Straßenverkehr Verkehrspolitik

Die deutsche Tankposse

Manche Geschichten wiederholen sich. Bereits im August 1986 titelte der SPIEGEL: “Raser ratlos

Damals ging es nicht um die Einführung des Kraftstoffs E10, sondern um bleifreies Normalbenzin. Genauso wie heute verschmähten die deutschen Autofahrer den neuen Sprit und tankten lieber verbleites Benzin als die neue Sorte.

Auch hier lag der Grund nahe:

Warum die Kraftfahrer dem Umweltgift (Anmerkung: gemeint ist bleihaltiger Treibstoff) so unverbrüchlich die Treue halten, darüber rätseln die Fachleute seit Monaten. Sie einigten sich einstweilen auf eine naheliegende Vermutung, die Aral-Chef Klaus Marquardt so formulierte: “Zu wenige Autofahrer wissen, ob ihr Motor bleifrei fahren kann oder nicht.” Abgesandte des ADAC haben an der Tankstelle Blei-Tanker befragt. “90 Prozent”, so das Ergebnis, “wußten nicht oder nicht genau, was mit ihrem Auto möglich sei.”

Heute liegt der Anteil deutscher Autofahrer, die wissen, ob Ihr Auto den E10-Sprit verträgt bei 32,5 Prozent. An vielen Tankstellen herrscht große Unsicherheit, ob der Motor Kraftstoff mit 10% Ethanolanteil verträgt. Die wenigsten wissen, dass in den letzten Jahren jeweils 7% Ethanol bei Dieselkraftstoff und 5% bei Otto-Kraftstoffen zugesetzt wurde.

Im SPIEGEL 33/1986 ist des Weiteren folgender Abschnitt zu lesen:

Aber Mißtrauen gegen das unbekannte neue Gebräu ist unverkennbar; offenbar zahlen die Leute lieber zwei Pfennig mehr für den bewährten Gift-Kraftstoff, dem ihr Vertrauen gilt. “Vielleicht”, so eine junge Frau bei der ADAC-Befragung, “schadet Bleifrei der Motor-Lebensdauer?”

Auch heute sind viele Autofahrer verunsichert. Aus Sorge um die Motoren ihrer Autos wollen viele das Benzin mit einem höheren Ethanolanteil nicht tanken. Insbesondere Schäden an Kunststoffschläuchen, Gummidichtungen und Aluminiumbauteilen werden befürchtet. Diese Diskussion trifft aber nicht des Pudels Kern.

Kraftstoff E10 Ethanol Boykott DeutschlandBild: volkerhoffmann11, Youtube-Excerpt

Natürlich hat die Mineralölwirtschaft und die Politik bei der Informationspolitik kläglich versagt. Die verständliche Kommunikation bei der Umsetzung von Gesetzen, Verordnungen, Infrastrukturprojekten oder der Einführung eines neuen Treibstoffes war noch nie Stärke der Politik.

Das Problem mit dem Kraftstoff E10, der als sogenannter “Biosprit” angepriesen wird, ist die Tatsache, dass es immer noch mehr Sprit als Bio ist.

Bioethanol wird aus Pflanzen hergestellt, zum Beispiel Weizen, Raps und Zuckerrüben. Dies ist generell zu begrüßen, da nur die Menge CO2 emittiert werden kann, welche die Pflanzen in ihrer Wachstumsphase gebunden haben. Allerdings werden in vielen Ländern große Waldflächen gerodet um den europäischen und amerikanischen Hunger nach Agrosprit zu stillen. Vor allem Brandrodungen im Amazonasgebiet schädigen das Klima viel stärker, als der Agrosprit das Klima theoretisch schützen könnte.

Berechnungen von Greenpeace haben sogar ergeben: Autos mit E10 im Tank emittieren auf 100 Kilometer bei konstant gleicher Geschwindigkeit genau so viel CO2 wie Autos mit herkömmlichen Sprit. Sowohl die Ernte als auch die Herstellung des Ethanols emittieren CO2, das der Klimafreundlichkeit des Sprits erheblich schadet. Insbesondere bei der Feldarbeit der Landmaschinen, bei der Stickstoffdüngung und der Herstellung von Mineraldünger werden große Mengen an Klimagasen frei.

Ein großes Problem ist auch der Unsinn mit Weizen, Mais und Zucker Tanks statt Mägen zu füllen. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung, steigenden Nahrungsmittelpreisen und einem Klimawandel, der große Gebiete fruchtbaren Ackerbodens austrocknet oder überschwemmt, können wir es nicht mit unserem Gewissen ausmachen, Essen in den Tank zu füllen.

Mit einem generellen Tempolimit, einem CO2-basiertem Kraftfahrzeugsteuersystems und modernen spritsparenden Fahrzeugtechniken könnten wir den CO2-Ausstoß des motorisierten Individualverkehrs ohne große Einschränkungen sehr schnell senken. Durch ein konsequentes Tempolimit könnten zwei Millionen Tonnen Emissionen im Jahr vermieden werden. Mehrere Dutzend Millionen Treibhausgase würde hingegen Jahr für Jahr weniger in die Luft geblasen, wenn der Last- und Personenverkehr konsequent auf die Schiene verlagert würde.

Der Kraftstoff E10 hilft nicht viel.

Randelhoff Martin

Herausgeber und Gründer von Zukunft Mobilität, arbeitet im Hauptjob im ARGUS studio/ in Hamburg. Zuvor war er Verkehrswissenschaftler an der Technischen Universität Dortmund.
Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum und nachhaltige Verkehrskonzepte.

Kontaktaufnahme:

Telefon +49 (0)351 / 41880449 (voicebox)

E-Mail: randelhoff [ät] zukunft-mobilitaet.net

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
1 Kommentar
Inline Feedbacks
View all comments

Jetzt abonnieren

4.416Fans
8.046Follower
2.618RSS-Abonnements
990Follower
  

Neue Diskussionsbeiträge

  • Norbert zu News- und Diskussionsfaden Juni 2024Die andere Seite der Medaille: https://www.spiegel.de/wissenschaft/bundesverfassungsgericht-rechte-von-falschparkern-bekraeftigt-halter-nicht-immer-der-taeter-a-308581d9-2a2e-4832-9be2-10fc72c6dbe2 Ein Herz für schweigende Falschparker. So kann keine Kommune kostendeckend arbeiten, um das Problem in den Griff zu bekommen.
  • Norbert zu News- und Diskussionsfaden Juni 2024Mal wieder eine an der Oberfläche kratzende Doku, diesmal n-tv. https://www.youtube.com/watch?v=xveVxjd3Bn4 Aber ohne Definition, was diese Verkehrswende sein soll, fehlt gleich ganz.
  • Norbert zu News- und Diskussionsfaden Juni 2024Fast jedes zweite Verkehrsunternehmen in Deutschland sieht sich gelegentlich gezwungen, seinen Betrieb wegen Personalengpässen vorübergehend einzuschränken. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbandes VDV, https://www.spiegel.de/auto/fahrermangel-personalmangel-zwingt-verkehrsunternehmen-teils-zu-betriebseinschraenkungen-a-02e522…
  • Randelhoff Martin zu News- und Diskussionsfaden Juni 2024In Großbritannien werden Kabelverzweiger des Telefonnetzes, welches aufgrund der Umstellung auf Glasfaser nicht mehr benötigt werden, zum Ausbau der Ladeinfrastruktur für batterieelektrische Fahrzeuge genutzt - https://www.fastcompany.com/91130079/britain-has-a-clever-plan-to-expand-its-ev-charging-network
  • Randelhoff Martin zu News- und Diskussionsfaden Juni 2024Das Ladesäulenregister der Bundesnetzagentur zur öffentlichen Ladeinfrastruktur enthält 98.216 Normalladepunkte und 25.233 Schnellladepunkte, die am 1. Januar 2024 in Betrieb waren. An den Ladepunkten können gleichzeitig insgesamt 4,35 GW Ladeleistung bereitgestellt werden. - https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/E-Mobilitaet/sta…

Auszeichnungen

Grimme Online Award Preisträger 2012

Zukunft Mobilität hat den Grimme Online Award 2012 in der Kategorie Information erhalten. Ich möchte mich bei all meinen Lesern für die Unterstützung bedanken!

PUNKT Preisträger 2012

Zukunft Mobilität hat den PUNKT 2012 der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) in der Kategorie "Multimedia" gewonnen.

Logo VDV Verband Deutscher Verkehrsunternehmen

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V. (VDV) hat mich im Rahmen der VDV-Jahrestagung 2013 in Mainz als “Talent im ÖPNV” des Jahres 2013 ausgezeichnet. Der VDV vertritt rund 600 Unternehmen des Öffentlichen Personennahverkehrs, des Schienenpersonennahverkehrs, des Schienengüterverkehrs, der Personenfernverkehrs sowie Verbund- und Aufgabenträger-Organisationen.

Lizenz

Zukunft Mobilität Creative Commons

Die Inhalte dieses Artikels sind - soweit nicht anders angegeben - unter CC BY-SA 3.0 de lizensiert. Grafiken sind von dieser Lizenz aus Vereinfachungs- und Schutzgründen ausgenommen (Anwendung aufgrund der Verwendung von Grafiken / Bildern mit unterschiedlichen Lizenzen zu kompliziert) außer die CC-Lizenz ist ausdrücklich genannt.

Weitere Informationen

Verfasst von:

Randelhoff Martin

Herausgeber und Gründer von Zukunft Mobilität, arbeitet im Hauptjob im ARGUS studio/ in Hamburg. Zuvor war er Verkehrswissenschaftler an der Technischen Universität Dortmund.
Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum und nachhaltige Verkehrskonzepte.

Kontaktaufnahme:

Telefon +49 (0)351 / 41880449 (voicebox)

E-Mail: randelhoff [ät] zukunft-mobilitaet.net