[Dokumentation] The Railway – Keeping Britain On Track~10 Minuten Lesezeit

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Großbritannien ist das Mutterland des Eisenbahnverkehrs. Nach der Eröffnung der ersten Strecke mit im Jahr 1825 hatte der britische Bahnverkehr bis heute eine bewegte Vergangenheit. Insbesondere die britische Bahnreform von 1994 stellt eine Zäsur dar. Die Transformation des Marktes von einer stark politisch gesteuerten Staatsbahn hin zu unternehmerisch arbeitenden Bahnen im Wettbewerb bei zeitgleicher Privatisierung des Schienennetzes war mit einigen Problemen verbunden.

Der allgemein schlechte Zustand des jahrzehntelang investiv vernachlässigten Schienennetzes äußerte sich in diversen Infrastrukturmängeln, die in zahlreichen umfangreichen Baumaßnahmen behoben werden mussten. Gleichzeitig mussten erhebliche Strafzahlungen für Infrastrukturmängel und die daraus entstandenen Verspätungen und Zugausfällen geleistet werden, welche den privaten Eisenbahninfrastrukturbetreiber Railtrack in eine Liquiditätskrise stürzte. Nach Kostenüberschreitungen bei der Modernisierung der  stand vor der Pleite. Die Folge war die Wiederverstaatlichung und die Umwandlung in das nicht-gewinnorientierte Unternehmen Network Rail im Jahr 2002.

Der Personenverkehr wird heute von verschiedenen Bahnunternehmen im Francising-Prinzip durchgeführt (empfehlenswerte Übersicht des britischen Verkehrsministeriums), der ist vollständig kommerzialisiert und zuschussfrei organisiert.

Die erwerben im Rahmen eines Ausschreibungswettbewerbs bei einem Regulierer eine zeitlich begrenzte Gebietskonzession (Franchise). In diesen Gebieten ist der Anbieter für Nah- und Fernverkehrsangebote zuständig, wobei der Staat ein gewünschtes Angebot definiert. In den vergangenen Jahren haben sich das Verkehrsaufkommen, die Pünktlichkeit und die Servicequalität verbessert. Die damit verbundene steigende Nachfrage resultiert in einer Angebotsausweitung, welche auf eine investititonsbedürftige Infrastruktur trifft. Dies erzeugt zahlreiche Probleme. Zudem stehen das Tarifmodell und das allgemeine Preisniveau häufig in der Kritik.

Entwicklung der Nutzer britischer Eisenbahnen seit 1830

Entwicklung der Fahrgastzahl im britischen Schienenverkehr zwischen 1830 und 2014 – Grafik: Tompw @ Wikimedia CommonsCC BY-SA 3.0

Doch wie stellt sich die Benutzung britischer Eisenbahnverkehrsunternehmen für die Fahrgäste dar? Wie wirken betriebliche und infrastrukturelle Hemmnisse auf den britischen Bahnverkehr und den alltäglichen Betrieb ein? Mit welchen Problemen haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter britischer Eisenbahnverkehrsunternehmen und des britischen Eisenbahninfrastrukturbetreibers Network Rail täglich zu kämpfen?

Die BBC-Dokumentation „The Railway – Keeping Britain On Track“ versucht diese Fragen zu beantworten. Die sechs Folgen der Dokureihe wurden über ein Jahr hinweg in verschiedenen Landesteilen gefilmt und 2013 ausgestrahlt. Sie bieten interessante Einblicke in den britischen Bahnverkehr und hinter die Kulissen. Es wird nochmals deutlich, dass ein ein komplexes System ist, in welchem kleine Störungen große Auswirkungen haben können. Es ist zudem schwierig, Schuld und Verantwortung einzelnen Akteuren zuzuschreiben – hierfür kommen sehr oft zu viele Einflussgrößen zusammen. So hat beispielsweise der gesellschaftliche Umgang mit Alkohol in Großbritannien entscheidende Auswirkungen auf die Eisenbahn.

Deutlich werden auch die zahlreichen Bemühungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, welche ein hohes Serviceniveau und eine große Freundlichkeit an den Tag legen. Leider können auch sie Störungen und systembedingte Einschränkungen nicht wegzaubern und mit dem Ärger der Fahrgäste umgehen.

Die Folgen in der Übersicht:

Folge 1

Der Bahnhof King’s Cross zur Hauptverkehrszeit an einem Freitag Abend. Eine große Zahl Reisender trifft auf alte Infrastruktur, die nicht für die heutige Nachfrage und Organisation des Bahnverkehrs ausgelegt wurde. Eine Folge der Überlastung sind Störungen und Verzögerungen im Bahnbetrieb. Die Folge begleitet die Eröffnung der umgebauten Bahnhofshalle mit dem 9.000 Quadratmeter großen, freitragenden Schalentragwerk aus Glas und Stahl. Die Neuordnung von Ankunfts- und Abfahrtsbereichen stellt die Mitarbeiter vor einige Herausforderungen. Dabei ist das Tagesgeschäft in Reisezentren und Servicepunkten schon schwierig genug. Insbesondere, da Fahrgäste sich oftmals bei Spontanreisen wegen der hohen Ticketpreise beschweren.

Die Folge deckt das ganze Spektrum an Menschen ab, die in ihrer jeweiligen Rolle mit der britischen Eisenbahn in Kontakt kommen. Sei es des damalige britische Premierminister David Cameron oder das engagierte Reinigungspersonal, von dem kaum ein Reisender Notiz nimmt.

Durchaus spürbar war jedoch das Chaos, welches durch einen auf freier Strecke liegen gebliebenen Zug verursacht wurde. In Großbritannien sind die Strafen für Verspätungen, welche von Seiten des Infrastrukturbetreibers Network Rail oder die einzelnen Eisenbahnverkehrsunternehmen verursacht werden, sehr hoch. Für jede Minute Verspätung, die ein Eisenbahnverkehrsunternehmen zu verantworten hat, muss es beispielsweise 150 Pfund Strafe an Network Rail zahlen. Die 71 Minuten Verspätung des liegen gebliebenen Zuges kosteten das Eisenbahnverkehrsunternehmen somit über 10.000 Euro.

Folge 2

Folge 2 wurde am größten und verkehrsreichsten englischen Bahnhof außerhalb Londons gedreht: . Er wird jeden Tag von über 900 Zügen und 50.000 Passagieren frequentiert.

Den Auftakt der Dokumentation macht die English Defense League, eine politische Organisation am rechten Rand, welche aus der Hooligan-bewegung entstanden ist. Bei Zugfahrten natürlich begleitet von der British Transport Police. Die British Transport Police (BTP) ist die in Großbritannien für den Schienenverkehr zuständige Polizei und wird zum Teil von britischen Eisenbahnverkehrsunternehmen finanziert.

Oftmals haben sie mit alkoholisierten Person zu tun, die beispielsweise bei warmen Sommertemperaturen hilfsbedürftig sind. Berühmt berüchtigt sind die Trinktouren durch Yorkshire, welche in gefährlichen Verhalten auf Bahnsteigen, beim Überqueren von Gleisen und einer Schlägerei in einem Zug auf der Huddersfield Line endeten.

Weitere Inhalte von Folge 2 sind die Reparatur von Zäunen an den Gleisen, welche das Überqueren derselben verhindern sollen sowie weitere betrunkene Fahrgäste am Abend.

In Folge starker Regenfälle kam es zu einer Sperrung der Mainline zwischen Leeds und . Da Network Rail auch Streckensperrungen wegen Überflutung zu entschädigen hat, sind aufgrund der Sperrung über eine Million Pfund Schadensersatz zu zahlen.

Die Folge endet mit der Jagd nach Kabeldieben, welche ebenfalls häufige Streckensperrungen verursachen.

Folge 3

Folge 3 berichtet vom First Great Western-Netz und den Bahnhöfen Reading, und Twyford.

Inhalte sind das Bergen eines getöteten Hundes von den Gleisen, die Erlebnisse in einem der privat betriebene Fundbüros, die Arbeit im Bordbistro mit Küche und Umbau des Bahnhofs Reading station mit Stopp des Bahnverkehrs über Weihnachten. Hier sollen innerhalb von 72 Stunden ein Bahnsteig neu errichtet und ein Brückenbauwerk ersetzt werden.

Aufgrund einer fünfstündigen Störung an der Strecke (Signalstörung) kommt es zu einem Chaos im Weihnachtsreiseverkehr (Network Rail hat bis zu 200 Pfund pro Minute Strafgebühr für Störungen an der Infrastruktur zu bezahlen). Die 90 ausgefallenen Züge und 4500 entstandenen Verspätungsminuten resultieren in 200.000 Pfund Schadensersatz für die Eisenbahnverkehrsunternehmen.

Nach tödlichen Personenunfällen soll die Strecke nach 90 Minuten wieder freigegeben werden, ein Wettlauf gegen die zeit für Polizei und Mitarbeiter von Network Rail.

Weitere Bestandteile von Folge 3 sind die arbeit eines engagierten Bahnhofsvorstehers im kleinen Bahnhof Twyford, Unterstützung für hilfsbedürftige Fahrgäste, die Arbeit der British Transport Police und die Folgen eines umgestürzten Baums.

Folge 4

Folge 4 berichtet von der West Coast Mainline, welche London mit Manchester und Glasgow verbindet. Auftakt machen Liverpool- Fußballfans, welche nach Wembley reisen, und der Informationsschalter im Bahnhof Manchester Piccadilly. Zudem gibt es einen Einblick in die Arbeit in einem 120 Jahre alten Stellwerk, welches noch über Glocken mit anderen Fahrdienstleistern kommuniziert.

Die Abreise von Fußballfans in London-Euston stellt Polizei und Sicherheitspersonal wieder vor einige Herausforderungen. Insbesondere das Durchsetzen des verhängten Alkoholverbots in den Zügen ist schwierig.

Montagmorgen in Liverpool – Dienstbeginn in einem Zug nach London mit Einblicken in die Arbeit des Schaffners, des Triebfahrzeugführers, des Service-Personals und des Bahnhofsmanagements im Bahnhof Euston.

Weitere Bestandteil der Folge ist der Tausch von Schienen in nur 7:20 Stunden. Der letzte Zug ist leider um eine Stunde verspätet, sodass die Bauarbeiten fast hätten abgesagt werden müssen.

Probleme mit den Bremsen an einem Wagen machen einen Test und eine Funktionskontrolle auf freier Strecke notwendig. Dies verursacht Probleme in anderen Stationen und auf der Strecke. Generell werden die Türen zwei Minuten vor Abfahrt geschlossen, um pünktlich abfahren zu können und keine Verspätungen auf der stark befahrenen Strecke zu verursachen.

Dennoch haben bereits kleine Probleme große Auswirkungen. So verursacht ein über 200 km entfernt stattgefundener Zwischenfall Im Bahnhof New Street große Probleme.

Weitere Bestandteile der Folge sind planmäßig geplante Bauarbeiten, welche erneut in 56 Stunden Vollsperrung münden und die Unsicherheit beim Zugpersonal von wegen der bald anstehenden Franchise-Ausschreibung. Eine Zitterpartie, welche immer noch nicht endgültig beendet ist.

Folge 5

Folge 5 wurde auf dem Merseyrail network um Liverpool, die Valley Lines im südlichen Wales und in Steventon, Oxfordshire, gedreht.

Das Merseyrail network ist ein Beispiel für die erfolgreiche Reaktivierung von Schienenpersonenverkehr in Großbritannien in den siebziger Jahren. Entstanden ist ein -ähnliches Eisenbahnnetz, welches täglich über 100.000 Reisende befördert.

Die Dokumentation hat zudem die Zerstörung von Telekommunikationseinrichtungen in Süd-Wales, das Wegräumen von illegalen Müllkippen neben den Gleisen, die Folgen von Kabeldiebstahl und die konsequente Durchsetzung des Alkoholverbots und Vorgehen gegen Schwarzfahrer zum Thema.

In der Leitstelle im Londoner Bahnhof King’s Cross wird eine betrunkene Person identifiziert, welche während der abendlichen Hauptverkehrszeit auf den Gleisen in Richtung eines Tunnels geht. Insgesamt entstehen über 2.500 Minuten Verspätung für 168 Züge.

Weiteres Thema sind der Umbau von Bahnübergängen und die Kontrolle durch die Polizei bezüglich korrektem Verhalten an diesen.

Die An- und Abreise von Rugby-Fans nach und von Cardiff bedeutet wieder eine starke Nachfrage und Belastung für das Angebot. Die Fans warten für ihre Abreise in Schleusen vor dem Bahnhof und werden je nach Zug und dessen Kapazität auf den jeweiligen Bahnsteig gelassen.

Der Versuch, eine Urne mit der Asche eines Bahners zu bergen, welche neben den Gleisen begraben wurde, scheitert leider. Umso besser stellen sich dafür die Auszubildenden an, welche Zugbegleiter werden möchten.

Die Kontrolle von Fahrkarten ist durchaus gefährlich. So haben die Kontrolleure Testkits für DNA-Proben dabei, falls sie angespuckt werden sollten und der Täter flüchtet. Darüber hinaus sind sie mit Bodycams ausgestattet, um Übergriffe filmen zu können.

Den Abschluss von Folge 5 machen die Einstellung des Bahnverkehrs wegen starken Winde in Schottland und das Reinigungspersonal im Depot, welches einen Knochenjob zu erledigen hat.

Folge 6

Folge 6 spielt in Schottland unter anderem an den Bahnhöfen Edinburgh Waverley und Glasgow Central sowie die Depot in Craigentinny.

Begleitet werden unter anderem die Triebfahrzeugführerin und das Küchenpersonal bei East Coast zwischen London und Edinburgh sowie Personal von Network Rail bei einer Begehung einer entlegenen Bahnstrecke in Schottland, dem Bergen von getötetem Wild von den Schienen und Aufbringen einer Emulsion auf die Schienen in schottischen Winternächten, um deren Grip zu erhöhen.

Im Bahnhof Glasgow kommt es aufgrund von Schäden an der Oberleitung zu insgesamt 25.000 Verspätungsminuten, unzähligen ausgefallenen Zügen und insgesamt 800.000 Pfund Kosten.

Weitere Bestandteile sind die Reinigung eines kompletten Zuges innerhalb von zehn Minuten bei einer Kurzwende und die Instandhaltung der Züge im Depot. Darüber hinaus gibt es Einblicke in luxuriöse Charter-Fahrten in alten Wagen des Orient-Express, welche von Dampflokomotiven gezogen werden.

Der nächtliche Tausch von Schienen in einem Tunnel und Beginn des Bahnbetriebs am nächsten Tag stellt das Personal von Network Rail vor einige Herausforderungen. Genauso wie die Mitarbeiter der Eisenbahnverkehrsunternehmen, welche mit den Beschwerden von Fahrgästen umgehen müssen. So werden die hohen Instandhaltungskosten zunehmend über die Ticketpreise an die Fahrgäste weitergegeben, steigende Fahrpreise sind die Folge.

Sollte eines der eingebundenen Videos nicht mehr funktionieren, bitte ich um einen kurzen Hinweis in den Kommentaren. Das entsprechende Video wird dann ausgetauscht.

Verfasst von

Martin Randelhoff

Herausgeber Zukunft Mobilität.
Studium der Raumplanung an der TU Dortmund, Studium der Verkehrswirtschaft an der TU Dresden.
Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum, Wirkung autonomer Fahrzeugsysteme und nachhaltige Verkehrskonzepte.

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