Straßenverkehr USA

Welche Auswirkungen haben Staus auf die Wirtschaft?

Stau ist immer schlecht. Er zehrt an den Nerven der Autofahrer, schädigt die Umwelt und ist schlecht für die Wirtschaft. Aber wie sehr schädigen Staus eigentlich die Wirtschaftsleistung eines Landes?

Michael Lewyn vom Blog Planetizen hat einmal untersucht, wie sehr Staus die Wirtschaftsentwicklung einzelner amerikanischer Städte beeinflussen.

Ausgehend von der Pro-Fahrrad-Bewegung in den USA1, behaupten Gegner (ob es Autolobbyisten sind sei mal dahingestellt), dass eine Umverteilung der Gelder vom Straßenverkehr auf andere die Mittel für den Straßenbau schmälerten, dies führe zu mehr Staus und Verkehrsproblemen und dies wiederum zu einem Absinken der Wirtschaftsleistung. Aber ist dies wirklich so?

Sollte diese Annahme stimmen, so müssten die stauanfälligsten Städte in ihrer Wirtschaftsentwicklung stagnieren und Regionen mit geringen Verkehrsproblemen prosperieren. Um diese These zu überprüfen, hat der Autor die 14 größten Ballungsgebiete der USA bezüglich der Stauanfälligkeit und der Entstehung neuer Arbeitsplätze verglichen.

Die untersuchten Regionen sind nach Staudauer geordnet 2:

1.) Los Angeles (70 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
2.) Washington (62 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
3.) Atlanta (57 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
4.) Houston (56 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
5.) San Francisco (55 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
6.) Dallas (53 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
7.) Detroit (52 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
8.) Miami (47 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
9.) New York (44 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
10.) Phoenix (44 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
11.) Seattle (43 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
12.) Boston (43 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
13.) Chicago (41 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)
14.) Philadelphia (38 Stunden Stau im Jahr / Reisenden)

Sollte die These also stimmen, so müssten die Regionen Chicago, Boston und bessere Wirtschaftsdaten haben als die Region um Los Angeles, oder Atlanta.

Das Arbeitsplatzwachstum für oben genannte Regionen betrug zwischen 2000 und 2009 3:

1.) Houston (+ 11,3%)
2.) Washington (+ 10,6%)
3.) Phoenix (+ 8,4%)
4.) Dallas (+ 5,3%)
5.) Miami (+ 4,9%)
6.) Seattle (+ 2,5%)
7.) New York (+ 0,6%)
8.) Atlanta (- 0,8%)
9.) Philadelphia (-1%)
10.) Los Angeles (-3%)
11.) Boston (-4,3%)
12.) Chicago (-5,5%)
13.) San Francisco (-10%)
14.) Detroit (-20,7%)

Es ist auf den ersten Blick zu erkennen, dass sich die von bestimmten Kreisen aufgestellte Behauptung nicht belegen lässt. Die drei Regionen mit der geringsten Stauanfälligkeit, finden sich bei der Schaffung von Arbeitsplätzen zwischen 2000 und 2009 ebenfalls im hinteren Drittel wieder. Die Regionen Houston und Washington, in denen die meisten Arbeitsplätze neu entstanden sind, sind auch häufig von Staus betroffen. Andererseits hatten Los Angeles und sehr von Staus betroffen und haben effektiv Arbeitsplätze verloren, Phoenix und Seattle sind nicht sonderlich stauanfällig, aber hatten dennoch ein eher moderaten Zuwachs an Arbeitsplätzen.

Insgesamt lässt sich aus den Daten schließen, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen Staus und der Wirtschaftskraft (ausgedrückt in neu geschaffenen Arbeitsplätzen) gibt. Natürlich ist es möglich, dass einzelne Betriebe aufgrund der Staus vor “ihrer Haustür” das Weite suchen und die Innenstadt oder andere stauanfällige Gebiete verlassen. Dies geschieht allerdings in einem recht überschaubaren Umfang.

Der Zusammenhang zwischen einem Absinken der Wirtschaftsleistung durch Umschichtung von Geldern vom Straßenverkehr hin zu ökologisch sinnvollem Transport bzw. zum ÖPNV ist also nicht gegeben. Selbst ein Anstieg der Stauhäufigkeit bedeutet nicht, dass die Wirtschaft einer Region nachhaltig geschwächt wird.

Michael Lewyn behauptet allerdings nicht, dass Staus keinen negativen Einfluss auf die Wirtschaft haben, sondern nur dass keine direkte Korrelation zwischen Stau und Absinken der Wirtschaftsdaten besteht. Durch Umweltverschmutzung, Unfälle, verlorene Zeit, etc. entstehen sehr wohl negative Effekte, die die Lebensqualität sinken lassen und auch messbar sind. In den USA gehen jedes Jahr 87 Milliarden US-Dollar durch Staus verloren. Durch Staus stieg der Treibstoffverbrauch um 2,8 Milliarden Gallonen Treibstoff.4 Lösungansätze für das Stau”problem” werden bald in diesem Blog folgen.

  1. http://transportation.nationaljournal.com/2010/03/should-bikes-and-cars-be-treat.php
  2. http://.tamu.edu/ums/congestion_data/tables/national/table_1.pdf
  3. http://www.newgeography.com/content/001156-employment-growth-2000-2009-metropolitan-areas-over-2-million-population
  4. http://tti.tamu.edu/infofor/media/topics/congestion_.htm
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Martin Randelhoff

Herausgeber Zukunft Mobilität, arbeitet im ARGUS Studio/ in Hamburg. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Verkehrswesen und Verkehrsplanung an der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund.
Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum und nachhaltige Verkehrskonzepte.

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Philipp
Philipp
27. September 2017 07:41

Interessanter Artikel, den ich beim Stöbern wieder entdeckt habe. Ich habe deinen neueren Artikel zur “konstanten Reisezeit” gerade gelesen, in der du schreibst, dass es fast nicht auf die Streckenlänge, sondern nur die täglich mit Mobilität verbrachte Zeit ankommt. Demnach würde jemand im Speckgürtel der Großstädte nicht länger als 45 Minturen pro Strecke zur Arbeit fahren (Durchschnittswert).
Wenn auf den Einfallstraßen jedoch täglich Stau ist, dann verlängert sich die Fahrzeit, womit sich auch die Pendlerreichweite verringert. Es kann also nicht so weit gefahren werden. Autokosten werden immer auf Strecke umgelegt. Wenn man die Autokosten jedoch auf die Zeit umlegt, dann ist ein langsames Auto günstiger (und umweltfreundlicher) als ein schnell fahrendes. Somit ist zumindest der Pendlerstau gut und bringt den Menschen eine Ersparniss (weniger Kilometer – gleiche Pendelzeit).

dit
dit
15. April 2011 10:37

hmmm… der wirtschaftlicher Schaden in Deutschland wäre interessant, was kümmert uns USA ? :/

:)

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Verfasst von:

Martin Randelhoff

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