
Im Bereich der Mobilität und insbesondere bei den Kosten des Autofahrens lassen sich systematische Fehleinschätzungen beobachten. Menschen über- oder unterschätzen bestimmte Sachverhalte systematisch, also nicht zufällig, und treffen auf dieser Basis Entscheidungen, die aus rationaler Sicht als Fehlentscheidungen zu bewerten sind.1 Dieses Phänomen tritt neben der Mobilität auch in weiteren Lebensbereichen auf (z. B. Kaloriengehalt von Speisen, Energieverbrauch elektrischer Geräte).
Bei Kaufentscheidungen eines Pkw agieren viele Menschen tendenziell „kurzsichtig“ und vernachlässigen zukünftige laufende Kosten (Myopia). Im Rahmen einer Haushaltsbefragung (884 Haushalte, nur Autobesitzer:innen) zeigte sich, dass lediglich ein Viertel der Befragten Berechnungen über die laufenden Kosten vor Kauf ihres Autos angestellt haben und diese einen Einfluss auf die Kaufentscheidung hatten. 40 % berechneten die zu erwartenden laufenden Kosten vor der Entscheidung zum Autokauf gar nicht.

Berechnung der zu erwartenden laufenden Kosten vor der Entscheidung zum Autokauf – Grafik: Agora Verkehrswende (2022) | Mit: RWI; Daten: Haushaltsbefragung, Fallzahl: 884 (nur Autobesitzer:innen) | Quelle: forsa (2021)
Nur 22,2 % der Befragten stellte Vergleichsrechnungen zwischen verschiedenen Automodellen an und verglich diese hinsichtlich Ihrer zukünftigen laufenden Kosten (z.B. Kraftstoffkosten).

Vergleich verschiedener Fahrzeugmodelle/-konfigurationen hinsichtlich ihrer zukünftigen laufenden Kosten vor Autokauf – Grafik: Agora Verkehrswende (2022) | Mit: RWI; Daten: Haushaltsbefragung, Fallzahl: 941 (nur Autobesitzer:innen) | Quelle: forsa (2021)
Hinzu kommt, dass die laufenden Kosten des Autobesitzes generell falsch eingeschätzt werden (siehe auch: Die wahren Kosten eines Kilometers Autofahrt). Eine Studie von Andor et al. (2020) untersucht die Diskrepanz zwischen geschätzten und tatsächlichen Kosten des Autofahrens.2
Auf Basis einer Haushaltsbefragung von knapp 6.000 Haushaltsvorständen in Deutschland im Jahr 2018 zeigte sich, dass die Gesamtkosten des Autofahrens deutlich unterschätzt werden. Die Verbraucher unterschätzen die Gesamtkosten, die mit dem Besitz eines Autos verbunden sind, um durchschnittlich 221 Euro (240 US-Dollar) pro Monat. Die Fehleinschätzung beläuft sich auf 52% der tatsächlichen Kosten, d.h. die Gesamtkosten sind fast doppelt so hoch wie angenommen.3 Werden nur die Personen betrachtet, die Angaben zu allen Kostenfaktoren einschließlich Kraftstoffkosten, Wertverlust, Reparaturkosten, Steuern und Versicherung gemacht haben, beträgt die durchschnittliche Abweichung zwischen geschätzten und tatsächlichen monatlichen Gesamtkosten 161 Euro. Das entspricht 35 Prozent der tatsächlichen Kosten.

Abweichung der geschätzten monatlichen Gesamtkosten von den tatsächlichen Gesamtkosten in Euro (oberes Panel) sowie Abweichung der geschätzten Kosten für Steuern und Versicherung von den tatsächlichen Kosten (unteres Panel) – Grafik: Agora Verkehrswende (2022) | Mit: RWI | Quelle: Agora Verkehrswende auf Basis von Andor et al. (2020)
Während die meisten Befragten ihre monatlichen Kraftstoffkosten relativ genau einschätzen konnten (die Schätzungen deuten nur auf zufällige Fehleinschätzungen hin), wurden Wertverlust, Reparaturkosten sowie Steuern und Versicherungen deutlich unterschätzt. Auch wird die Kfz-Steuer von den Autobesitzern nicht in vollem Umfang wahrgenommen. Durch Information und verständliche Kennzeichnung könnte die Wahrnehmung einzelner Kostenkomponenten wie bspw. der Kfz-Steuer verbessert werden.4 Laut Abschätzungen der Autoren könnte der Pkw-Bestand in Deutschland bei vollem Kostenbewusstsein in der Bevölkerung 17,6 Millionen (37 %) niedriger sein.5