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Fahrgastinformation par excellence: Der digitale Wagenstandsanzeiger

Fahrgastinformation par excellence: Der digitale Wagenstandsanzeiger

Wer kennt sie nicht, eine der größten Ärgernisse des Bahnreisenden: Die geänderte Wagenreihung. Vom aus Papier im Stich gelassen, hetzen Massen von Reisenden, behängt mit Gepäck und Kind am Arm, von einem Zugende ans andere. Zwar wird die aktuelle Wagenreihung in den meisten Fällen am Fahrgastinformationsanzeiger auf dem Bahnsteig angezeigt, jedoch ist die Anzeige vergleichsweise klein und relativ arm an Information. Dass es auch anders geht, zeigen der niederländische Eisenbahninfrastrukturbetreiber Pro Rail, die niederländische Staatsbahn Nederlandse Spoorwegen (NS) und die Designbüros Edenspiekermann und STBY.

Statt einzelner Bildschirme und Anzeigen überspannt ein 180 Meter langer LED-Balken den Bahnsteig. Auf diesem werden über verschiedene Symbole und intuitive Farbcodes diverse Informationen wie die exakte Halteposition, die Position der Türen, die einzelnen Wagenklassen, Ruheabteile, Fahrrad- und Rollstuhlplätze sowie die Fahrtrichtung angezeigt. Hinzu kommen Informationen über den Besetzungsgrad einzelner Wagen. Die dafür notwendigen Daten werden über Zähleinrichtungen in den Türen gewonnen. Zudem können Informationen über die Zuglänge und Nachfrage in der Vergangenheit ebenfalls in die Bewertung einfließen. Grüne Markierungen bedeuten einen nahezu leeren Wagen, orange-farbene Markierungen einen halb gefüllten und rote Markierungen einen voll besetzten Wagen.

Fahrgastinformation Position der Tür

Eine weiße Fläche mit Pfeil verdeutlicht die Position der Tür, welche in einen Wagen der zweiten Wagenklasse mit Ruheabteil führt. – Foto:

In einem dreimonatigen Test im Jahr 2013 wurde das System im Bahnhof ’s-Hertogenbosch (im allgemeinen Sprachgebrauch „Den Bosch“ auf seine Funktionsweise getestet und das Verhalten der Reisenden analysiert. Da beide Testbereiche entsprechend erfolgreich abliefen, soll diese neue in weiteren niederländischen Bahnhöfen installiert werden. Auf jenen Bahnsteigen, welche mit dem System ausgestattet waren, wurde bei Einfahrt des Zuges nahezu keinerlei Bewegung von Reisenden auf dem Bahnsteig registriert.

Ziel von war eine Erhöhung der Sicherheit auf den Bahnsteigen sowie ein wachsender Komfort für die Reisenden. Hinzu kommt der positive Effekt von sinkenden Fahrgastwechselzeiten und damit verbunden geringeren Haltezeiten.

Insgesamt arbeiteten ProRail und Edenspiekermann drei Jahre an dieser Problematik. Eine -App, welche Reisenden dieselben Informationen wie die LED-Anzeige vermittelte, wurde bei Weitem nicht so oft und gut angenommen. Ein Blick auf das ist bei der Navigation durch einen mit vielen Menschen besetzten physischen Raum keine optimale Lösung.

Der flächendeckende Einsatz der neuen LED-Wagenstandsanzeiger wird noch einige Jahre dauern. Zunächst müssen alle Züge mit entsprechenden Infrarot-Zähleinrichtungen ausgestattet werden. Es wird darüber hinaus geschätzt, dass in den Bahnhöfen LED-Bänder mit einer Gesamtlänge von etwa 50 Kilometer eingebaut und angeschlossen werden müssen.

Der hat mehrere niederländische und internationale Preise gewonnen, unter anderem einen viel beachteten D&AD Black Pencil 2014.

Verfasst von

Martin Randelhoff

Herausgeber Zukunft Mobilität. Studium der Raumplanung an der TU Dortmund, Studium der Verkehrswirtschaft an der TU Dresden. Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum, Wirkung autonomer Fahrzeugsysteme und nachhaltige Verkehrskonzepte.

4 Kommentare

  1. Freund

    Schöne Idee, aber wo wird das befestigt? Muss man da dann je nach Bahnhof extra Pfeiler auf den Bahnsteig bauen (ggf. Hindernis –> Sicherheit)? Wie teuer? (Betrieb: bei Menge dieser Anlagen, Kosten durch die Bahngesellschaft getragen?)Wie werden die Daten des Besetzungsgrades in den Wagons gewonnen? E-Ticket (tolles Thema in Deutschland)? Dürfen die Leute dann nur in diesem einen Wagon bleiben, oder wird das E-Ticket ständig registriert im Zug?

    Antworten
    • TH

      @Freund:
      Das lohnt sich sowieso nur an größeren Bahnhöfen, da nur dort wirkliches Gedränge beim Einsteigen herrscht und schnell der eine Waggon voll ist, während im anderen gähnende Leere herrscht.
      Dadurch müssen sich die restlichen Leute auf dem Bahnsteig eine andere Tür suchen und es kommt zu merklichen Verzögerungen.
      An diesen Stationen gibt es aber meist Dächer, die die Anzeige halten könnten.

      An kleineren Haltepunkten ist es auch kein Problem das Handy zu zücken oder schnell zur nächsten Tür zu laufen, wenn man bei einer nicht mehr rein kommt.
      Ich bezweifle, dass diese Anzeige an solchen Stationen einen merklichen Effekt hätte.

      Im Artikel steht ja, daß Sensoren in den Türen verbaut sind.
      Das sollte eigentlich ausreichend zuverlässig funktionieren.

      Naja, wer bezahlt den jetzt die Anzeigetafeln?

      Aus rein subjektiver Erfahrung, ist das Problem, daß die Leute den Türbereich verstopfen und sich nicht in den Gang stellen ein viel Größeres, als die wirklich noch frei vorhandene Kapazität.

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    • Martin Randelhoff

      Moin!

      Ich weiß natürlich nicht wie die genaue Befestigung und Verkabelung aussieht. Ich gebe aber TH Recht, dass dieses System nur etwas für größere Verkehrsstationen mit hohem Fahrgastaufkommen ist. Man kann natürlich auch über den Einsatz im Nahverkehr – insbesondere im S- und U-Bahn-Bereich nachdenken. An vielen Bahnhöfen – auch mit neuen Bahnsteigdächern wie z.B. dem Bahnsteigdachsystem „Zwiesel“ von Döring, dem HSM System Typ A, Bodenheim light / Bodenheim / HSM System von Hering dürfte man die Anzeige direkt am Dach auf Höhe dr Bahnsteigkante befestigen können. Sollte dies nicht möglich sein, kann man bei Mittelbahnsteigen auch die Mittelpfeiler des Dachs nehmen. Und wenn alle Stricke reißen (z.B. pfeilerlose Bahnsteighallen) könnte man das System auch vor bzw. hinter dem Blindenleit- / Sicherheitsstreifen unter trittfestem Glas in den Boden einlassen. Wenn man möchte, findet sich sicherlich eine Lösung.

      Den Preis wird sicherlich niemand beziffern können. Bei entsprechender Abnahme dürften aber entsprechende Skalenerträge zu erzielen sein. LED sind energetisch recht günstig, d.h. auch hier relativ günstig im Unterhalt.

      Die Hardwarekosten weden aber mit Sicherheit in den zweistelligen Millionenbereich gehen. Hinzu kommen Kosten für eventuelle Softwareanpassungen. Sicherlich auch nicht billig. Refinanziert werden müsste dies über den Stationsanbieter, d.h. über die Stationsentgelte, welche Eisenbahnverkehrsunternehmen für den Halt an einer Station entrichten müssen.

      Solche Systeme werden aber auch nicht aus Spaß an der Freude installiert oder weil die Niederländer zu viel Geld haben, sondern um die Sicherheit und Kapazität des Bahnsteigs zu erhöhen sowie den Fahrgastkomfort zu erhöhen. Solche Systeme unterliegen also immer einem Abwägungsprozess mehrerer möglicher Maßnahmen, die natürlich unterschiedlich teuer sind und verschiedene Wirkung mit sich bringen. Pauschal zu sagen „das ist bestimmt zu teuer“ ist immer zu einfach…

      Die Daten werden durch die Zähleinheiten in den Türen gewonnen. Diese sind recht genau, weil nach diesen Daten beispielsweise in Verbünden auch Einnahmen verteilt werden und die Verkehrsunternehmen aus eigenem Interesse eine hohe Korrektheit verlangen. Ist sozusagen dual use einer zumindest zum Teil bereits vorhandenen Technologie. Und natürlich darf man sich auch innerhalb des Zuges umsetzen, da die Einteilung in leer, halbvoll und voll relativ grob ist. Der Besetzungsgrad wird ja nicht in Prozent auf zwei Nachkommastellen angegeben. Es gäbe aber noch andere Datenquellen wie Videokameras (-> Datenschutzproblematik) oder eTickets. In den Niederlanden befinden sich die Geräten jedoch vor den Bahnsteigen, sodass diese Daten dort nichts bringen. Und notfalls kann auch der Zugbegleiter kurz über eine App o.ä. melden, wie stark ein Waggon besetzt ist. Man muss nur wollen… ;-)

      Antworten
  2. RalfLippold

    Sehr genial. Sicherlich nur ein möglicher Weg, um Sicherheit und Kundenservice zu erhöhen, neben der möglichen schnelleren Zugfolge durch kürzere Standzeiten in großen Durchgangsbahnhöfen.

    Doch der große Vorteil dieses Systems ist, dass es von den Fahrgästen LIVE getestet werden kann. Daraus können Rückschlüsse gezogen werden, die Lösung verbessert, verändert und angepasst werden.

    Es muss nicht jede Innovation (technisch sind das in dem beschriebenen Fall keine Neuheiten) zu 100% ausgerollt werden. Prototypen und die Intention eines weiteren Ausbaus sind einer erster Anfang!

    Ich wünschte mir, die Dresdner Verkehrsbetriebe AG würde die Messstraßenbahn nicht nur mit Messgeräten bestücken sondern auch in dieser Bahn technische Innovationen testen, wie z.B. WLAN in der Bahn (bevor es dann flächendeckend in allen Fahrzeugen zum Einsatz kommt).

    Gratulation an die Visionäre in den Niederlanden auch mal neue Wege zu gehen und danke Dir Martin, dass Du die Leser Deines Blogs neugierig machst, dies in den Niederlanden live zu erleben.

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