Veröfentlicht am 27. April 2013 (Stand: 27.04.2013) in den Kategorien Analyse,Straßenverkehr,USA
Die neusten Zahlen des US-Verkehrsministeriums zum Verkehrsaufkommen zeigen, dass sich der Trend einer abnehmenden Fahrleistung immer weiter fortsetzt. Im Februar 2013 ging die Fahrleistung im Vergleich zum Vorjahresmonat um 1,4 Prozent (3,1 Milliarden Fahrzeugkilometer) zurück.
Die Fahrleistung im gesamten US-Straßennetz liegt mit etwa 2,95 Billionen Fahrzeugkilometern um 2,83 Prozent unter dem Hoch aus dem November 2007:
Schätzung der Fahrzeugkilometer, die auf dem US-Straßennetz von 1971 – 2013 zurückgelegt wurden – Daten: U.S. Department of Transportation, Grafik: Doug Short, Advisor Perspectives, Inc.
Seit Anfang der 1970er Jahren bis Mitte der 2000er Jahre ist die Fahrleistung, mit Ausnahme zweier kleiner entgegengesetzten Entwicklungen Mitte der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre, gewachsen.
Statistisch ist eine Bemessung der Fahrleistung anhand einer anderen Bemessungsgröße, wie beispielsweise der Bevölkerungsentwicklung, sinnvoll. Eine wachsende Bevölkerungszahl beeinflusst die Gesamt-Fahrleistung in einem Straßennetz, obwohl das einzelne Individuum seine persönliche Fahrleistung nicht ausweitet. Es bietet sich daher an, einen Deflator aus realem und nominalem Fahrleistungswachstum in Abhängigkeit der Bevölkerungsgruppe der ab 16-Jährigen anzuwenden, so wie es der Analytiker Doug Short in seiner Analyse gemacht hat.
Fahrleistung im US-Straßennetz, geglättet um die demographische Entwicklung – Daten: U.S. Department of Transportation, Grafik: Doug Short, Advisor Perspectives, Inc.
Die nominale 39 Monate dauernde Senkung, die im Mai 1979 begann, dauerte 61 Monate (über fünf Jahre). Das Maximum wurde im Juni 2005 erreicht. Seitdem ist die demografisch bereinigte Fahrleistung um 8,75 Prozent gesunken und liegt mittlerweile auf dem Niveau des Jahres 1995. Die derzeitige Entwicklung dauert mittlerweile 50 Prozent länger, als der Rückgang der Fahrleistung während der Ölkrise in den siebziger Jahren.
Short stellt zudem fest, dass das derzeitige Absinken der Fahrleistung nicht gut mit der Entwicklung der Kraftstoffpreise korreliert. Ebenso ist keine Korrelation mit der wirtschaftlichen Entwicklung nachweisbar. Langfristig wirkende Faktoren wie ein wachsender Anteil Telearbeiter, die das Rentenalter erreichende Generation der Babyboomer und eine insbesondere bei jüngeren Menschen abnehmende Fahrleistung. Zwischen 2001 und 2009 ist die Fahrleistung von Menschen zwischen 16 und 34 um insgesamt 23 Prozent zurückgegangen.
Fazit
Eine Analyse der US-Fahrleistung zeigt, dass auch in den USA eine positive Entwicklung eingesetzt hat. Die zurückgelegten Fahrzeugkilometer sinken seit mehreren Jahren und sind nicht mehr nur mit den Folgen der Wirtschaftskrise zu erklären. Auch in Deutschland beobachtete die Verkehrswissenschaft im Jahr 2008 erstmals einen Rückgang der Pkw-Nutzung im Vergleich zum Jahr 2003. Ob dieser Trend nachhaltig und sowohl für Nordamerika als auch Westeuropa gültig ist, wird man in den kommenden Jahren näher betrachten müssen. Ein Verkehrsmengenwachstum, wie es beispielsweise in der Bundesverkehrswegeplanung unterstellt wird, kann daher nicht mehr ex ante festgelegt werden.
In Analogie zum Computer-Geek / -Nerd hat sich in den letzten Jahren auch eine Art ÖPNV-Geeks/Nerds gebildet. Menschen, die sich intensiv mit dem öffentlichen Personennahverkehr auseinandersetzen und eine große Liebe zum Detail an den Tag legen. Man kann diese Menschen sicherlich auch als etwas altmodischer ÖPNV-Enthusiasten bezeichnen.
Randall Munroe, einer der Köpfe hinter der sehr bekannten amerikanischen Geek-Comic-Webseite xkcd hat ganz im Wesen eines Geeks seine ganze Liebe zum Detail in einen landesweiten U-Bahn-Netzplan gesteckt.
Der Netzplan zeigt alle U-Bahn-Systeme in Nordamerika, als ob sie miteinander verbunden waren. Dabei folgen die Linienverläufe relativ realitätsgenau den Eisenbahnlinien von Montreal bis Santo Domingo und Mexico City, nach Los Angeles und zurück nach Vancouver.
Ein Geek wäre aber kein Geek, wenn er sich mit einem Thema nicht auch spielerisch beschäftigen würde. So enthält die Karte auch einige Fantasie-Linien wie die Springfield Monorail (Simpsons-Fans vor!) und die Linie zum “graveyard for passengers killed by closing doors” kurz hinter Washington D.C. (die Washingtoner U-Bahn ist bekannt für ihre schnell schließenden Türen). In der Karte sind noch viele weitere Scherze versteckt, für die man jedoch zum Teil Kenntnisse über den US-amerikanischen ÖPNV benötigt.
Es existiert auch noch ein ähnlicher landesweiter U-Bahn-Netzplan (Urheber unbekannt), der jedoch ein wenig unübersichtlicher ist und auf die vielen witzigen Elemente verzichtet.
Veröfentlicht am 3. März 2013 (Stand: 03.03.2013) in den Kategorien Umwelt,USA
Ende Februar 2013 fand am UCLA Institute for Environment and Sustainability eine Podiumsdiskussion zum Thema “Urban Sustainability in North American Cities” statt. Teilnehmer des hochkarätig besetzten Podiums waren der Bürgermeister von Los Angeles, Antonio Villaraigosa, und der ehemalige Bürgermeister von Toronto, David Miller. Beide Bürgermeister sind Vorreiter der ökologischen Stadtentwicklung in Nordamerika und können auch als Beispiel für andere Städte auf der Welt dienen.
Alle Metropolen und Ballungsräume konkurrieren mittlerweile um die besten Köpfe, Unternehmen und Institutionen. Eine hohe Lebensqualität ist ein immer wichtiger werdender Standortfaktor in diesem Wettbewerb. Der Umbau der jeweiligen Verkehrssysteme ist ein wichtiger Teil in diesem globalen Wettkampf. Gewinnen wird diejenige Stadt, die ein möglichst attraktives, sozial und ökologisch verträgliches, energieeffizientes, flächensparendes, günstiges, komfortables, flächendeckendes, unbeschränktes und einfach zu nutzendes Verkehrsangebot anbieten kann.
Pacific Electric red car auf einer Stahlbrücke über den Fletcher Drive in Atwater Village, Los Angeles – Foto: Donald Duke, Metro Transportation Library and Archive Collection via Atwater Village Newbie @ Flickr – CC BY-SA 2.0
Los Angeles Bürgermeister Antonio Villaraigosa hat in den vergangenen Jahren hart an der Verbesserung verschiedenster Bereiche gearbeitet: Er möchte ein L.A. der Zukunft mit einer höheren Energieeffizienz, einem geringeren Wasserverbrauch, mehr Recycling, einem saubereren Hafen (beispielsweise mit dem SIEMENS eHighway für die Interstate 701), geringeren Schadstoffemissionen, weniger Lärm, weniger Partikel aus Dieselmotoren, weniger Schwefeldioxid und Stickstoffoxiden in der Luft. Aus diesem Grund soll in Los Angeles auch ab 2025 keine Kohle mehr verfeuert werden. Und er startete einen ambitionierten Plan zur Entwicklung der Radverkehrsinfrastruktur (2.500 Kilometer neue Radwege).
Und natürlich hat Los Angeles die Möglichkeit durch die Nähe zu innovativen Startups Technologie und Innovationen für eine bessere Umwelt zu nutzen und zu fördern.
Torontos Ex-Bürgermeister Miller hat in seiner Amtszeit einen milliardenschweren Plan zur Bekämpfung des Klimawandels und zum ökologischen Stadtumbau Torontos aufgestellt. Gegen anfänglichen Widerstand aus dem Stadtrat und der lokalen Wirtschaft. Miller war sich jedoch der breiten Unterstützung aus der Bevölkerung sicher. Er betont intensiv die Wichtigkeit von Führung und der Notwendigkeit relativ schnellen und sichtbaren Erfolges. In Toronto war dies beispielsweise die Reduktion des Smogs.
Miller sprach auch über die Gewinnung von Unterstützung aus der Bevölkerung. Durch kleine Projekte, die von Botschaftern in ihren Nachbarschaften umgesetzt werden, lassen sich große Effekte erzielen. In Toronto startete Miller eine Initiative für zrbane Farmen, Solaranlagen und Geothermie-Projekte, die von den Bürgern selbst gestartet und durchgeführt werden sollen. Dafür stellte die Stadt Mikrokredite in Höhe von 120 Millionen Dollar bereit.
Beim damals 25-jährigen New Yorker Filmmacher Jason DaSilva wurde 2005 eine seltene Form der Multiplen Sklerose (MS) diagnostiziert. Ein Jahr später begann er, seine Krankheit filmerisch festzuhalten. Der Dokumentarfilm “When I Walk” soll 2013 erscheinen. In der Dokumentation berichtet DaSilva von seinen täglichen Erfahrungen, die er mit seiner chronisch-entzündlichen Entmarkungserkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), erlebt, von den Veränderungen seiner täglichen Routinen und den Kampf mit sich und seinem Tagesablauf, als er Stück für Stück seine Fähigkeit Laufen zu können verliert.
Als er 2007 keine behindertengerechte Toilette in New York City fand, beschloss er den Kartendienst AXS Map aufzubauen. In diesem Onlinedienst können Nutzer die Barrierefreiheit von Gebäuden bewerten.
DaSilva berichtet zudem, dass nicht die Multiple Sklerose ihn erschöpft, sondern vielmehr die zahlreichen Barrieren, denen er als Rollstuhlfahrer ausgesetzt ist. Seine Heimatstadt New York versteht sich als moderne und progressive Stadt, allerdings bleibt die Stadt in Sachen Barrierefreiheit weit hinter anderen Städten wie London, Vancouver, Toronto, San Francisco und Washington D.C. zurück.
Seine Odyssee von Williamsburg, ein Stadtteil des New Yorker Stadtbezirks Brooklyn, nach Manhattan ist recht beschreibend für die Probleme, denen Rollstuhlfahrer im New Yorker ÖPNV ausgesetzt sind. Zwar haben viele U-Bahn-Stationen einen behindertengerechten Ein- und Ausgang, allerdings ist der Übergang von einer Linie zur anderen nicht barrierefrei gestaltet. Damit entfällt die U-Bahn oftmals als mögliches Verkehrsmittel. New Yorker Busse und Fähren sind zwar durchgängig barrierefrei, jedoch muss man oftmals große Umwege in Kauf nehmen, um an sein Ziel gelangen.
Eine Fahrzeit von anderthalb Stunden für drei Stationen ist für Rollstuhlfahrer mit Sicherheit keinesfalls akzeptabel! Umso schlimmer ist es, dass das New Yorker Taxi of Tomorrow, das die bisherige Taxiflotte ersetzen soll, ebenfalls nicht barrierefrei ist. DaSilva hat mit “The Long Wait” einen interessanten Kurzfilm über seine Probleme mit dem New Yorker Nahverkehr geschaffen, den ich hiermit empfehlen möchte.
Jason DaSilvas Film “When I Walk” soll 2013 auf dem 2013 Sundance Film Festival Premiere feiern.
Für jede Szene wurden zunächst Aufnahmen von 20 – 30 Minuten Länge gemacht, die Frame für Frame gesichtet wurden. Zusammengeschnitten wurden die Teile, die Straßen ohne Fahrzeuge zeigen. Die statischen Ausschnitte der Straßen wurden wieder in den bewegten Hintergrund eingesetzt.
Das Video war ein so großer Erfolg, dass schon länger weitere Filme geplant waren. Möglich wurde dies allerdings erst, als Youtube die Premium Channel ankündigte und Trash Lab geschaffen wurde.
Entstanden sind vier großartige Videos, die amerikanische Städte als menschenleere Orte erscheinen lassen. (weiterlesen …)
Veröfentlicht am 18. November 2012 (Stand: 18.11.2012) in den Kategorien Eisenbahn,USA
Zur Entspannung und leichten Information zum Wochenende empfehle ich heute das folgende Zeitraffervideo über den (Orange) Juice Train, das Generel Electric veröffentlicht hat. Der “Saftzug” ist einer der erfolgreichsten und bekanntesten Güterzüge der USA, der bereits seit mehreren Jahrzehnten Tropicana Orangensaft von Florida nach New Jersey transportiert.
Tropicana wurde 1947 in Bradenton, Florida von Anthony T. Rossi, einem italienischen Immigranten gegründet. Mit der Zeit wuchs das Unternehmen von 50 Mitarbeiter auf über 8.000 im Jahr 2004. Tropicana wurde im Jahr 1998 von PepsiCo übernommen und durch mehrere Fusionen und Übernahmen zum weltweit größten Produzenten von Marken-Fruchtsäften gemacht.
In den Anfängen war das Unternehmen ein kleiner Orangensaftproduzent, der vor allem die umliegenden Städte und Gemeinden in Florida versorgt. Durch die wachsende Nachfrage an der Ostküste wurden aber bereits 1957 jede Woche 5,7 Millionen Liter per Schiff nach New York transportiert.
1970 wurde der Tropicana Orangensaft in Kühlwagen im Einzelwagenverkehr von Florida nach Kearny, New Jersey, gebracht. Im nächsten Jahr benötigte das Unternehmen bereits zwei 60-Wagen-Züge, um 3,8 Millionen Liter Orangensaft nach New Jersey zu bringen. Am 7. Juni 1971 wurde der ”Great White Juice Train”, der erste eigene Wagenpark der Lebensmittelindustrie bestehend aus 150 Kühlwagen, in Dienst gestellt. Dieser wurde kurz darauf um 100 weitere Wagen, die mit Kühlaggregaten nachgerüstet wurden, ergänzt. In den ersten zehn Betriebsjahren sparte Tropicana auf der 2.012 Kilometer langen Strecke etwa 40 Millionen Dollar an Treibstoffkosten.
Zu Anfang wurde Traktionsleistung von Penn Central zugekauft, die Lokomotiven und das Streckennetz stellten. Nach dem Konkurs im Jahre 1970 (siehe auch Wikipedia) wurden die Penn Central-Aufgaben auf die staatseigene Eisenbahngesellschaft Conrail übertragen. Nach diversen Restrukturierungsprozessen gab Conrail schrittweise Strecken ab. So wurde beispielsweise der Nord-Ost-Korridor an Amtrak übergeben. Im Großraum Philadelphia übernahm der regionale Verkehrsbetrieb SEPTA die Aufgaben im Nahverkehr. In New Jersey wurden die noch nicht von der Verkehrsbehörde NJ Transit bedienten Conrail-Dienste NJ Transit unterstellt. In den Bundesstaaten New York und Connecticut übernahm die Metro North Railroad, eine Tochter der Metropolitan Transportation Authority (MTA), die die U-Bahnen und Busse sowie seit 1966 die S-Bahnen der Long Island Railroad (LIRR) betreibt, den Conrail-Nahverkehr. Im Raum Boston zeichnete nun die MBTA verantwortlich, die Amtrak mit dem operativen Betrieb bis 2003 betraute.
Mit der Zeit wuchs die Wagenflotte und das Angebot des Juice Train weiter an. Mittlerweile werden neben den traditionellen weißen Waggons auch orangefarbene und blaue eingesetzt. Der Zug fährt mittlerweile zehn Mal die Woche nach Jersey City und Cincinnati. Die Verbindung Cincinnati – Florida wurde 1997 aufgenommen. Zudem fahren einzelne Züge die 4.800 Kilometer lange Strecke bis nach Kalifornien.
Nach einer Übernahmeschlacht Mitte der achtziger Jahre und dem daraufhin folgenden Börsengang von Conrail im Jahr 1987, übernahm CSX 1999 einen 42 Prozent-Anteil. Die restlichen Anteile gingen an die Norfolk Southern Railway.
Der Tropicana-CSX Juice Train gilt heutzutage als Beispiel für modernen Eisenbahngüterverkehr, der sich erfolgreich gegen den Lkw-Verkehr behaupten kann. Der Zug ist Objekt vieler Studien und wurde mittlerweile mehrfach ausgezeichnet.
Die 973 Meter langen Züge transportieren heute 5.405 Tonnen Orangensaft. Die Züge werden von zwei 4.400 PS starken GE Evolution Series Tier 3 Lokomotiven gezogen (Informationen).
Am kommenden Dienstag wird in den USA der 57. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Mit dem Amtsinhaber Barack Obama und dem Herausforderer Mitt Romney stehen sich zwei Kandidaten gegenüber, die sich politisch sehr stark unterscheiden. Die Unterschiede in den verschiedenen Politikbereichen können hier abgerufen werden.
Die Verkehrspolitik spielt in diesem Wahlkampf nur eine untergeordnete Rolle. Dominiert wird der Kampf ums Weiße Haus eindeutig von der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. Nichtsdestotrotz haben beide Kandidaten unterschiedliche Ansätze im Infrastruktur- und Verkehrsbereich, die ich hier kurz vorstellen möchte.
Der Status Quo
Große Teile der US-Verkehrsinfrastruktur sind baubedürftig. Insbesondere das US-Highwaynetz mit seinen vielen Brücken schiebt einen Investitionsstau vor sich her. Ebenso besteht ein großer Investitionsbedarf im Schienennetz. Pro Jahr müssten zusätzliche zwanzig Milliarden Dollar für den Infrastrukturunterhalt bereitgestellt werden. Ökonomen warnen, dass die Defizite im Infrastrukturbereich die Wettbewerbsfähigkeit der USA bedrohen könnten. Laut der American Society of Civil Engineers könnte bis 2020 ein volkswirtschaftlicher Schaden von 3,1 Billionen Dollar wegen Mängeln in der Infrastruktur entstehen.
Das World Economic Forum setzt die USA bei einem internationalen Vergleich der Infrastrukturqualität auf den 24. Platz. 2002 befanden sich die Vereinigten Staaten noch auf den fünften Platz. Laut dem amerikanischen Think Tank Council on Foreign Relations, der Rat für auswärtige Beziehungen, geben Industrieländer im Durchschnitt 53 Prozent mehr von ihrem BIP für die Infrastruktur aus als die USA.
Der republikanische Präsidentschaftskandidat Romney hat allerdings größere Probleme seine Wählerschichten mit Infrastrukturinvestitionen anzusprechen. Zwar haben auch der Mittlere Westen und die ländlichen Gebiete einen Investitionsbedarf; der Nutzen ist aber in den Metropolen und Ballungsgebieten um ein Vielfaches höher. Die United States Conference of Mayors (vergleichbar mit dem Deutschen Städtetag) hat beispielsweise gefordert, Finanzmittel lieber in den größeren Städte zu investieren als Brücken irgendwo im Nirgendwo zu bauen.
Obamas mehr oder weniger erfolgreiche Versuche der letzten Jahre
US-Präsident Obama hat in den vergangenen Jahren mehrere Konjunkturpakete mit Infrastrukturbezug aufgelegt. So wurden Finanzmittel für Ausbesserungsmaßnahmen im Straßen- und Eisenbahnnetz zur Verfügung gestellt, sowie mehrere Bürgschaften und Fördermittel für den Aufbau eines US-Hochgeschwindigkeitseisenbahnnetzes bereitgestellt. Zur Flankierung dieser Maßnahmen wurde eine US-Infrastrukturbank gegründet, die an Bundesstaaten und Kommunen zinsgünstige Kredite vergibt. Diese sollen in Kombination mit privaten Mitteln das notwendige Kapital bereitstellen (siehe auch: “Obama: Elektroautos, Hochgeschwindigkeitszüge und die Instandhaltung der Infrastruktur” und “Der 53 Milliarden Dollar Plan“).
In den vergangenen zwei Jahren konnten diese Maßnahmen jedoch nicht die gewünschte Wirkung entfalten, da viele Finanzmittel im US-Kongress von der republikanischen Mehrheit blockiert wurden. Insbesondere traten Widerstände beim Ausbau des Eisenbahnnetzes auf, die auch aus den Bundesstaaten selber kamen. Als Beispiel sei hier die oppositionelle Haltung von New Jerseys Gouverneur Christie und Floridas Gouverneur Scott genannt, die mehrere Hundert Millionen Dollar Bundesmittel für den Bau von Hochgeschwindigkeitsstrecken in ihren Bundesstaaten ablehnten.
Das Tandem Romney / Ryan: Einschwenken auf den Kurs von George W. Bush
Der republikanische Präsidentschaftskandidat möchte den Einfluss auf verkehrspolitische Entscheidungen aus Washington D.C. verringern. Stattdessen sollen die Bundesstaaten mehr Entscheidungsmacht erhalten. Romney lehnt die Bereitstellung von staatlichen Mitteln für die Verkehrsinfrastruktur zur Förderung der Konjunktur nicht ab, allerdings fordert er eine strikte Auswahl der förderungswürdigen Projekte nach Kosten-Nutzen-Faktor. Bürgschaften und Kredite sollen hauptsächlich an Projekte vergeben werden, die einen steten Rückfluss von Finanzmitteln über Nutzungsentgelte, Maut oder Gebühren generieren. Kritiker fürchten, dass dadurch vor allem der ländliche Raum und Städte mit großen Finanzproblemen weitere Probleme bekommen und sinnvolle Projekte nicht durchgeführt werden.
Unter einer Romney / Ryan-Regierung würden die amerikanischen Hochgeschwindigkeitszugpläne unter Beschuss geraten. Obama stellte für erste Strecken acht Milliarden Dollar Finanzmittel bereit. Dies wurde von den Republikanern als extravagant und verschwenderisch angesehen. Die Förderung von Hochgeschwindigkeitszugverkehr wurde im Repräsentantenhaus und im Senat von den Republikanern unter teilweiser Zustimmung der Demokraten gestoppt. Mit einem republikanischen Präsidenten dürfte sich der Traum von schnellen Zügen in den USA für längere Zeit zerschlagen.
In einem ersten Haushaltsentwurf des Vize-Präsidentschaftskandidaten Ryan ist eine Reduktion des Budgets für Verkehr und Infrastruktur um 25 bis 35 Prozent vorgesehen. Ob eine Kürzung allerdings durchsetzbar ist, bleibt abzuwarten. Weitere Details der US-Infrastrukturfinanzierung unter Romney und Ryan sind bei Transportation Issues Daily und The Transport Politic zusammengefasst.
Romney möchte des Weiteren den nationalen amerikanischen Schienenpersonenverkehr unter der Marke Amtrak privatisieren. Staatliche Zuschüsse für den Schienenverkehr sollen gestoppt werden. Ebenfalls sollen Teile der Luftraumüberwachung privatisiert werden. Mittel aus dem U.S. Highway Fund sollen nicht mehr für den Nahverkehr oder die Förderung des Radverkehrs umgeschichtet werden.
The current Administration has changed that, replacing civil engineering with social engineering as it pursues an exclusively urban vision of dense housing and government transit.
Weder Obama noch Romney wollen die Finanzierungslücke im Verkehrssektor über eine Erhöhung der Kraftstoffsteuer schließen bzw. verringern. Der Steuersatz wurde zuletzt im Jahr 1993 angehoben und seitdem auch nicht an die Inflation angepasst. Allerdings lehnen die Republikaner auch eine Einführung einer fahrleistungsabhängigen Steuer bzw. Maut sowie ähnliche Abrechnungsmodelle ab. Dies sei eine staatliche Einmischung in das Fahrverhalten jedes Bürgers.
I think that increasingly not only experts, but also voters, recognize the old urban-suburban-exurban divide doesn’t really make sense anymore. When you look at states here in the Midwest, cities are the economic engines for the suburbs.
- Präsident Obama im Interview mit The Plain Dealer vom 29. September 2012
Romney lehnt allerdings auch die Funktionsweise der US-Infrastrukturbank ab, da er keine staatlichen Institutionen, die Fannie Mae und Freddie Mac ähnlich sind, möchte. Stattdessen sollen vermehrt Private-Public-Partnerships zur Refinanzierung des Infrastrukturbedarfs genutzt werden. Um Verkehrsbauprojekte zu beschleunigen, sollen Umweltauflagen reduziert und Planungsprozesse vereinfacht werden.
Durch die Schaffung des neuen Ministeriums sollte eine bessere Koordinierung der einzelnen Fachbereiche erreicht werden. Als besonders wichtig erschien ihm die Reduktion des Flächenverbrauchs. Die Aufgaben des OCD erschließen sich sehr gut durch die Förderrichtlinien, die für staatliche Beihilfen für Kommunen zu erfüllen sind.
Sprawl is the most important quality-of-life issue facing Massachusetts
Interessanterweise startete Romney auch verschiedene Förderprogramme. Ein neues Gesetz mit dem Namen ”Chapter 40R” ermöglichte Städten und Kommunen beispielsweise den Erhalt von Fördermitteln zur Umgestaltung von Stadtteilen hin zu kompakteren und fußläufigeren Einheiten.
By targeting development to areas where there is already infrastructure in place, not only can we revitalize our older communities, but we can also curb sprawl as well.
Der öffentliche Personennahverkehr im Großraum Boston wird von Mass Bay, der lokalen Verkehrsbehörde bedient. Nach erheblichen Defiziten forderte Romney keineswegs die Privatisierung des ÖPNV, sondern unterschrieb ein Gesetz zur Erhöhung der Fahrpreise. Nach erheblichen Protesten, dass der kleine Mann für die Verfehlungen einzustehen habe, setzte er dieses wieder außer Kraft und stellte Finanzmittel bereit um das Angebot zu verbessern und somit neue Kunden zu gewinnen. Auch die Verteilung der Finanzmittel war nicht gegen den ÖPNV gerichtet. So wurde das Budget für den Straßenunterhalt auf 12 Milliarden Dollar festgelegt und das Budget für den Nahverkehr auf neun Milliarden Dollar.
Nichtsdestotrotz erhielt sein neues Ministerium 2006 den National Award for Smart Growth Achievement der US Environmental Protection Agency (amerikanische Umweltschutzbehörde).
Im Juni 2009 ordnete US-Präsident Obama die Zusammenarbeit zwischen der Umweltschutzbehörde, dem US-Verkehrsministerium und dem Ministerium für Wohnen und Stadtentwicklung neu. Als Vorbild diente Romneys Office for Commonwealth Development. In den kommenden Jahren wurden mehr als 3,5 Milliarden Dollar an über 700 Kommunen verteilt.
Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass Romney diese Struktur beibehalten oder gar fördern wird. Dies widerspricht diametral seinen Grundsätzen. So möchte er die Entscheidungsgewalt auf Ebene der Bundesstaaten konzentrieren und nicht mit einer Bundesbehörde koordinieren. Zudem ist es unklar, ob er ein solches Förderprogramm gegen die konservative Basis und insbesondere die Tea Party durchsetzen könnte.
Die konservative Kraft in der an sich bereits konservativen Partei sieht hinter allen Programmen für nachhaltiges Wachstum eine Verschwörung. Die nur schwer nachvollziehbaren Befürchtungen ergeben sich aus einem unverbindlichen Plan der Vereinten Nationen. Die sogenannte “Agenda 21” hat die amerikanische Rechte aufgeschreckt. Im Allgemeinen soll das Programm dazu betragen, dass alle Menschen weltweit ihre Grundbedürfnisse befriedigen können, einen höheren Lebensstandard erreichen, in einer intakten geschützten Umwelt leben und Land nachhaltig genutzt und verwaltet wird.
Seit dem Beschluss im Rahmen der Rio-Konferenz 1992 wurde der Plan von fast allen Ländern weitgehend ignoriert. Auch in den USA verstaubte das Papier in den Archiven und Schreibtischen, bis die Tea Party darauf aufmerksam wurde und das Ende der Souveränität der Vereinigten Staaten heraufbeschwor (natürlich besteht dazu keinerlei Anlass).
WHEREAS, the United Nations Agenda 21 is a comprehensive plan of extreme environmentalism, social engineering, and global political control … and,
WHEREAS, the United Nations Agenda 21 is being covertly pushed into local communities throughout the United States of America through the International Council of Local Environmental Initiatives (ICLEI) through local “sustainable development” policies such as Smart Growth, Wildlands Project, Resilient Cities, Regional Visioning Projects, and other “Green” or “Alternative” projects; and,
WHEREAS, this United Nations Agenda 21 plan of radical so-called “sustainable development” views the American way of life of private property ownership, single family homes, private car ownership and individual travel choices, and privately owned farms; all as destructive to the environment …
Das Romney stark unter Druck und dem Einfluss der Tea Party steht, konnte man bereits erkennen, als Massachusetts überraschenderweise aus der Initiative zur Verringerung der Treibhausgasemissionen im Nordosten der USA ausstieg. Romneys Entscheidung überraschte damals sogar den Leiter des neuen Ministeriums Foy, der das Programm mitentworfen hatte und sich daraufhin aus dem Ministerium zurückzog.
Letztendlich kann man Romney am Besten mit den Worten eines Mitarbeiters des Office of Commonwealth Development beschreiben:
Romney the governor was very active on the environment and smart growth and, for a time, climate change.” And now? “His positions on those topics have certainly changed, so I’m not sure what to think.
Infrastrukturprojekte zu planen und umzusetzen, dauert seine Zeit. Daher werden Artikel in diesem Blog ständig aktualisiert. Es lohnt sich also, bereits gelesene Artikel nochmals aufzurufen.
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Flugzeuge sind Grenzkosten mit Flügeln. Alfred E. Kahn (*1917), amerik. Wirtschaftswissenschaftler u. Politiker
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In diesem Blog möchten wir die Strategien für die Mobilität von morgen skizzieren, informieren und diskutieren. Wir möchten uns mit diversen Problemen unserer Zeit beschäftigen und dabei alle Verkehrsträger im Blick behalten. Dieser Blog soll dabei helfen, die Herausforderungen von morgen ein wenig mehr ins Bewusstsein zu rücken, Alternativen und mögliche Lösungsansätze vorzustellen und umfassend zu informieren: