„Sind wir das Pferd?“ – Albert Wenger über eine Welt im ständigen Umbruch~4 Minuten Lesezeit

In der vergangenen Woche habe ich wieder einmal mit vielen Menschen interessante Gespräche und Diskussionen führen dürfen. Unter meinen Gesprächspartnern waren Mitarbeiter von Verkehrsunternehmen und -verbünden, der , Ministerien auf Landes- und Bundesebene und Wissenschaftler verschiedenster Forschungseinrichtungen. Thematisch bewegten wir uns von, auf den ersten Blick, einfachen Themen wie dem Design von Fahrscheinautomaten über Abgasnachbehandlung hin zu komplexeren Themen wie autonomen Fahrzeugsystemen und der der Bundesrepublik im Jahr 2050.

Bedenken aus dem alltäglichen Geschäft lassen sich relativ häufig durch das Schaffen von Kontext beseitigen. Statt einen Kampf um jeden Meter „für und wider“ zu führen, kann eine Einordnung in die Historie und das Ausmalen von möglichen zukünftigen Trends und Entwicklungen sehr helfen.

Kein Mensch kann wissen, was die wirklich bringen wird. Alle Menschen versuchen jedoch aus ihren Erfahrungen und Informationen, die sie von Dritten erhalten, eine Art Trendforschung zu betreiben. Problematisch ist jedoch, dass wir Entwicklungen aus der Vergangenheit häufig einfach fortschreiben, statt zu erkennen, dass der wahre Fortschritt meistens nicht aus einer Evolution, sondern aus einer Revolution mit all ihren strukturellen Brüchen entstanden ist. Diese Strukturbrüche und der Umgang mit denselben entscheiden letzten Endes über den Fortbestand eines Unternehmens oder einer ganzen Branche.

Aus meiner Sicht ist es daher von essenzieller Bedeutung, die richtigen Fragen zu stellen, statt zu versuchen, die Antworten zu geben, die sowieso niemand mit Sicherheit geben kann.

Mit einem kleinen bisschen Erfahrung und Kenntnis über die Branchen, die einen Bezug zu , und haben, bin ich etwas skeptisch, ob die Bereitschaft, jene Fragen zu stellen, wirklich vorhanden ist. Es ist immer einfacher gewesen einen einzelnen Punkt, ein einzelnes Argument, aus dem Kontext herauszugreifen und dieses zu widerlegen. „xy wird nicht funktionieren oder eintreten, weil Randaspekt z so nicht eintreten kann bzw. wir das ganz anders machen.“ Es ist in diesen Momenten immer relativ schwierig, die Diskussion wieder auf eine höhere Ebene zu lenken.

Jede einzelne Branche und jedes einzelne Unternehmen hat niemals die absolute Garantie, dass es für immer bestehenden wird. Natürlich werden Wirtschaftszweige, die eine große Bedeutung haben und vielen Menschen Arbeit und damit eine Lebensgrundlage geben, von staatlicher Seite geschützt und, wenn nötig, gestützt. Jedoch hat die Vergangenheit auch gezeigt, dass Branchen im Laufe der Zeit ihre Bedeutung verlieren können (z.B. Porzellan- und Textilindustrie), ins Ausland verlagert werden und somit die Bedeutung jener Branche für die (Arbeitnehmer als Wähler) sinkt.

Die hat die verkehrsrelevanten Branchen ebenso wie den Großteil aller anderen Wirtschaftszweige in relativ kurzer Zeit massiv verändert. Manche Unternehmen sind in ihrer Anpassung schneller, manche langsamer. Im öffentlichen Verkehrssektor kommt noch hinzu, dass der staatliche Einfluss durch und Ausgleichszahlungen relativ groß ist und eine Vielzahl von verschiedenen Interessengruppen gerne Einfluss nehmen möchte.

Wenn man die öffentliche Verkehrsbranche richtig ärgern wollen würde, könnte man durchaus einmal folgende Fragen stellen: „Seid ihr sicher, dass ihr immer als Rückgrat eines öffentlichen Verkehrsangebots gesehen werdet? Welche Auswirkungen können neue Technologien (bspw. vollautonome Fahrzeugsysteme) auf euer Angebot und die Bedeutung eurer Branche haben? Wie lange können wir es uns aus Gründen der noch leisten, einen elf Tonnen schweren Bus für drei oder vier Fahrgäste kilometerweit über die Dörfer fahren zu lassen? Ist der Bus dafür noch das richtige Verkehrsmittel und wird er das auch noch in Zukunft sein? Wenn nein, werdet ihr das Ersatzangebot stellen oder den Weg aller anderen Unternehmen, die sich nicht schnell genug angepasst haben, gehen?“

Diese und ähnliche Fragen sollten sich die Automobilindustrie, die Energieversorger, die Politik und Verwaltung und viele andere stellen. Natürlich sind diese Fragen unangenehm, vor allem da jede Frage einen ganzen Strauß an möglichen Antworten mit sich bringt und nicht eindeutig beantwortet werden kann. 

Auf jeden Fall werden am Ende dieses Prozesses eine Vielzahl möglicher , aber auch stehen. Und hin und wieder werden Bedenkenträger dann erkennen, dass ihre kategorische Ablehnung aus historischer und heutiger Sicht unter Ausblendung der Zukunft richtig sein mag, mittel- und langfristig jedoch mehr schadet als nützt. Und im Idealfall werden jene entdeckt, welche die Zukunft mit sich bringt.

Albert Wenger (Bio) hat auf der DLD-Conference – Digital Life Design (DLD) ist die internationale Konferenz- und Innovationsplattform von Hubert Burda Media in München – einen interessanten Vortrag über den ständigen Wandel, das Entstehen des „Information Age“ und die Folgen für uns und unsere Gesellschaft gehalten.

In dem dazugehörigen Blogbeitrag wirft er zwei wichtige Fragen auf, die meiner Meinung nach sehr wichtig sind: Erstens, brauchen wir ein katalytisches Ereignis (eine Disruption) oder schaffen wir es auch ohne? Katalytische Ereignisse der Vergangenheit waren große Kriege, Revolutionen und Plagen. Es wäre von Vorteil darauf zu verzichten. Und zweitens, was können du und ich persönlich unternehmen, um diesen Veränderungsprozess zu meistern?

Verfasst von

Martin Randelhoff

Herausgeber Zukunft Mobilität. Studium der Raumplanung an der TU Dortmund, Studium der Verkehrswirtschaft an der TU Dresden. Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum, Wirkung autonomer Fahrzeugsysteme und nachhaltige Verkehrskonzepte.

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
avatar
 
Bild(er) hinzufügen
 
 
 
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
Zweifler
Gast

„Wie lange können wir es uns aus Gründen der Energieeffizienz noch leisten, einen elf Tonnen schweren Bus für drei oder vier Fahrgäste kilometerweit über die Dörfer fahren zu lassen?“

Wenn man irgendwo am Tag auf einem Streckenabschnitt ein großes Fahrzeug braucht, ist es da, und es ist ggf. mehr Ressourcenverschwendung, für Schwachlastzeiten ein zweites Fahrzeug vorzuhalten. Dabei muss man eventuell auch Fahrzeugumläufe über mehrere Linien sowie die Zusatz-Kilometer für Ein- und Ausrückfahrten von/zum Betriebshof mit betrachten.

Das Wort von den Geisterbussen – meist von der Politik in Umlauf gebracht – hat schon viel Schaden angerichtet. Im Regelfall sollten Energieverbrauch, Kosten und betriebswirtschaftliche Kalkulation ja gemeinsam zu einem vernünftigen Ergebnis führen. Es sei denn, man argumentiert, die Energiekosten seien zu niedrig, um die betriebswirtschaftlichen Entscheidungen richtig zu beeinflussen.

Jan
Gast

Ich frage mich als erstes – ohne dass ich das Video gesehen habe – inwiefern „technologische“ Zeitalter überhaupt durch katalytisches Ereignisse gewechselt werden. Wie reden hier von Prozessen, die vermutlich Zeitspannen erreichen, die über die Lebenswerwartung eines Menschen hinausgehen. Sicherlich gibt es immer wieder einzelne Ereignisse, die Einfluss nehmen, nennen wir Tschernobyl oder die Zerstörung westdeutscher Städte durch die Luftangriffe im 2. Weltkrieg. Aber diese Ereignisse, so wirkmächtig sie auch sind, haben doch nicht selbst eine dauerhafte Veränderung herbeigeführt, sondern lediglich die Möglichkeit geschaffen Ideen zu verwirklichen. Der Wiederaufbau von Freiburg beispielsweise, mit den Arcadenhäusern, ist die Verwirklichung von nationalsozialistischer Städtebauplanung, die im Dritten Reich durch die Verweigerung der Hausbesitzer neuzubauen, nicht durchgesetzt werden konnte. Tschernobyl war nicht so wirkmächtig wie Fukushima, obwohl es – soweit ich es verstehe – viel katastrophaler und vor allem näher war. Kriegszerstörte Städte boten die Möglichkeit sie neuzuplanen, aber die autogerechte Stadt ist keine „Lehre“ des Zweiten Weltkriegs, sondern die Schlussfolgerung aus eines Auto-Wachstums über den Weltkrieg hinaus. „Technologischer“ Wandel ist Mentalitätswandel, und der vollzieht sich als Prozess, nicht als Einschnitt. Wer weiß, ob wir in unserem begrenzten Horizont, obwohl stark vernetzt, den epochemachenden Faktor richtig erkennen können. Dass der Fall der Berliner Mauer die Politik Europas dramatisch beeinflusst, ist eindeutig, aber als Tim Berners-Lee „das Internet erfand“ hat wahrscheinlich kaum einer mit Sekt angestoßen.

Wie können wir also die Veränderung meistern? Ich finde, die Grundfrage muss sich danach richten, was Michael Kopatz bei unserer Veranstaltung zum Bürgerticket gesagt hat (wenn mir dieser Werbeblock gestattet ist:
„Fragen Sie mal Ihren Nachbarn, ob ihm der Klimaschutz egal ist. Der wird sagen: ‚Nein, nein, das ist ganz wichtig,‘ steigt in sein Auto und fährt weg. Warum? Weil er sich denkt, was bringt das schon, wenn ich alleine auf mein Auto verzichte, wenn alle anderen weitermachen wir bisher. So erzeugt das individuell rationale Verhalten ein kollektiv irrationales Ergebnis. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Menschen in eine Situation versetzen, dass sie sich viele nachhaltiger verhalten, ohne bewusst darüber nachzudenken.“
Die Konsequenz für mich ist, selbst das zu leben, was man fordert, und dann in vielen kleinen Schritten die Mitbürger informieren, informieren, zum Nachdenken bringen. Verkehr/Stadtplanung ist ja unglaublich komplex, das heißt, das „nur“ kleine Schritte gemacht werden können. Und nicht zuletzt verwirklicht Kommunalpolitik das, was der Prozess vor langer Zeit angeschoben hat, selten übernimmt Kommunalpolitik eine Vorreiterrolle wie beispielsweise in Frankreich (meiner Erfahrung nach). Der Druck muss, wie Du es neulich bereits aufgeführt hast, von unten kommen, aus dem Lokalen.

Quirinus
Gast

Sind wir in der Lage zu beurteilen, in welcher evolutionären Episode wir uns gerade befinden? Können wir das vielleicht erst in 10, 20 oder 30 Jahren? Ist es deswegen nicht möglich, heute die richtigen Fragen zu stellen? Gelten die Fragen, die wir uns in West-Europa stellen auch für andere Teile der Welt, die informationstechnisch so nah bei uns sind, wie noch nie zuvor? Oder sind die kulturellen Unterschiede doch noch zu groß?
Das alles ist sehr spannend. Kombiniert mit der Tatsache, dass durch die Übervölkerung der Erde die Ressourcenknappheit bei Nahrung, Energie und Rohstoffen vermutlich die Herausforderung dieses Jahrhunderts sein wird. Diese Ressourcenknappheit wird zusammen mit klimatischen Änderungen die Katastrophen der Menscheit (Katalysatoren) in den nächsten Jahrzehnten beeinflüssen.
Wollen wir deswegen umdenken? Oder ist uns immer noch wichtig, ein schöneres Auto als der Nachbar zu besitzen? Ich befürchte, dass nur ein geringer Teil der Bevölkerung diese primitiven persönlichen Motive zugünsten von kollektiven Motiven aufgeben wird. Also bleibt die zentrale Frage übrig: Wie das Individuum über diese Vorgänge aufgeklärt und dazu bewegt, sein Verhalten zu ändern?

Helmigo
Mitglied

Noch etwas zum Bus: In Asien sind sehr viele Kleinbusse (typisch 20 Sitze, 5t Eigengewicht) unterwegs. Z.B.: http://m.toyota.com.au/coaster/coaster-deluxe-auto?tab=specifications

Voll autonome Fahrzeuge und ihr Einfluss auf den öffentlichen Verkehr?
Wenn das kommt (wovon ich jetzt nicht so schnell ausgehen würde), dann wäre der Vorteil für den öffentlichen Verkehr größer, als für den so genannten Individualverkehr. Man stelle sich vor, statt 10 PKW fahrt ein 20 sitziger Kleinbus. Auf den meisten Straßen hättest du Busse im Minutentakt. Nicht zu vergessen, dass die Lust am Lenken einen großen Einfluss auf die Verkehrsmittelwahl hat.

Jetzt abonnieren!

Twitter

Auszeichnungen

Grimme Online Award Preisträger 2012

Zukunft Mobilität hat den Grimme Online Award 2012 in der Kategorie Information erhalten. Ich möchte mich bei all meinen Lesern für die Unterstützung bedanken!

PUNKT Preisträger 2012

Zukunft Mobilität hat den PUNKT 2012 der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) in der Kategorie "Multimedia" gewonnen.

Logo VDV Verband Deutscher Verkehrsunternehmen

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V. (VDV) hat mich im Rahmen der VDV-Jahrestagung 2013 in Mainz als “Talent im ÖPNV” des Jahres 2013 ausgezeichnet. Der VDV vertritt rund 600 Unternehmen des Öffentlichen Personennahverkehrs, des Schienenpersonennahverkehrs, des Schienengüterverkehrs, der Personenfernverkehrs sowie Verbund- und Aufgabenträger-Organisationen.

Lizenz

Zukunft Mobilität Creative Commons

Die Inhalte dieses Artikels sind - soweit nicht anders angegeben - unter CC BY-SA 3.0 de lizensiert. Grafiken sind von dieser Lizenz aus Vereinfachungs- und Schutzgründen ausgenommen (Anwendung aufgrund der Verwendung von Grafiken / Bildern mit unterschiedlichen Lizenzen zu kompliziert) außer die CC-Lizenz ist ausdrücklich genannt.

Weitere Informationen
Share This