Analyse Verkehrspolitik

Der Schwachsinn mit dem Wechselkennzeichen

Das Hamburger Abendblatt titelt “Wechselkennzeichen ein Flop?”. Diese Behauptung finde ich nicht verwunderlich, existieren doch einige handwerkliche Fehler, die einen Erfolg unwahrscheinlich werden lassen. Genannt seien hier nur die bekannten und an anderer Stelle bereits ausführlich diskutierten Probleme mit der und den Versicherungsprämien.

Was mich allerdings wirklich verwundert hat, war die Hoffnung unseres Bundesverkehrsministers mit dem Wechselkennzeichen einen Anreiz zu geben “sich für kürzere Strecken einen sparsamen und damit umweltfreundlicheren Zweitwagen anzuschaffen.” Wie bitte?

Das Wechselkennzeichen mag eine gute Sache für denjenigen sein, der mit seinem Wohnmobil ein paar Wochen an die Atlantikküste fährt. Hier spart man sich eine Zweitzulassung. Die Idee hinter dem Wechselkennzeichen ist eine andere. Bevor man in die Innenstadt fährt, soll man das Kennzeichen von seinem SUV, Van oder Sportwagen entfernen und am kleineren Stadtwagen anbringen. Im besten Falle wird der kleinere Wagen noch mit Strom betrieben.

Diese Idee ist recht interessant, wird aber nicht funktionieren.

Nehmen wir beispielsweise an, ein Ein-Personen-Haushalt besitzt zwei Fahrzeuge. Jene Person besitzt einen Porsche Panamera (~ 80.000 Euro) und einen Smart für etwa 12.000 Euro. Nun soll der Porsche für alle Fahrten über Land, über längere Strecken, usw. genutzt werden und der Smart für die Fahrt zur Arbeit und zum Einkaufen.

Da letztere Aktivitäten viel öfters vorkommen als eine Fahrt über längere Strecken, wird der Smart fünf Tage in der Woche genutzt und der Porsche drei Tage (Wochenende und ein Abend). Nun stellt sich unser Haushalt durch die Nutzung eines Wechselkennzeichens allerdings schlechter. Der Zeitverlust übersteigt die Einspareffekte durch die geringere Fahrleistung um ein Vielfaches. Somit wäre unser Haushalt wegen des weitaus höheren Kaufpreises des Porsches besser gestellt, wenn er mit seinem Fahrzeug auch die Fahrt zur Arbeit, etc. antreten würde. Der höhere Kilometerstand und die höheren Kosten für Verschleiß und Kraftstoff kompensieren den Zeitwertverlust in Höhe von etwa 45% im ersten Nutzungsjahr und in den Folgejahren um etwa 10% (Quelle: Schwacke) nicht vollständig.

Identische Probleme treten auch bei Familien auf. Eine vierköpfige Familie hätte ohne Wechselkennzeichen zwei Fahrzeuge. Eines fährt der Mann, eines die Frau. Beide sind berufstätig, der Mann bringt morgens das jüngere Kind in den Kindergarten, die Frau holt es wieder ab. Das zweite Kind ist schon etwas älter und fährt mit dem ÖPNV bzw. dem zur Schule. Die Familie besitzt für gemeinsame Wochenendfahrten, zum Einkaufen und die Fahrt in den Urlaub einen VW Tiguan 2.0 TDI für 35.000 Euro (Wertverlust pro Jahr etwa 9.000 Euro). Den Tiguan nutzen Frau und Mann abwechselnd je nach Bedarf. Als Zweitwagen steht zusätzlich ein 1er BMW (dreitürig, 118i, 143 PS, 25.000 Euro) zur Verfügung.

Nach Ramsauers Idee müsste nun der VW Tiguan ein Wechselkennzeichen erhalten und ein drittes sparsameres Fahrzeug gekauft werden. Da die Kapitalausstattung der meisten Familien allerdings nicht allzu großzügig ist, um ein drittes Fahrzeug als Wechselfahrzeug ständig in Bereitschaft zu halten, ist dieses Szenario auch unrealistisch. Denkbar wäre allenfalls, dass ein Kind bereits ein eigenes Fahrzeug (Skoda Fabia, VW Fox) bekommen hat und dieses Fahrzeug zusammen mit dem 1er BMW ein gemeinsames Wechselkennzeichen besitzt. Der Spareffekt dürfte ebenfalls nicht allzu groß sein.

Letztendlich ist das Wechselkennzeichen nicht mit dem Ansatz geschaffen worden, umweltfreundliche und kleinere Fahrzeuge zu fördern. Dafür gibt es effektivere Mittel wie eine -abhängige Kraftfahrzeugsteuer. Das Wechselkennzeichen ist letztendlich nur eine weitere Fördermaßnahme für die und das Kfz-Handwerk. Statt zwischen mehrere Verkehrsmodi zu entscheiden, soll intramodal nur der “richtige” Pkw gewählt werden. Es soll per se ein Anreiz geschaffen werden, ein Zweit- oder Drittfahrzeug anzuschaffen. Das Institut für Automobilwirtschaft (IFA) an der Hochschule Nürtingen-Geislingen rechnet mit 80.000 bis 90.000 zusätzlichen Pkw 1 für den deutschen Automarkt.

Mit einer Erhöhung der Pkw-Verfügbarkeit und somit einer verbesserten Wahlmöglichkeit zugunsten des motorisierten Individualverkehrs fördert man sicherlich nicht die des Verkehrs. Zumal auch ein Wechselkennzeichen nicht den ausschlaggebenden Effekt für den Kauf eines Elektrofahrzeugs bieten dürfte. Hier fallen andere Entscheidungsparameter viel stärker ins Gewicht. Wieder einmal wurde eine Chance vertan und zu kurz gedacht.

Ein Wechselkennzeichen, das entweder für den Pkw, den Motorroller oder das Wohnmobil genutzt werden kann und keinen großen bürokratischen Aufwand und wirkliche Einsparungen bedeutet hätte, hätte einen wirklich Unterschied bringen können. Man hat allerdings nur überlegt, wie sich die Automobilindustrie weiter fördern lässt und dabei das eigentliche Ziel aus den Augen verloren (oder eben vollständig erfüllt).

Aber wenn man keinen Mut und keinen Anspruch hat, etwas gesellschaftlich zu verändern, bleibt einem nur die Symbol- und Klientelpolitik.

  1. DIEZ, Willi: Wechselkennzeichen – ein ökonomischer und ökologischer Impuls, IFA, Nürtingen-Geislingen, 2010
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Martin Randelhoff

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