Andreas Schäfer ist Professor für „Energy and Transport“ am University College London, Forschungsdirektor am UCL Energy Institute, Gastprofessor am Precourt Energy Efficiency Center der Stanford University und Research Affiliate am Massachusetts Institute of Technology (MIT).
In seiner Forschung beschäftigt er sich hauptsächlich mit den Nachfrage- und Angebotsmerkmalen von Energie- und Verkehrssystemen. Die Forschungsfelder sind unter anderem ökonometrische Modelle der nationalen, regionalen und globalen Verkehrsnachfrage, die technisch-wirtschaftliche Bewertung von neuen Land- und Luftverkehrstechnologien sowie die integrierte Modellierung des globalen Luftverkehrssystem.
Die Aussagen von Prof. Schäfer in dem oben verlinkten Interview sowie in der unten eingebundenen Vorlesung an der Stanford University sind vor allem daher sehr interessant, da sich seine Meinung und Prognose in Teilen signifikant von meiner, d.h. der üblicherweise in diesem Blog dargestellten Sichtweise, unterscheidet.
Für die Angebotsseite prognostiziert Prof. Schäfer aufgrund des Fahrzeug- und Kraftstoffseitigen technologischen Fortschritts eine höhere Energieeffizienz und weniger CO2-Emissionen pro Einheit Verkehrsarbeit. Auf der Nachfrageseite soll jedoch kein signifikanter Wandel erfolgen, da höhere Preise für bessere Technologie und steigende Kraftstoffkosten durch das global wachsende Einkommensniveau relativiert werden.
Als Folge des wachsenden Wohlstands im nordamerikanischen und europäischen Raum sind auch der Pkw-Besitz, die Pkw-Nutzung und die Nachfrage nach Flügen im 20. Jahrhundert gestiegen. Die MIV-Verkehrsleistung stieg in Deutschland von 30,7 Milliarden Personenkilometer im Jahre 1950 auf 628,2 Milliarden Personenkilometer im Jahre 1993 und betrug 2013 917,7 Milliarden Personenkilometer.1 Damit einher gingen ein wachsender Energiebedarf des Verkehrssektors und steigende CO2-Emissionen.
Im Bereich Infrastruktur und ÖPNV ist Prof. Schäfer dahingegen sehr skeptisch. Eine Umgestaltung der Infrastruktur und eine Ausweitung des öffentlichen Verkehrsangebots in Industrieländern wird seiner Meinung nach nicht erfolgen. Für einen wirtschaftlich tragfähigen flächendeckenden ÖPNV, der eine Ausweitung rechtfertige, sei insbesondere die niedrige Bevölkerungsdichte in den USA und Europa problematisch.
Vor der Einführung von Steuern als Steuerungselement sieht er die Notwendigkeit einer Entwicklung von leistungsfähigen und adäquaten Alternativen zum Pkw und die Erhöhung der Preiselastizität, um die Wirkung der Steuer zu erhöhen. Steuerlicher Eingriffe sieht er vor allem als Werkzeug zur Eliminierung bzw. Abschwächung des Rebound-Effekts.
Durch die Steigerung der Effizienz werden Produkte oder Dienstleistungen nicht nur energie- und ressourcenschonender, sondern vielmals auch günstiger. Diese Kosteneinsparungen haben wiederum Rückwirkungen auf die Nachfrage. Das Produkt oder die Dienstleistung wird günstiger und in Folge von dieser direkt mehr nachgefragt (direkter Rebound). Oder durch die geringeren Kosten erhöht sich das frei verfügbare Einkommen, welches daraufhin die Nachfrage nach anderen Produkten / Dienstleistungen wachsen lässt, die ebenfalls Energie bzw. Ressourcen verbrauchen (indirekter Rebound).
Des Weiteren gibt es noch folgende Effekte (siehe Wikipedia):
Der Reboundeffekt definiert sich makroökonomisch aus der Elastizität des Ressourcenbedarfs hinsichtlich einer Änderung der Ressourcen-Effizienz.
Im Pkw-Bereich können sich Effizienzsteigerungen beispielsweise in der Entscheidung zugunsten eines größeren oder leistungsstärkeren Pkw (Wechsel von Kombilimousine zu Geländelimousine [SUV]), einer erhöhten Fahrleistung (Änderungen in der Verkehrsmittelwahl zugunsten des Autos [modal split] oder Anstieg der gesamten Wegeanzahl/-längen), einem energieintensiverem Fahrstil (schnellere Durchschnittsgeschwindigkeit auf Langstrecken, weniger vorausschauendes Fahren), einer erhöhten Zusatzverbrauchernutzung im Pkw (häufigere oder längere Nutzung von Klimaanlage oder Sitzheizung) oder der . Anschaffung eines zusätzlichen Pkw als Zweit- oder Drittwagen im Haushalt äußern.2
Einzelne empirische Befunde zum Auftreten von Rebound-Effekten kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen bzgl. der Höhe des direkten Rebound-Effekts. Im motorisierten Individualverkehr liegen die Rebounds laut Prof. Schäfer typischerweise zwischen fünf und zwanzig Prozent in Industrieländern, im Luftverkehr zwischen 15 und 20 Prozent. Bei einer Durchsicht von 16 Studien stellen Sorrell und Dimitropoulos (2007)3 eine Streuung kurzfristiger direkter Rebound-Effekte zwischen 4,5 und 87 % sowie langfristiger direkter Rebound-Effekte zwischen 5 und 66 % für den Mobilitätsbereich fest. Frondel et al. (2008)4 errechneten für Deutschland direkte Rebound-Effekte zwischen 57 und 67 %, „während Sorrell (2007)5 als ‚beste Schätzung‘ im Bereich des motorisierten Individualverkehrs Rebound-Effekte zwischen 10 und 30 % angibt.“6
Da der Konsum von Produkten und Dienstleistungen meist neben monetären auch Zeitkosten verursacht, kann bei der Ermittlung von Rebound-Effekten der Faktor Zeit große Auswirkungen haben. Im privaten Autoverkehr liegt der Anteil der Zeitkosten beispielsweise bei über 75% der Gesamtkosten.7 Mit wachsendem Einkommen steigen die Zeitkosten und die vom Konsumenten empfundenen Opportunitätskosten pro Zeiteinheit. Je höher das Einkommen, desto größer sind die Opportunitätskosten. Geringere Kosten für Ortsveränderungen bedeuten somit nicht automatisch, dass es durch die Rebound-Effekte zu einer Ausweitung der zurückgelegten Wegestrecken kommen muss. Auch bedeutet ein sinkender Anteil Verkehrsausgaben am Gesamt- bzw. Haushaltseinkommen nicht, dass automatisch die Fahrleistung ausgeweitet wird. Vielmehr müssen bei einer entsprechenden Betrachtung auch die Zeitkosten berücksichtigt werden.
Im Infrastrukturbereich erwartet Prof. Schäfer bis 2030 vor allem eine Ausweitung der fahrleistungsabhängigen Bepreisung, um die externen Kosten verursachergerecht internalisieren zu können (Zum Weiterlesen: Was sind externe Kosten und Nutzen des Verkehrs?).
Einige Erkenntnisse aus der Vorlesung an der Stanford-University aus März 2011 in der Übersicht:
Kriterien für den Erfolg alternativer Kraftstoffe im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen / anderen Energieträgern: