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Der große Unterschied zwischen Verkehr und Mobilität

In letzter Zeit liest man sehr oft in den Medien, dass große Autohersteller nicht mehr nur PKW herstellen möchten, sondern sich zu sogenannten „Mobilitätsanbietern“ weiterentwickeln wollen.

Fragt sich nur: Wie soll das gehen? Daimler setzt mit Car2Go auf und auch viele andere Automobilhersteller wie Volkswagen oder Peugeot wollen mit Carsharingangeboten nachziehen. BMW und Porsche lizenzieren ihre Marke an Fahrradhersteller, die dann BMW– und Porsche-Bikes anbieten. Und auch die möchte bis 2020 zum führenden Mobilitätsanbieter Europas werden.

Was ist eigentlich ?

Die Beantwortung dieser Frage ist äußerst wichtig, wenn man über die Zukunft auf unseren Straßen, Schienen, Wasserwegen oder in der Luft nachdenken und Lösungen entwickeln will. Rein definitionsgemäß ist Mobilität folgendes:

Potentielle Mobilität ist die Beweglichkeit von Personen, allgemein und als Möglichkeit. Realisierte Mobilität ist realisierte Beweglichkeit, ist die Befriedigung von Bedürfnissen durch Raumveränderung (kurz: Mobilität). ist das Instrument, das man dann für die konkrete Umsetzung der Mobilität benötigt. umfasst Fahrzeuge, Infrastrukturen und die Verkehrsregeln und ist auch sehr gut messbar.

aus Becker, U.; Gerike, R.; Völlings, A.: Gesellschaftliche Ziele von und für Verkehr, Heft 1 der Schriftenreihe des Instituts für Verkehr und e.V. (DIVU), S. 71; Dresden 1999

Als erstes fällt auf, dass es anscheinend nicht nur eine Form der Mobilität gibt. Mobilität ist ein vielschichtiges Phänomen.

Das Bedürfnis von einem Ort zum anderen zu kommen, entsteht nicht aus dem Nichts. Kein Mensch fragt zum Beispiel Verkehr nach. Dieser entsteht immer bei der Befriedigung eines anderes Bedürfnisses.

Das folgende Schaubild verdeutlicht den Unterschied vom Primärbedürfnis über das Mobilitätsbedürfnis hin zur Verkehrsnachfrage sehr gut:Unterschied Mobilität und Verkehr Bedürfnisse Ammoser TU Dresden

Verkehrsbedürfnis im Schema – Hendrik Ammoser, Mirko Hoppe: Glossar Verkehrswesen und Verkehrswissenschaften, erschienen in der Reihe Diskussionsbeiträge aus dem Institut für Wirtschaft und Verkehr, Seite 46, Dresden 2006, ISSN 1433-626x

Als Beispiel kann man folgende Bedürfnisse anführen:

  • Ich habe das Bedürfnis etwas zu essen. Folge: es entsteht eine Nachfrage nach einer Ortsveränderung von dem Ort an dem man sich derzeit befindet zu dem Ort, an dem es etwas zu Essen gibt. Früher war dies der Weg Dorf -> Feld / Markt / Stall und heute ist es der Weg Haus – Supermarkt.
  • Ich habe das Bedürfnis etwas zu lernen. Folge: es entsteht eine Nachfrage nach einer Ortsveränderung von dem Ort an dem man sich derzeit befindet zu dem Ort, an dem man etwas lernen kann. Dies kann eine Schule, eine Universität, eine Musikschule, ein Museum oder eine sonstige Bildungsstätte sein.

Man kann dieses Spiel endlos weiterführen. Man sieht also, dass das Bedürfnis nach einer Ortsveränderung immer ein anderes Bedürfnis als Ursache hat. Menschen benötigen in der Regel einen Zugang zu Menschen, Orten, Gütern und Dienstleistungen, damit sie ihre Bedürfnisse befriedigen können. Die Möglichkeit bzw. Fähigkeit der Menschen, diese von ihnen gewünschten Ziele erreichen zu können, wird durch den Begriff „Mobilität“ beschrieben. Dabei bleibt aber völlig offen, auf welche Weise sie ihr Ziel erreichen!

Mobilität steht also nur für einen Verkehrsbedarf, der als Folge sozialer / gesellschaftlicher Aktivitäten wie Wohnen, Arbeiten, Bilden, Erholen (bei Personen) und Produktion, Handel, Konsumtion (bei Gütern) und ihrer räumlichen Trennung entsteht. Diese Trennung nimmt aufgrund der zunehmenden Arbeitsteilung und der räumlichen Ausbreitung von Städten  bei gleichzeitigem Abbau ländlicher Strukturen immer weiter zu.

Will man die Mobilität innerhalb einer Gesellschaft, einer Stadt oder eines Raumes bewerten, so muss man untersuchen, welche Möglichkeiten unterschiedliche Gruppen der Bevölkerung (Kinder, Jugendliche, Erwachsene, ältere Menschen, Behinderte…) haben, ihre Mobilitätsbedürfnisse zu befriedigen.

Darunter fällt die ältere Dame, die nicht mehr so gut zu Fuß ist und für die der Arztbesuch in die nächste Stadt sehr beschwerlich ist. Darunter fällt ebenso die sechzehnjährige Tochter, die abends in die Disko will und von ihren Eltern gefahren werden muss. Und darunter fällt auch der zwölfjährige Junge, der für den Besuch des nächsten Gymnasiums erst eine dreiviertel Stunde mit dem Schulbus fahren muss. Und die Bushaltestelle ist nochmals 15 Minuten Fußmarsch entfernt.

Um diese Menschen mobil zu halten, muss man ihr persönliches Mobilitätsbedürfnis kennen und versuchen es zu befriedigen. Und daran arbeiten unzählige Verkehrsplaner Tag für Tag.

Und was ist jetzt Verkehr?

Im Gegensatz zur Mobilität ist Verkehr nur das Mittel zum Zweck. Verkehr ist definitionsgemäß die

Zielgerichtete Ortsveränderung von Personen, Gütern, Nachrichten unter Verwendung von Energie und Information einschließlich Unterstützungsprozessen (z.B. Lager- und Umschlagprozesse)

Man kann also sagen, dass Verkehr nur ein Instrument zur Befriedigung des Mobilitätsbedürfnisses ist. Es lässt sich aber nicht sagen, wie viel Verkehr bei der Umsetzung des jeweiligen Bedürfnisses erzeugt oder gar benötigt wird. In der Regel haben wir zumindest in Städten die Wahl, ob und wenn ja wie und wo wir unsere Bedürfnisse befriedigen und welche Verkehrsmittel wir dabei nutzen. Neben der tatsächlich realisierten Mobilität gibt es also auch nicht realisierte, aber potentiell mögliche Mobilität.

Ein Wachstum der Mobilität ist gesellschaftlich erwünscht und sollte auch Ziel sein. Wachstum im Verkehr ist jedoch ein sehr fragwürdiges Ziel.

Fazit

Verkehr und Mobilität bezeichnen Unterschiedliches. Mobilität kann man nicht mit Verkehr gleichsetzen, denn mit demselben Mobilitätsgrad kann viel oder wenig Verkehr verbunden sein. Je lokaler und dezentraler die Strukturen sind, desto mehr Mobilität habe ich als Einzelner. Dazu muss ich nicht einmal ein Angebot eines sogenannten „Mobilitätsanbieters“ nutzen.

Denn ein sogenannter „Mobilitätsanbieter“ bietet gar keine Mobilität an, sondern nur eine Verkehrsdienstleistung. Möchte jemand eines hohes Maß an Mobilität anbieten oder Mobilität sicherstellen, so bietet er den Menschen eigentlich nur die Wahl zwischen besonders vielen Verkehrsdienstleistungen an.

Das Ziel muss jedoch eine bedürfnisgerechte Mobilität (für alle) mit gleichzeitig weniger Verkehr sein. Für die Erreichung dieses Ziels brauchen wir eine breite Palette an Verkehrsmitteln. Diese sollten von PKW-Herstellern, der Bahn, Mitfahrgelegenheiten, Car- und Bikesharinganbietern, Infrastrukturanbietern, Kommunen (sichere Straßen, Fuß- und Radwege) und vielen anderen angeboten bzw. ihre Nutzung ermöglicht werden.

Dann klappt das auch mit einer nachhaltigen Mobilität!

Verfasst von:

Martin Randelhoff

Herausgeber Zukunft Mobilität. Studium der Raumplanung an der TU Dortmund, Studium der Verkehrswirtschaft an der TU Dresden. Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum, Wirkung autonomer Fahrzeugsysteme und nachhaltige Verkehrskonzepte.

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