker, Metzger und der Krämerladen. Güter des täglichen Bedarfs befanden sich meist in Lauf- oder zumindest Radnähe. Heute sind viele der kleinen Läden aus dem Stadtbild verschwunden. Dies ist nicht unbedingt die Schuld eines innenstädtischen Konzentrationsprozesses, sondern des Entstehens großer Einkaufszentren auf der grünen Wiese. Diese haben viele lokale Strukturen kaputt gemacht.

Früher waren die Lebensmittelläden in der Altstadt meist nur für die Versorgung der Bewohner dieses Gebiets gedacht. Kein Mensch kam auf die Idee, sich in sein Auto zu setzen und fünf bis zehn  Kilometer bis zum nächsten Bäcker oder Metzger zu fahren. Kurzparken und die Brötchentaste haben dies jedoch möglich gemacht.

Und welche Vorteile hat eine Innenstadt von Kurzparkern? Innenstädtische Agglomerationsgebiete sind meistens für die Versorgung mit höherwertigen Gebrauchsgegenständen wie Kleidung, Schuhe, usw. zuständig, nicht für den Bäcker oder Metzger. Außer Mehrverkehr bleiben somit eher wenige Verbundeffekte übrig.

Warum nicht mehr kostenlose Parkplätze in der Innenstadt? Das würde sicher die Attraktivität der in den 70er-80er Jahren zu Tode beruhigten Innenstädte steigern.

Weil es nicht nötig ist.

Eine Erhebung durch Socialdata 1 für die Stadt aus dem Jahre 1991 hat ergeben, dass der Anteil der Autofahrer rapide abnimmt, wenn man nach Fahrten in die Innenstadt oder gar nach Fahrten in die Innenstadt zum Zweck Einkaufen differenziert.

Modal Split Bremen 2991 Einkauf in der Innenstadt Parkplatzsituation

Innenstädte werden hauptsächlich zum Einkaufen genutzt. Untersuchungen in verschiedenen deutschen Städten (z.B. Nürnberg, , Regensburg, Abensberg, Ansbach, Bamberg und Bayreuth) haben nachgewiesen, dass 41% bis 49% der Befragten hautsächlich zum Einkaufen in die jeweilige Innenstadt kommen. (vgl. MONHEIM 2008, S. 16; MONHEIM 1999, S. 109; MONHEIM/ HOLZWARTH/ BACHLEITNER 1998, S. 67; PILZ 2007, S. 47, POPP 2002, S. 84).

Der oben in der Grafik dargestellte erscheint auch ganz logisch, schaut man sich einmal die durchschnittliche „Einkäuferin“ in deutschen Innenstädten an. Diese ist meist weiblich, etwa 40 Jahre alt und Hausfrau. Die jüngere berufstätige Generation, in der auch viele Frauen arbeiten gehen, geht meist nach der Arbeit oder an Wochenenden in Supermärkten einkaufen. Eine weitere große Gruppe sind Rentnerinnen und Rentner.

Die sozio-ökonomischen Gegebenheiten bringen es mit sich, dass diese Gruppen häufig den nutzen. Dieser Trend wird sich in Zukunft aufgrund des demographischen Wandels weiter verstärken. Es wäre für Kommunen und Städte sicher sinnvoll, die Hauptnutzergruppen ihrer Innenstädte zu identifizieren und für diese ein adäquates Verkehrsangebot zu entwickeln.

Natürlich ist es auch richtig, dass viele Menschen aus dem Umland auf den PKW angewiesen sind und ausreichend benötigen um ihre Besorgungen erledigen zu können. Durch ein intelligentes ÖV-Angebot – z.B. Park & Ride – kann die Attraktivität der Innenstadt durch verkehrsberuhigte Flächen sicherlich weiter gesteigert werden. Deswegen sind die meisten Einkaufsstraßen auch Fußgängerzonen.

Shopping hat auch etwas mit Erholung zu tun. Und Erholung etwas mit Ruhe und Gelassenheit. Beides Eigenschaften, die der motorisierte Individualverkehr nicht unbedingt bietet.

  1. Socialdata Institut für Verkehrs-und Infrastrukturforschung GmbH (Hrsg.): Mobilitätsverhalten in Bremen, Teil I Verhaltensweisen, Ergebnisse der Verkehrsbefragung 1991

Verfasst von:

Martin Randelhoff

Herausgeber Zukunft Mobilität. Studium der Raumplanung an der TU Dortmund, Studium der Verkehrswirtschaft an der TU Dresden. Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum, Wirkung autonomer Fahrzeugsysteme und nachhaltige Verkehrskonzepte.

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