urbane Mobilität

[Video zum Wochenende] Istanbul in Bewegung

Istanbul – Wunderschön und im ständigen Wandel. Die nach Einwohnerzahl viertgrößte Stadt der Welt mit ihren 14,16 Mio. Einwohnern (2013) und enormen Wachstumsprognosen (Einwohnerprognose für das Jahr 2025: 15,5 Millionen) erfordert durch die besondere geografische Lage am Bosporus spezielle Verkehrslösungen.

Mit seinen zahlreichen Hügeln und engen Straßen leidet Istanbul sehr stark unter Verkehrsstaus. Auch die beiden Bosporusquerungen sind Nadelöhre (eine dritte Brücke ist derzeit im Bau). Auf der asiatischen Seite der Stadt sind die öffentlichen Verkehrsmittel zudem völlig überlastet. Entsprechende Investitionen in den Ausbau und die Erweiterung der Kapazität sind notwendig. Insgesamt will Istanbul in den kommenden Jahren zusätzlich zu den 1,6 Milliarden US-Dollar für laufende Bauvorhaben weitere 4,9 Milliarden US-Dollar in Straßenbahn- und U-Bahn-Projekte investieren.

Sehr problematisch ist auch die mangelnde Kommunikation und Abstimmung zwischen den einzelnen Behörden, welche entweder nur für gewisse Stadtteile bzw. nur einzelne Verkehrsträger zuständig sind und diese isoliert betrachten bzw. planen.

Die Struktur, die Probleme und die Herausforderungen, vor denen insbesondere der Istanbuler Nahverkehr steht, hat Tarik Özel sehr gut in seinem Artikel “Öffentlicher Personennahverkehr in Istanbul: Eine Studie über Entwicklung und Zustand des öffentlichen Nahverkehrs in Istanbul” herausgearbeitet.

Am 25. Juli 2014 wurde die Schnellfahrstrecke Eskişehir – Istanbul eröffnet, welche die 570 km lange Schnellfahrstrecke Istanbul – Ankara komplettiert. Der eröffnete Bauabschnitt besteht aus der 188 Kilometer langen Neubaustrecke Eskişehir – Köseköy und der 56 km langen Ausbaustrecke nach Gebze am Stadtrand von Istanbul. Eine Weiterführung ins Istanbuler Stadtzentrum und die Anbindung an den Marmaray-Tunnel ist derzeit in Planung. Die Streckenführung bis zum Bahnhof Istanbul Haydarpaşa soll bis voraussichtlich 2016 fertig gestellt sein.

Schlagzeilen machten auch die Proteste auf dem Taksim-Platz und dem benachbarten Gezi-Park im Jahr 2013. Die Protestwelle begann am 28. Mai 2013 in Istanbul mit Demonstrationen gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks, der unmittelbar an den Taksim-Platz angrenzt. Nach der Eskalation des Konfliktes infolge eines gewaltsamen Polizeieinsatzes am 31. Mai 2013 opponierten Demonstranten in mehreren türkischen Großstädten gegen die als autoritär empfundene Politik der islamisch-konservativen Regierungspartei Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP). Der Gezi-Park wurde bei den Protesten zu einem Symbol zivilgesellschaftlichen Widerstandes gegen das Regierungssystem und gegen überzogene Polizeigewalt.

Neben Protesten gegen den Bau hunderter neuer Einkaufszentren in der Türkei in den kommenden Jahren und dem Abriss histroischer Stadtviertel und deren Bausubstanz zur Errichtung neuer (Luxus-) Wohnanlagen “im kitschig-luxuriösen Stil des modernen Islam” richtet sich der Widerstand auch gegen den Bau weiterer umstrittener Großbauprojekte wie etwa eine dritte Autobahnbrücke über den Bosporus, die Yavuz-Sultan-Selim-Brücke. Mit einer Länge von 1408 Metern soll sie die längste Brücke zwischen Europa und Asien werden. Zum Bau dieser Brücke sollen auf beiden Seiten des Bosporus wichtige Waldgebiete, die unter anderem der Versorgung mit Trinkwasser dienen, durchschnitten und zu Bauland werden.

Ferner richten sich die Proteste gegen den Bau des Istanbul International Airport, eines dritten Flughafens in Istanbul, der zum größten Luftverkehrsdrehkreuz der Welt werden soll, und gegen einen „zweiten Bosporus“, den Istanbul-Kanal.

Trotz aller demokratischen Defizite und planerischen / verkehrlichen Probleme ist und bleibt Istanbul in Sachen Verkehr eine der spannendsten Metropolen weltweit. Nicht umsonst fahren mehrere Dresdner Studenten der Verkehrswissenschaft im September für mehrere Tage in die Türkei und besichtigen / besuchen auch mehrere Einrichtungen und Infrastrukturprojekte in Istanbul.

Randelhoff Martin

Herausgeber und Gründer von Zukunft Mobilität, arbeitet im Hauptjob im ARGUS studio/ in Hamburg. Zuvor war er Verkehrswissenschaftler an der Technischen Universität Dortmund.
Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum und nachhaltige Verkehrskonzepte.

Kontaktaufnahme:

Telefon +49 (0)351 / 41880449 (voicebox)

E-Mail: randelhoff [ät] zukunft-mobilitaet.net

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
1 Kommentar
Inline Feedbacks
View all comments
Torsten
27. Juli 2014 19:23

Der Film “Ecumenopolis – City without Limits”, der sich mit der Entwicklung Istanbuls seit Anfang des 20.Jhs. beschäftigt, geht auch ganz gut auf die sozialen und ökonomischen Hintergründe der Verkehrsentwicklung in der Stadt ein. Da wird z.B. erklärt, warum das für damalige Verhältnisse gut ausgebaute Straßenbahn-Netz in den 50ern geschrottet wurde.

Jetzt abonnieren

4.416Fans
8.046Follower
2.618RSS-Abonnements
990Follower
  

Neue Diskussionsbeiträge

  • Randelhoff Martin zu News- und Diskussionsfaden Juni 2024Die Hamburgische Bürgerschaft hat den Plänen des Senats zum Bau einer neuen Köhlbrandbrücke mit rot-grüner Mehrheit zugestimmt. Die Kosten liegen zwischen 4,4 und 5,3 Milliarden Euro. Der Neubau mit einer 20 meter höheren Durchfahrtshöhe für Schiffe soll Anfang der 2040er Jahre stehen - NDR - https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Buergerschaft-macht-Weg-fre…
  • Randelhoff Martin zu News- und Diskussionsfaden Juni 2024Vermittlungsausschuss unterbreitet Einigungsvorschlag zum Bundesschienenwegeausbaugesetz. Dieser betrifft den Umfang von Sanierungsmaßnahmen am Schienennetz und die Kostenverteilung zwischen Bund und Ländern. Empfangsgebäude von Bahnhöfen sind nun förderungswürdige Eisenbahninfrastruktur, wenn das Einkaufen untergeordnet ist. Kosten für den SEV bei Sanierung…
  • Randelhoff Martin zu News- und Diskussionsfaden Juni 2024Einigungsvorschlag des Vermittlungsausschusses beim Straßenverkehrsgesetz: https://www.bundesrat.de/SharedDocs/pm/2024/018.html?nn=4352554 Konkrete Formulierung:  „Die nach Satz 1 erlassenen Rechtsverordnungen und auf ihnen beruhenden Anordnungen müssen neben der Verbesserung des Schutzes der Umwelt, des Schutzes der Gesundheit oder der Unterstützung de…
  • Norbert zu News- und Diskussionsfaden Juni 2024Die andere Seite der Medaille: https://www.spiegel.de/wissenschaft/bundesverfassungsgericht-rechte-von-falschparkern-bekraeftigt-halter-nicht-immer-der-taeter-a-308581d9-2a2e-4832-9be2-10fc72c6dbe2 Ein Herz für schweigende Falschparker. So kann keine Kommune kostendeckend arbeiten, um das Problem in den Griff zu bekommen.
  • Norbert zu News- und Diskussionsfaden Juni 2024Mal wieder eine an der Oberfläche kratzende Doku, diesmal n-tv. https://www.youtube.com/watch?v=xveVxjd3Bn4 Aber ohne Definition, was diese Verkehrswende sein soll, fehlt gleich ganz.

Auszeichnungen

Grimme Online Award Preisträger 2012

Zukunft Mobilität hat den Grimme Online Award 2012 in der Kategorie Information erhalten. Ich möchte mich bei all meinen Lesern für die Unterstützung bedanken!

PUNKT Preisträger 2012

Zukunft Mobilität hat den PUNKT 2012 der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) in der Kategorie "Multimedia" gewonnen.

Logo VDV Verband Deutscher Verkehrsunternehmen

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V. (VDV) hat mich im Rahmen der VDV-Jahrestagung 2013 in Mainz als “Talent im ÖPNV” des Jahres 2013 ausgezeichnet. Der VDV vertritt rund 600 Unternehmen des Öffentlichen Personennahverkehrs, des Schienenpersonennahverkehrs, des Schienengüterverkehrs, der Personenfernverkehrs sowie Verbund- und Aufgabenträger-Organisationen.

Auch interessant:

Lizenz

Zukunft Mobilität Creative Commons

Die Inhalte dieses Artikels sind - soweit nicht anders angegeben - unter CC BY-SA 3.0 de lizensiert. Grafiken sind von dieser Lizenz aus Vereinfachungs- und Schutzgründen ausgenommen (Anwendung aufgrund der Verwendung von Grafiken / Bildern mit unterschiedlichen Lizenzen zu kompliziert) außer die CC-Lizenz ist ausdrücklich genannt.

Weitere Informationen

Verfasst von:

Randelhoff Martin

Herausgeber und Gründer von Zukunft Mobilität, arbeitet im Hauptjob im ARGUS studio/ in Hamburg. Zuvor war er Verkehrswissenschaftler an der Technischen Universität Dortmund.
Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum und nachhaltige Verkehrskonzepte.

Kontaktaufnahme:

Telefon +49 (0)351 / 41880449 (voicebox)

E-Mail: randelhoff [ät] zukunft-mobilitaet.net