
Raumstrukturen beeinflussen das Verkehrsverhalten, ebenso wie Verkehr auf den Raum einwirkt. Zum einen fungieren sinkende Raumwiderstände (vor allem durch Infrastrukturausbau und zunehmenden Pkw-Bestand) als Treiber disperser und entmischter Siedlungsentwicklung in geringer Dichte, zum anderen wirkt diese Siedlungsentwicklung wiederum als Treiber des Infrastrukturausbaus, steigender Motorisierung und Zunahme der zurückgelegten Distanzen.1 Ein Beispiel ist die Distanzzunahme durch die Zentralisierung von Nutzungen im Raum. So verlängern bspw. Zusammenlegungen von Schulstandorten die Schulwege von Kindern und Jugendlichen. Gleiches ist im Bereich des Einzelhandels zu beobachten: Aus verschiedenen – auch verkehrlichen – Gründen sind über die Zeit lokale kleinteilige Versorgungsstrukturen durch zentrale großflächigere Handelsstrukturen ersetzt worden. Eine Ursache hierfür war unter anderem der steigende Pkw-Besitz, der es erlaubt, im Rahmen des konstanten Reisezeitbudgets auch eine zweistellige Zahl von Kilometern bspw. für den Kauf von Brot oder anderen Waren des täglichen Bedarfs zurückzulegen. Viele lokale Strukturen, die auf die Nachfrage aus ihrem unmittelbaren Umfeld angewiesen waren, haben diese veränderten Konsumentscheidungen nicht überlebt.
Durch eine integrierte Standort-und Verkehrsplanung2 soll diese Entwicklung gestoppt und die negativen Wechselwirkungen zwischen Raum und Verkehr umgekehrt werden. Die planerische Gestaltung nutzungsgemischter und kompakter Standortstrukturen auf kommunaler und regionaler Ebene soll kurze Wege ermöglichen und somit Verkehr durch Distanzverkürzung vermeiden bzw. auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel verlagern. Dieses planerische Handeln wird als Leitbild der kompakten nutzungsgemischten europäischen Stadt / Region bezeichnet. Ziel ist es, die negativen Effekte des motorisierten Individualverkehrs wie bspw. Luftschadtstoffemissionen, Lärmbelastung, Unfälle sowie den Energiebedarf und die Treibhausgasemissionen des Verkehrs zu verringern oder gänzlich zu vermeiden.
Holz-Rau und Scheiner weisen in ihrem Beitrag aus dem Jahr 20193 (Autorenversion) jedoch darauf hin, dass integrierte Standort- und Verkehrsplanung insbesondere bei der Vermeidung von CO2-Emissionen an ihre Grenzen stößt, wenngleich sie einen wesentlichen Beitrag zu lebendigen, lebenswerten und funktionsfähigen Städten sowie Regionen leistet (Erreichbarkeitssicherung, Urbanität, finanzielle Belastungen für die öffentliche Hand, Flächensparsamkeit oder Landschaftsschutz).
Laut Holz-Rau und Scheiner sei die Zunahme der Distanzen als dominante Entwicklung im Verkehrsbereich (mindestens) der letzten Jahrzehnte nur eingeschränkt aus den Veränderungen der gebauten Umwelt zu erklären (auch wenn sie mit diesen verbunden ist). So seien Unterschiede im Verkehrsverhalten in verschiedenen Räumen weniger in raumstrukturellen Unterschieden begründet, sondern Ausdruck komplexer Wirkungsketten. Sie beruhen teilweise auf räumlichen Unterschieden der Bevölkerungsstruktur und stehen mit Selbstselektionsprozessen im Zusammenhang4 (bestimmte Lebens- und Mobilitätsstile konzentrieren sich an für sie besonders attraktiven Standorten: ÖPNV-affine Personen ziehen typischerweise an Standorte mit adäquater ÖPNV-Qualität, während ÖPNV-averse Personen die ÖPNV-Angebotsqualität kaum in ihre Wohnstandortentscheidung einbeziehen). Hinzu kommt, dass bei dem Versuch, verkehrliche Unterschiede mit der gebauten Umwelt zu erklären, aufeinander bezogene räumliche Einheiten aufgelöst werden, obwohl diese nur als Gesamtraum funktionsfähig sind (Gedankenspiel: eine räumlich gleichverteilte Verlagerung von Geschäften aus der zentralisierten Innenstadt in das gesamte Stadtgebiet bedeutet nicht zwingend sinkende Verkehrsaufwände, da zu den einzelnen Geschäften mitunter weitere Wege zurückzulegen sind. Dies gilt insbesondere für die Bewohner*innen innenstadtnaher, meist hochverdichteter Quartiere, aber auch für die Randbereiche).5
Die Distanzausweitung und das Verkehrswachstum werden vielmehr durch gesellschaftliche Treiber befördert. Der soziale Wandel der vergangenen Jahrzehnte wirke in Richtung eines zunehmenden Verkehrsaufwandes, einer Ausdehnung der Aktionsräume im privaten Personenverkehr und der Verflechtungsräume im Güter- und Wirtschaftsverkehr.6 Dieser gesellschaftliche Fortschritt liegt außerhalb des Einflussbereichs der integrierten Standort- und Verkehrsplanung bzw. der verkehrspolitischen Sphäre als solchen.
Höhere Einkommen sind mit höheren Distanzen im Alltags- und im Fernverkehr verbunden. Eine Zunahme der Einkommen dürfte daher zur Zunahme der Reisedistanzen im Alltags- und Fernverkehr beigetragen haben und weiter beitragen.7
Höhere Bildung (und die parallele Spezialisierung vor allem des Arbeitsmarktes) sind mit höheren Distanzen im Alltags- und Fernverkehr verbunden.8 So legen Personen mit Hochschulabschluss jährlich im Alltagsverkehr 1.700 km und im Fernverkehr 7.200 km mehr zurück als Personen mit Hauptschulabschluss oder ohne Schulabschluss.9
Der Wandel des Geschlechterverhältnisses ist mit einer zunehmenden Berufstätigkeit und Motorisierung der Frauen verbunden. Beides führt zu einer Zunahme der Distanzen im Alltag.8
Die beschriebenen Prozesse gesellschaftlicher Veränderungen führen alle zu einem höheren Verkehrsaufwand. Wirtschaftswachstum und Wohlstand, der Wandel des Geschlechterverhältnisses, die Bildungsexpansion, Globalisierung und Reisen werden gemeinhin als gesellschaftlicher Fortschritt betrachtet und weitestgehend begrüßt. Eine negative Begleiterscheinung ist eine verkehrsaufwendigere Gesellschaft, die sich zunehmend jenseits des Pkw in Form von Fernreisen realisiert.
Für ein zielgerichtetes klimarelevantes Handeln ist es notwendig, sich dieser Zusammenhänge gewahr zu sein. Die Schlussfolgerung kann jedoch nicht sein, sozialen Fortschritt zurückdrehen zu wollen. Vielmehr verdeutlicht es nochmals, dass die Politik auf EU- und Bundesebene in Verantwortung steht, die Rahmenbedingungen derart anzupassen, dass ein weiter wachsender Verkehrsaufwand aus klimapolitischen Gründen vermieden bzw. im Sinne einer Verkehrsvermeidung reduziert wird.
Hingegen dürfte der kommunale Beitrag einer integrierten Standort- und Verkehrsplanung zum Klimaschutz im Verkehr nur marginal sein. Was sie zu leisten vermag, ist die Schaffung einer hohen Lebensqualität in Städten und Regionen, Teilhabe- und Teilnahmechancen für alle, hohe Verkehrssicherheit (als Perspektive keine Verkehrstoten), gesunde Umgebung (ohne Belastungen der Gesundheit durch Verkehrslärm und andere verkehrsbedingte Immissionen), öffentliche Räume mit kommunikativer und kultureller Anregung sowie geringe Kosten für die (auch zukünftige) Allgemeinheit sowie für sozial benachteiligte Nutzergruppen.15
Im kommunalen Kontext sollte man sich dessen auf Politik-, Verwaltungs- und auch Aktivismusebene bewusst sein, um Energie, Zeit und Geld zielgerichtet einsetzen zu können und Enttäuschungen durch Nichterreichung von Zielen zu vermeiden.