Verkehrstote auf deutschen Autobahnen im Vergleich zum europäischen Ausland

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18. August 2026
In der Diskussion über die Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf deutschen Autobahnen werden wiederholt Vergleiche zu anderen europäischen Ländern gezogen. Dies betrifft unter anderem die Verkehrssicherheit. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass deutsche Autobahnen Potenzial für Sicherheitsgewinne haben und Deutschland im Vergleich mit Mitgliedsstaaten der Europäischen Union und der Schweiz nicht die sichersten Autobahnen hat.
Inhaltsverzeichnis

In der Debatte über die Einführung eines  generellen Tempolimits auf deutschen Autobahnen werden – je nach Position des Diskutierenden – Daten unterschiedlicher Jahre und mit unterschiedlichen Bezugsgrößen verwendet. Hierbei fehlt jedoch meistens eine Einordnung in den Kontext, ein relativer Bezug zu anderen Ländern sowie ein Blick auf die zeitliche Entwicklung. Zwar kann die folgende Aufstellung verschiedener Kennziffern auch nicht beantworten, welche Auswirkungen unterschiedliche Tempolimits auf die Verkehrssicherheit haben, sie bietet jedoch Orientierung und eine bessere Diskussionsgrundlage. Ein empirisches Fundament für Aussagen über die Wirkung unterschiedlicher Tempolimits könnte nur die Einführung von Geschwindigkeitsbegrenzungen an zufällig ausgewählten Streckenabschnitten im Autobahnnetz bieten. Eine derartige wissenschaftliche Betrachtung ist derzeit jedoch nicht absehbar.

Die Unfallwerte der einzelnen Länder lassen sich nicht ausschließlich durch die Existenz oder die Höhe einer generellen Geschwindigkeitsbeschränkung erklären. Das Sicherheitsniveau einer Autobahn hängt von weitere Faktoren wie zum Beispiel dem Zustand der Straßen und der Fahrzeuge, der Verkehrsdichte, dem Konsum von legalen oder illegalen Drogen in der Gesellschaft, der Kontrolldichte und Bußgeldhöhe, den Wetterverhältnissen eines Jahres und weiteren Faktoren ab. Das Sicherheitsniveau kann durchaus von der Existenz einer generellen Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen positiv beeinflusst werden, der konkrete Sicherheitsgewinn lässt sich empirisch aber nicht aus den folgenden Werten ableiten.

Absolute Werte

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der von der Polizei registrierten Verkehrsunfälle auf Bundesautobahnen zugenommen (1991 – 2019 +18,3 %, 2000 – 2019 +7,7 %, 2010 – 2019 +7,9 %; Werte für 2020 coronabedingt verzerrt). Die Zahl der Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang ist stark gesunken (1991 – 2019 -73,7 %, 2000 – 2019 -57,9 %, 2010 – 2019 -12,3 %), die Zahl der Unfälle mit Verletzten leicht rückläufig. Hierbei sind zwei Phasen konstanter Entwicklung zu beobachten: 1991 – 2001 und 2003 – 2019. Verkehrssicherheitsgewinne hinsichtlich der Unfallzahl mit Verletzten sind insbesondere in den Jahren 2001 – 2004 entstanden.

Straßenverkehrsunfälle auf Bundesautobahnen 1991 – 20201

Die Zahl der bei Verkehrsunfällen auf Autobahnen verunglückten Menschen ist im Betrachtungszeitraum 1991 – 2019 rückläufig, wenngleich die Entwicklung in den Jahren 2004 – 2019 annähernd konstant ist (1991 – 2019 -28,1 %, 2000 – 2019 -21.5 %, 2010 – 2019 +10,1 %; Werte für 2020 coronabedingt verzerrt). Die Zahl der bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommenen Menschen (1991 – 2019 -77,1 %, 2000 – 2019 -60,7 %, 2010 – 2019 -17,1 %) ist stärker gesunken als die Zahl der Schwerverletzten (1991 – 2019 -46,8 %, 2000 – 2019 -29,2 %, 2010 – 2019 +18,4 %). Bei der Zahl der Leichtverletzten sind geringere Veränderungen zu erkennen (1991 – 2019 -19,3 %, 2000 – 2019 -18,4 %, 2010 – 2019 +8,9 %).

Im Betrachtungszeitraum 1991 – 2019 sind deutsche Autobahnen sicherer geworden. Die Zahl der Verkehrstoten hat sich um etwa zwei Drittel verringert, die Zahl der Schwerverletzten halbiert. In den vergangenen zehn Jahren sind die Sicherheitsgewinne kleiner geworden. Die Anzahl der Schwer- und Leichtverletzten ist leicht gestiegen, während die Anzahl der Getöteten annähernd konstant blieb.

Verunglückte auf Bundesautobahnen 1991 – 20202

Relative Werte

Das Unfallgeschehen und die Zahl der Verunglückten ist neben dem Sicherheitsniveau auch von anderen Faktoren abhängig. Ein wichtiger Faktor ist die Fahrleistung. Mehr Fahrten auf der Autobahn bzw. mehr zurückgelegte Kilometer haben bei einem identischen Sicherheitsniveau höhere Unfall- und Todes- bzw. Verletztenzahlen zur Folge. Bezieht man die Fahrleistung auf deutschen Autobahnen (in Milliarden Fahrzeug-Kilometer) mit ein, ist die Zahl der Unfälle mit Personenschaden je Mrd. Fz-km, die Zahl der Verunglückten je Mrd. Fz-km, die Zahl der Getöteten je Mrd. Fz-km und die Zahl der Verletzten je Mrd. Fz-km konstant rückläufig. Das fahrleistungsbezogene Sicherheitsniveau auf deutschen Autobahnen hat sich kontinuierlich erhöht. Es liegt auch konstant über dem Sicherheitsniveau des übrigen deutschen Straßennetzes. Vergleiche mit anderen europäischen Ländern konnte ich mangels Daten nicht anstellen, freue mich aber über Hinweise zu Daten in den Kommentaren.

Unfälle mit Personenschaden und Verunglückte je 1 Milliarde Fahrzeugkilometer auf Autobahnen und im übrigen Straßennetz3

Zur Einschätzung des Sicherheitsniveaus deutscher Autobahnen im europäischen Vergleich dienen die Traffic Safety Basic Facts 2018 – Motorway des European Road Safety Observatory und Daten aus CARE, der Community database on Accidents on the Roads in Europe. In dieser sind verschiedene Indikatoren und Werte mit unterschiedlichen Bezugsgrößen enthalten. Die Daten liegen für den Zeitraum 2007 – 2016 vor, aus Gründen der Übersichtlichkeit habe ich sie in Dreijahresabständen in die Tabellen übernommen.

In den vergangenen Jahren ist in vielen Ländern eine abnehmende Zahl von auf Autobahnen getöteten Menschen zu beobachten. Die Abnahmerate hat sich zuletzt jedoch verringert.

Zahl der Verkehrstoten auf den Autobahnen der Mitgliedsländern der Europäischen Union [2016] und der Schweiz in den Jahren 2007, 2010, 2013 und 20164

In Deutschland sterben etwa 12 % aller Verkehrstoten auf Autobahnen. Dieser Wert ist über den Betrachtungszeitraum stabil. Deutschland liegt mit diesem Wert im oberen Drittel, rund vier Prozentpunkte über dem europäischen Durchschnitt. Slowenien hatte 2016 in der EU den höchsten Anteil an Verkehrstoten auf Autobahnen (19 %), gefolgt von Spanien (18 %) und Belgien (16 %). Den geringsten Anteil an Verkehrstoten auf Autobahnen gab es hingegen in Rumänien (1 %), Finnland (3 %) und Polen (2 %).

Prozentualer Anteil der Verkehrstoten auf Autobahnen an allen Verkehrstoten in den Mitgliedsländern der Europäischen Union [2016] und der Schweiz in den Jahren 2007, 2010, 2013 und 20165

Ein wichtiger Indikator zur Bestimmung des Verkehrssicherheitsniveaus ist die Zahl der auf Autobahnen getöteten Menschen in Bezug auf die Länge des Autobahnnetzes. Ein Land mit einem weitläufigen Autobahnnetz hat in der Regel mehr Verkehrstote auf Autobahnen zu verzeichnen als ein Land mit nur wenigen Autobahnen. Der Indikator gibt die relative Gefährdung je Kilometer Autobahn wieder.

In Deutschland hat sich die Todesrate zwischen 2007 und 2016 von 47,8 auf 30,2 verringert. Der EU-weite Durchschnitt sank in diesem Zeitraum von 49,3 auf 26,4 (-46 %), sodass die Todesrate deutscher Autobahnen leicht über dem EU-Durchschnitt liegt. Bulgarische Autobahnen sind mit 83,1 Toten je 1.000 Autobahnkilometer (Wert für 2015) am unsichersten, die zypriotischen am sichersten. Relativ sicher sind zudem Irland, Finnland, Schweden, Portugal und die Schweiz als Nicht-EU-Mitgliedsstaat.

Todesraten auf Autobahnen je 1.000 km Autobahnlänge in Mitgliedsländern der Europäischen Union [2016] und der Schweiz in den Jahren 2007, 2010, 2013 und 20166

Ein weiterer Indikator ist der Bezug der Verkehrstoten auf Autobahnen auf die Bevölkerungszahl. Dieser Wert gibt die relative Gefährdung der Bevölkerung an, bei einem Unfall auf einer Autobahn ums Leben zu kommen. Es ist zu beachten, dass der Wert leicht verzerrt sein dürfte, da auch Ausländer:innen auf Autobahnen eines Landes versterben. Der Indikator ist vergleichsweise schwach.

Im Betrachtungszeitraum ist in der Europäischen Union, Deutschland und vielen anderen EU-Mitgliedsstaaten die Zahl der Verkehrstoten auf Autobahnen je Million Einwohner:innen ruckläufig. Die geringsten Werte wiesen 2016 Zypern, Polen, Rumänien und Finnland auf. Deutschland lag 2016 mit 4,8 Verkehrstoten auf Autobahnen je Million Einwohner:innen über dem EU-weiten Durchschnitt von 4,0 im oberen Drittel. Neun EU-Mitgliedsstaaten sowie die Schweiz lagen auf oder unter dem EU-Durchschnitt.

Verkehrstote auf Autobahnen je eine Million Einwohner:innen in Mitgliedsländern der Europäischen Union [2016] und der Schweiz in den Jahren 2007, 2010, 2013 und 20167

Fazit

Auch wenn die folgende Aufstellung nicht geeignet ist, eine positive Wirkung eines allgemeinen Tempolimits auf deutschen Autobahnen zu belegen, zeigt sie jedoch, dass das Gegenargument einer bereits sicheren deutschen Autobahn wenig stichhaltig ist. Das Sicherheitsniveau deutscher Autobahnen liegt – ausgedrückt in den verwendeten Indikatoren – stets unterhalb des EU-Durchschnitts (2016). Zwar sind die Länder aufgrund unterschiedlicher Strukturdaten (Bevölkerungszahl, Bevölkerungsdichte, etc.) und Zustände des Verkehrssystems (Zustand der Infrastruktur und der Fahrzeuge. etc.) nicht 1:1 miteinander vergleichbar, jedoch zeigt die relative Rangfolge bereits hinreichend auf, dass das Sicherheitsniveau durchaus steigerungsfähig ist. Eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen kann – muss aber nicht – hierbei unterstützend wirken.

Verweise

  1. Statistisches Bundesamt (2020): Fachserie 8 Reihe 7, 1.2 Unfälle und Verunglückte nach Ortslage und Straßenkategorien
  2. Statistisches Bundesamt (2020): Fachserie 8 Reihe 7, 1.2 Unfälle und Verunglückte nach Ortslage und Straßenkategorien
  3. Statistisches Bundesamt (2020): Fachserie 8 Reihe 7, 1.4 Unfälle mit Personenschaden und Verunglückte je 1 Mrd. Fahrzeugkilometer
  4. European Road Safety Observatory (2018): Traffic Safety Basic Facts 2018 – Motorways, Europäische Kommission, Generaldirektion Mobilität und Verkehr. Brüssel, S. 3
  5. European Road Safety Observatory (2018): Traffic Safety Basic Facts 2018 – Motorways, Europäische Kommission, Generaldirektion Mobilität und Verkehr. Brüssel, S. 4
  6. European Road Safety Observatory (2018): Traffic Safety Basic Facts 2018 – Motorways, Europäische Kommission, Generaldirektion Mobilität und Verkehr. Brüssel, S. 7
  7. European Road Safety Observatory (2018): Traffic Safety Basic Facts 2018 – Motorways, Europäische Kommission, Generaldirektion Mobilität und Verkehr. Brüssel, S. 5
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Verfasst von: Martin Randelhoff
Herausgeber und Gründer von Zukunft Mobilität, arbeitet im Hauptjob im ARGUS studio/ in Hamburg. Zuvor war er Verkehrswissenschaftler an der Technischen Universität Dortmund. Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum und nachhaltige Verkehrskonzepte. Kontaktaufnahme: randelhoff [ät] zukunft-mobilitaet.net
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