Stadtentwicklung und ländlicher Raum

Erreichbarkeit sichern - Quartiere der kurzen Wege planen
Zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2026

Die Diskussion um die Mobilitätswende dreht sich meist um Verkehrsmittel, Antriebe und Angebote. Ob ein alltäglicher Weg kurz oder lang ist und ob er zu Fuß, mit dem Rad, mit Bus und Bahn oder nur mit dem Auto zurückgelegt werden kann, entscheidet sich jedoch schon viel früher: in der räumlichen Organisation von Siedlungen, Nutzungen und Standorten. Stadtentwicklung und Raumplanung bilden daher die Grundlage, auf der Verkehrspolitik wirkt.

Dieser Beitrag betrachtet Mobilität konsequent aus dieser räumlichen Perspektive und macht Erreichbarkeit zum zentralen Maßstab – von wachsenden Großstädten bis hin zu dünn besiedelten ländlichen Räumen. Es wird aufgezeigt, warum sich das Verkehrsverhalten zwischen den Raumtypen unterscheidet und welche Handlungsmöglichkeiten die Kommunen tatsächlich haben.

Die zentrale Frage ist nicht, wie möglichst viel Verkehr abgewickelt werden kann. Entscheidend ist, wie die Menschen Arbeit, Bildung, Versorgung und soziale Kontakte zuverlässig erreichen können, ohne dass durch die Siedlungsentwicklung über Jahrzehnte neue Abhängigkeiten entstehen.

Das Wichtigste in Kürze

Mobilität beginnt nicht mit dem Verkehrsmittel, sondern mit der räumlichen Organisation des Alltags. Liegen Wohnen, Arbeit, Bildung, Versorgung, Gesundheit, Freizeit und soziale Infrastruktur nah beieinander, entstehen kurze Wege. Werden Nutzungen hingegen getrennt, Zentren geschwächt und neue Standorte schlecht angebunden, wächst der Verkehrsaufwand. Stadtentwicklung und Raumplanung entscheiden somit wesentlich darüber, ob Verkehr vermieden, verlagert oder dauerhaft erzeugt wird.

Der bundesweite Modal Split verdeckt jedoch erhebliche räumliche Unterschiede. Während der Umweltverbund in Metropolen bereits stark ausgeprägt ist, dominiert in kleinstädtischen, dörflichen und vielen ländlichen Räumen der motorisierte Individualverkehr. Diese Unterschiede entstehen nicht allein aus individuellen Präferenzen, sondern auch aus Faktoren wie Dichte, Nutzungsmischung, Haltestellennähe, Taktangebot, Versorgungsstandorten, Wegelängen und der Verfügbarkeit alltagstauglicher Alternativen.

Erreichbarkeit sollte zum zentralen Maßstab kommunaler Planung werden. Entscheidend ist nicht, wie schnell der Verkehr fließt, sondern ob Menschen ihre alltäglichen Ziele verlässlich, bezahlbar, barrierefrei und möglichst ohne Zwang zum privaten Pkw erreichen können. Diese Perspektive verbindet die Bereiche Mobilität, Siedlungsentwicklung, soziale Teilhabe, Klimaschutz, Flächenpolitik und kommunale Daseinsvorsorge miteinander.

Bei Neubauquartieren, der Innenentwicklung und dem Bestandsumbau muss die Mobilität von Anfang an mitgeplant werden. Dabei wirken das Stellplatzangebot, die Organisation des Parkens, Quartiersgaragen, die Bauphasen und die Parkraumbewirtschaftung mit Sharing, ÖPNV, Radverkehr und Lieferzonen sowie Kommunikation, soziale Stellplatzvergabe und langfristige Finanzierung zusammen. Erst dieses Zusammenspiel entscheidet darüber, ob autoarme Konzepte dauerhaft funktionieren oder nur als Begründung für eine Reduzierung der Stellplätze dienen.

Gewerbe und produktive Nutzungen gehören zur Stadt der kurzen Wege. Handwerk, Reparatur, urbane Produktion, Labore, Kulturproduktion, lokale Dienstleistungen und gewerbliche Flotten erzeugen Wege und benötigen Flächen. Werden sie aus integrierten Lagen verdrängt, entstehen längere Arbeits-, Liefer-, Service- und Einsatzwege. Vertikale Stapelung, produktive Sockelzonen, hybride Gewerbestrukturen und Flächensicherung können dabei helfen, produktive Nutzungen in der Stadt zu halten.

Ländliche Räume benötigen keine Kopie der großstädtischen Verkehrswende, sondern eine abgestufte Mobilitätsgarantie. Je nach Dichte, Zentralität und Tageszeit müssen Schiene, hochwertige regionale Busangebote, flexible Bedienformen, Radverkehr, mobile Dienste, digitale Zugänge und starke Ortskerne kombiniert werden. Das Ziel ist nicht, überall dasselbe Angebot zu haben, sondern eine verlässliche Erreichbarkeit zu gewährleisten.

Inhaltsverzeichnis

Mobilität beginnt vor der ersten Fahrt

Verkehr entsteht nicht zufällig. Er ist eng mit räumlichen Entscheidungen verbunden. Beispielsweise davon, wo Wohnungen gebaut werden, wo Arbeitsplätze entstehen, wo Schulen, Kitas, Arztpraxen, Einkaufsmöglichkeiten, Pflegeangebote und Freizeitorte liegen, welche Dichten zugelassen werden, wie Straßenräume verteilt sind und welche Mobilitätsangebote im Alltag verfügbar sind. Die Forschung zur Wechselwirkung von Flächennutzung und Verkehr zeigt, dass die räumliche Struktur, die Erreichbarkeit und das Verkehrsangebot das Mobilitätsverhalten wesentlich mitprägen.[Hansen (1959)], [Cervero/Kockelman (1997)], [Ewing/Cervero (2010)] Bevor sich ein Mensch dafür entscheidet, zu Fuß zu gehen, mit dem Fahrrad zu fahren, den Bus zu nehmen oder das Auto zu nutzen, hat die Stadt- und Raumstruktur bereits viele Möglichkeiten eröffnet oder verschlossen.

Stadtentwicklung ist deshalb ein zentrales Feld der Mobilitätswende. Die Verkehrsplanung kann die Qualität der Angebote verbessern, Straßenräume neu ordnen, das Parken steuern und Alternativen ausbauen. Sie arbeitet jedoch immer auf einem räumlichen Fundament, das durch Siedlungsentwicklung, Bodenpolitik, Bauleitplanung, Standortentscheidungen und Infrastrukturinvestitionen geprägt wird. Eine Mobilitätswende, die nur die Verkehrsmittel austauscht, greift daher zu kurz. Eine im Raum verankerte Mobilitätswende fragt zuerst, warum Wege entstehen, wie lang sie sind, welche Ziele erreichbar sind und welche Wahlmöglichkeiten Menschen tatsächlich haben.[Geurs/van Wee (2004)], [Banister (2008)], [Bertolini et al. (2005)]

Dies gilt für wachsende Großstädte ebenso wie für schrumpfende Regionen, für Einfamilienhausgebiete ebenso wie für Innenstädte und für Neubau- ebenso wie für Bestandsquartiere. Die zentrale Frage ist nicht nur, wie Mobilität klimafreundlicher organisiert werden kann. Es geht auch darum, Siedlungsstrukturen so weiterzuentwickeln, dass weniger Zwangsmobilität entsteht und mehr Alltag in erreichbarer Nähe möglich wird.[Geurs/van Wee (2004)], [Bertolini et al. (2005)]

Einordnung und Abgrenzung

Dieser Beitrag betrachtet Mobilität aus räumlicher Perspektive und untersucht, wie Siedlungsstruktur, Standortentscheidungen und Flächennutzung Verkehr erzeugen, vermeiden, verkürzen oder verlagern. Dabei wird deutlich, dass öffentlicher Verkehr, Radverkehr, Fußverkehr, Parkraummanagement, Sharing, Antriebswende, Logistik und die Finanzierung der Mobilität nicht unabhängig vom Raum wirken, sondern davon abhängen, welche räumlichen Strukturen sie bedienen müssen.[Geurs/van Wee (2004)], [Bertolini et al. (2005)] Ein dichter, gemischter Stadtteil mit guter Nahversorgung bietet andere Mobilitätsmöglichkeiten als ein monofunktionales Gewerbegebiet am Autobahnanschluss, ein Einfamilienhausgebiet ohne Nahversorgung oder ein Dorf ohne Busanbindung.[Cervero/Kockelman (1997)], [Ewing/Cervero (2010)], [Küpper (2016)]

Daraus ergibt sich die Abgrenzung zu den übrigen Beiträgen dieser Reihe. Die vorliegende Darstellung konzentriert sich auf die räumliche Ausprägung der Mobilität. Die betrieblichen, gestalterischen, technischen und finanziellen Fragen werden in eigenständigen Beiträgen behandelt. Der Beitrag zu Straßengestaltung und aktiver Mobilität vertieft die Gestaltung des Straßenraums sowie die Detailfragen des Rad-, Fuß- und ruhenden Verkehrs. Der Beitrag zu Bus, Bahn und Sharing behandelt Angebot, Betrieb, Tarif und Sharing des öffentlichen Verkehrs. Der Beitrag zu Wirtschaftsverkehr und urbaner Logistik behandelt Liefer-, Wirtschafts- und Logistikverkehre samt urbaner Produktion. Der Beitrag zur Antriebswende behandelt Antriebs- und Fahrzeugtechnik. Der Beitrag zu Kosten, Finanzierung und sozialer Gerechtigkeit behandelt die Bepreisung, Finanzierung und soziale Verteilung der Verkehrskosten. Wo diese Themen im Folgenden berührt werden, geschieht dies unter dem Gesichtspunkt ihrer räumlichen Wirkung; ihre vertiefte Behandlung bleibt den genannten Beiträgen vorbehalten.

Die räumliche Perspektive verändert auch die Bewertung politischer Instrumente. So kann ein reduzierter Stellplatzschlüssel in einem gut angebundenen Quartier sinnvoll sein, in einer schlecht erschlossenen Randlage kann er jedoch zu sozialen Härten führen.[StMB Bayern (2022)], [Mattioli (2017)], [Pereira et al. (2017)] Ein On-Demand-Angebot kann Versorgungslücken in dünn besiedelten Räumen schließen, aber keinen leistungsfähigen Taktverkehr auf stark frequentierten Achsen ersetzen.[Martí et al. (2023)], [Thomsen/Liedtke (2026)] Park-and-Ride kann an äußeren Knoten sinnvoll sein, aber an innerstädtischen Bahnhöfen und Haltepunkten Entwicklungsflächen blockieren.[Zijlstra et al. (2015)], [Truong/Marshall (2015)] Die Digitalisierung kann Zugänge erleichtern, aber komplizierte Tarife und Verfahren nicht automatisch verständlich machen.[Durand et al. (2021)], [Boyko et al. (2026)]

Stadtentwicklung und ländlicher Raum sind deshalb kein Randthema der Mobilitätswende. Sie entscheiden darüber, ob Verkehrspolitik gegen räumliche Strukturen arbeiten muss oder von ihnen unterstützt wird.[Banister (2008)], [Bertolini et al. (2005)]

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Stadt formt Mobilität formt Stadt

Die Entwicklung von Stadt und Mobilität gehen Hand in Hand. War der Verkehr zuvor nur dienendes Element, um Stadtfunktionen (Wohnen, Arbeit, Erholung, u.a.) zu verbinden, schwang er sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Form der autogerechten Stadt zur Dominante in der Stadtentwicklung auf, um im Anschluss, aufgrund der mit der Dominanz einhergehenden negativen Folgen, wieder auf ein stadtverträglicheres Maß heruntergestuft zu werden. Die Entwicklung folgt einer bestimmten Logik. Es stellt sich die Frage, welche Einflüsse der absehbare technologische Fortschritt im Mobilitätsbereich auf die Stadt der Zukunft haben wird und wie die Veränderung gestaltet werden kann.

Die neue Lage der Kommunen

Die Kommunen stehen vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits sollen sie Wohnraum schaffen, die Klimaanpassung vorantreiben, die Infrastruktur sanieren, die Zentren stabilisieren, Gewerbeflächen sichern, soziale Teilhabe ermöglichen und die öffentlichen Räume aufwerten. Andererseits sind Flächen, Personal, Finanzmittel und politische Aufmerksamkeit begrenzt. Stadtentwicklung wird somit zunehmend zur Frage der Priorisierung unter Knappheit.[KfW/Difu (2026)], [Difu et al. (2024)]

Die Erhebung „Mobilität in Deutschland 2023” zeigt, dass der motorisierte Individualverkehr trotz Rückgängen weiterhin dominiert: Bundesweit entfallen 40 Prozent der Wege auf Pkw-Fahrende, weitere 13 Prozent auf Pkw-Mitfahrende. Der Fußverkehr erreicht 26 Prozent, der Radverkehr 11 Prozent und der öffentliche Verkehr ebenfalls 11 Prozent.[MiD (2023)] Dieser Durchschnitt verdeckt jedoch erhebliche räumliche Unterschiede. In Metropolen liegt der Anteil des Umweltverbunds deutlich höher: 31 Prozent der Wege werden zu Fuß zurückgelegt, 15 Prozent mit dem Fahrrad und 21 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Pkw-Fahrende kommen dort nur auf 25 Prozent und Pkw-Mitfahrende auf acht Prozent. In Regiopolen und Großstädten ist das Bild autoorientierter, aber weiterhin gemischt: 29 Prozent entfallen auf den Fußverkehr, 15 Prozent auf den Radverkehr, 14 Prozent auf den öffentlichen Verkehr, 32 Prozent auf Pkw-Fahrende und 11 Prozent auf Pkw-Mitfahrende.

Mit abnehmender Dichte verschiebt sich der Modal Split deutlich. In Mittelstädten und städtischen Räumen innerhalb von Stadtregionen entfallen bereits 42 Prozent der Wege auf Pkw-Fahrende und 14 Prozent auf Pkw-Mitfahrende. In kleinstädtischen und dörflichen Räumen der Stadtregionen steigt der Anteil des motorisierten Individualverkehrs (MIV) auf zusammen 62 Prozent. In ländlichen Regionen ist die Autoabhängigkeit noch stärker ausgeprägt. In kleinstädtischen und dörflichen Räumen entfallen 51 Prozent der Wege auf Pkw-Fahrende und 14 Prozent auf Pkw-Mitfahrende, während der öffentliche Verkehr nur sieben Prozent und der Radverkehr sechs Prozent erreicht. Die zentralen Städte ländlicher Regionen nehmen eine Zwischenposition ein: Dort liegen Fußverkehr und Radverkehr mit 28 bzw. 13 Prozent zwar höher, der MIV-Anteil mit zusammen 50 Prozent liegt aber weiterhin deutlich über dem Niveau der Metropolen.[MiD (2023)]

Die Zahlen machen deutlich, dass der bundesweite Modal Split keine einheitliche Mobilitätsrealität abbildet. In Metropolen ist das Zusammenspiel aus Fußverkehr, Radverkehr und öffentlichem Verkehr bereits heute stark ausgeprägt, während das Auto in kleinstädtischen, dörflichen und vielen ländlichen Räumen das dominierende Verkehrsmittel bleibt. Ursache hierfür sind nicht nur individuelle Präferenzen, sondern vor allem räumliche Bedingungen. Dazu zählen Dichte, Nutzungsmischung, Haltestellennähe, Taktangebot, Wegelängen, Versorgungsstandorte und die Verfügbarkeit alltagstauglicher Alternativen. Genau deshalb muss eine erreichbarkeitsorientierte Mobilitätspolitik nach Raumtypen unterscheiden.

Zugleich verändern sich durch die demografische Entwicklung die Anforderungen an die kommunale Planung. Haushalte werden kleiner, die Bevölkerung altert und familiäre Netzwerke verändern sich. Homeoffice und hybride Arbeitsmodelle verändern die Pendelmuster, während Liefer- und Dienstleistungsverkehre zunehmen. Viele Kommunen müssen all das zudem mit Fachkräftemangel, Investitionsstau und angespannten Haushalten bewältigen.[Destatis (2025)], [KfW/Difu (2026)], [Difu et al. (2024)] In der Folge ändern sich die Anforderungen an Nahversorgung, Barrierefreiheit, Gesundheitsversorgung und Mobilitätsangebote. So kann ein Quartier, das für einen erwerbstätigen Haushalt mit zwei Autos gut funktioniert, für einen älteren Einpersonenhaushalt ohne Auto zu einem Erreichbarkeitsproblem werden.

Die Erreichbarkeit kann sich selbst innerhalb derselben Stadt auf kurzer Distanz deutlich unterscheiden. Bereits wenige Straßenzüge oder mehrere hundert Meter können darüber entscheiden, ob Arbeitsplätze, Haltestellen, Nahversorger und soziale Infrastruktur gut erreichbar sind oder der Alltag stärker vom Auto abhängt. In einer vergleichenden Analyse mehrerer Städte zeigen Wagner et al. (2026), dass insbesondere die Nähe zu Zentren und Arbeitsplätzen die Länge autobasierter Arbeitswege und die damit verbundenen CO₂-Emissionen beeinflusst. Dichte und Straßennetzgestaltung bleiben zwar relevant, wirken aber nicht überall gleich stark. Für die kommunale Planung folgt daraus, dass grobe Kategorien wie „städtisch“, „suburban“ oder „ländlich“ nicht ausreichen. Erreichbarkeit muss kleinräumig betrachtet werden, da sich die Mobilitätsbedingungen auch innerhalb eines Stadtteils erheblich unterscheiden können.[Wagner et al. (2026)]

Auch die Konkurrenz um integrierte Flächen nimmt zu. Häufig konkurrieren Wohnen, soziale Infrastruktur, Grünflächen, Klimaanpassung, Gewerbe, Handwerk, urbane Produktion, Mobilitätsstationen, Logistikflächen und Betriebshöfe um dieselben Lagen. Besonders in wachsenden Städten geraten produktive und kleinteilige gewerbliche Nutzungen unter Druck, da Wohnen und renditestärkere Nutzungen höhere Bodenpreise tragen können.[Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)], [Suwala et al. (2025)] Wenn dieser Konflikt nicht aktiv gesteuert wird, können sich neue Randlagen für Gewerbe und Handwerk ergeben – und damit zusätzliche Arbeits-, Liefer-, Service- und Einsatzwege.[Geurs/van Wee (2004)], [Dieperink/Driessen (2000)]

Die neue kommunale Lage erfordert deshalb eine integrierte Planung. Wohnungsbau ohne Mobilitätskonzept, Klimaanpassung ohne Straßenraumstrategie, Gewerbeflächenpolitik ohne Erreichbarkeitsanalyse und ÖPNV-Ausbau ohne darauf abgestimmte Standortentscheidungen bleiben jeweils unvollständig. Mobilität darf nicht als nachgelagertes Problem behandelt werden, sondern muss als Teil jeder räumlichen Entscheidung berücksichtigt werden.[Europäische Kommission (2023)], [Levin-Keitel/Reeker (2021)]

Erreichbarkeit als Maßstab

Lange Zeit wurde die Verkehrspolitik vor allem anhand der Kriterien Leistungsfähigkeit, Geschwindigkeit und Verkehrsfluss bewertet. Diese Perspektive misst, wie gut sich der Verkehr bewegt. Eine erreichbarkeitsorientierte Planung fragt hingegen, welche Ziele Menschen erreichen können. Dabei ist nicht nur die Reisegeschwindigkeit entscheidend, sondern auch die Kombination aus Nähe, Angebot, Kosten, Barrierefreiheit, Verlässlichkeit, Sicherheit und Nutzbarkeit.[Geurs/van Wee (2004)], [Banister (2008)]

Die Erreichbarkeit verbindet räumliche und verkehrliche Fragen miteinander. So kann eine Kita in Laufnähe wichtiger sein als Anschluss an eine Schnellstraße. Ein häufiger Bus mit kurzen Wegen zur Haltestelle kann die Teilhabe mehr fördern als eine theoretisch hohe Fahrgeschwindigkeit. Ein Quartier mit Nahversorgung, Schule, Pflegeangeboten, Grünflächen und Arbeitsplätzen erzeugt einen geringeren Verkehrsaufwand als ein Wohngebiet, in dem für jeden Alltagszweck eine Autofahrt erforderlich ist.[Geurs/van Wee (2004)], [Ewing/Cervero (2010)]

Das Leitbild der 15-Minuten-Stadt veranschaulicht diesen Zusammenhang besonders gut: Viele alltägliche Ziele sollen innerhalb kurzer Zeit zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein. Entscheidend ist dabei weniger die exakte Minutenangabe als die planerische Logik dahinter. Nutzungsmischung, Nähe, sichere Wege und attraktive öffentliche Räume müssen zusammenwirken. Eine Stadt der kurzen Wege entsteht nicht allein durch eine kompakte Siedlungsstruktur, sondern erst, wenn die Nähe im Alltag auch nutzbar ist.[Moreno et al. (2021)], [Geurs/van Wee (2004)], [Ewing/Cervero (2010)]

Diese Perspektive ist besonders wichtig, da der Verkehr nicht nur ein technisches, sondern auch ein soziales Thema ist. Die Menschen unterscheiden sich in Bezug auf Einkommen, Alter, körperliche Verfassung, Sorgearbeit, Arbeitszeiten, digitale Kompetenz und Zugang zu Fahrzeugen. Ein Angebot, das für eine mobile, digital affine Person mit flexiblem Beruf gut funktioniert, kann für einen Menschen mit Schichtarbeit, Pflegeverantwortung, Mobilitätseinschränkung oder geringem Einkommen unzureichend sein. Deshalb muss Erreichbarkeit nicht nur durchschnittlich, sondern auch für unterschiedliche Gruppen bewertet werden.[Páez et al. (2012)], [Lucas (2012)], [Pereira et al. (2017)]

Daraus ergibt sich ein anderer Planungsmaßstab: Nicht jede Straße muss schneller werden, nicht jede Randlage muss gleich gut für jede Nutzung erschlossen werden und nicht jede Nachfrage sollte durch zusätzliche Fahrten gedeckt werden. Vorrangig ist es, alltägliche Ziele so zu organisieren, dass sie mit möglichst geringem Aufwand erreichbar sind. Die Mobilitätswende beginnt deshalb bei Standortentscheidungen.[Banister (2008)], [Bertolini et al. (2005)], [Straatemeier/Bertolini (2020)]

Raumstruktur und Verkehrsverhalten

Die Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass die Raumstruktur das Verkehrsverhalten beeinflusst. Dichte, Nutzungsmischung, Blockgrößen, Netzfeinheit, Entfernung zu Zentren, Haltestellennähe, Parkraumbedingungen und die Qualität des öffentlichen Raums beeinflussen, welche Verkehrsmittel Menschen wie häufig nutzen.[Cervero/Kockelman (1997)], [Ewing/Cervero (2010)] Die Wirkung ist nicht mechanisch. Menschen wählen ihren Wohnstandort auch nach ihren Präferenzen, ihrem Einkommen und ihrer Lebensphase aus. Dennoch bleibt die räumliche Struktur ein zentraler Rahmen für Mobilitätsentscheidungen.[Handy et al. (2005)], [Stevens (2017)], [Christiansen et al. (2017)]

Die klassische Formel der „5D“ – Density, Diversity, Design, Destination Accessibility und Distance to Transit (Dichte, Nutzungsmischung, Gestaltung, Erreichbarkeit und Entfernung zu öffentlichen Verkehrsmitteln) – beschreibt diesen Zusammenhang. Sie geht auf Cervero und Kockelman zurück, die ursprünglich drei Merkmale unterschieden: Dichte, Nutzungsmischung und Gestaltung. Ewing und Cervero erweiterten diese später um zwei weitere Merkmale. Die zusammenfassende Auswertung der vorliegenden Studien durch Ewing und Cervero zeigt zwei Dinge: Die Einzeleffekte fallen je für sich gering aus und unter den fünf Merkmalen weist die Erreichbarkeit von Zielen den stärksten Zusammenhang mit einer geringeren Pkw-Nutzung auf.[Cervero/Kockelman (1997)], [Ewing/Cervero (2010)] Eine höhere Dichte allein reicht nicht aus. Sie muss mit Nutzungsmischung, guter Gestaltung, erreichbaren Zielen und einem leistungsfähigen öffentlichen Verkehrssystem verbunden sein. Ein dichtes Quartier ohne Grünflächen, ohne sichere Gehwege und ohne Nahversorgung erzeugt nicht automatisch nachhaltige Mobilität. Ein gemischtes Quartier mit guten Fuß- und Radwegen, verlässlichem ÖPNV und begrenztem Parkraum verändert hingegen die tatsächliche Wahlfreiheit.[Christiansen et al. (2017)]

DDabei ist die Richtung der Wirkung entscheidend. Eine gute Raumstruktur kann Verkehrspolitik nicht ersetzen, macht sie aber wirksamer. Ein dichtes Quartier benötigt weiterhin gute Radwege, barrierefreie Haltestellen, sichere Kreuzungen, Lieferzonen, Carsharing und ein Parkraummanagement. Umgekehrt kann selbst ein gutes Mobilitätsangebot nur begrenzt wirken, wenn Ziele weit auseinanderliegen und Alltagswege strukturell lang sind.[Geurs/van Wee (2004)], [Banister (2008)], [Bertolini et al. (2005)] Die Beiträge zu Straßengestaltung und aktiver Mobilität sowie zu Bus, Bahn und Sharing behandeln die gestalterische und betriebliche Ausformung dieser Angebote.

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Siedlungsentwicklung stadtregional denken!

Yannis und Michelaraki haben in ihrer Studie die Wirksamkeit von stadtweitem Tempo 30 untersucht. Sie beleuchten die Veränderungen in den Bereichen Verkehrssicherheit, Umwelt, Energie, Verkehrgeschehen, Lebensqualität und Gesundheit, vor und nach der schrittweisen Einführung einer stadtweiten Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h in europäischen Großstädten.

Innenstädte und Zentren als Alltagszentren

Die wachsende Unsicherheit im stationären Einzelhandel führt in vielen Kommunen zu einer Neubewertung der Innenstädte. Leerstände, veränderte Besuchsfrequenzen, die Umnutzung großer Warenhausimmobilien und der Onlinehandel schwächen die frühere Leitfunktion des Einkaufens.[Beirat Innenstadt (2021)], [HDE (2025)] Innenstadtentwicklung ist damit nicht mehr nur eine Frage attraktiver Erdgeschosszonen, sondern eine strategische Aufgabe der Stadtentwicklung. Es geht um die Bereiche Wohnen, Arbeit, Kultur, Bildung, Gesundheit, öffentliche Räume, Klimaanpassung und Erreichbarkeit.[Beirat Innenstadt (2021)]

Für die Mobilitätswende sind Zentren von entscheidender Bedeutung, da sie viele Alltagsziele bündeln können. Ein lebendiges Zentrum reduziert Wege, wenn dort Versorgung, Dienstleistungen, soziale Infrastruktur, Freizeit, Kultur, Gesundheitsangebote und Arbeitsplätze zusammenkommen. Wenn die Innenstadt hingegen monofunktional als Einkaufsort verstanden wird, verliert sie an Stabilität. Zentren der Zukunft müssen daher stärker als Alltagszentren gedacht werden.[Beirat Innenstadt (2021)], [Geurs/van Wee (2004)]

Dazu gehört auch, produktive und kleinteilige Nutzungen nicht aus den Zentren zu verdrängen. Reparatur, Handwerk, lokale Dienstleistungen, urbane Produktion, Kulturproduktion, kleine Werkstätten und gewerbliche Nutzungen erzeugen zwar Liefer-, Service- und Arbeitsverkehre, tragen aber zugleich zur funktionalen Mischung bei.[Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)], [Suwala et al. (2025)] Wenn Innenstädte nur noch aus Konsum, Gastronomie, Verwaltung und Wohnen bestehen, verlieren sie einen Teil ihrer ökonomischen und sozialen Vielfalt. Eine erreichbarkeitsorientierte Innenstadtpolitik muss deshalb auch Flächen für solche Nutzungen sichern.[Beirat Innenstadt (2021)], [Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)] Die Organisation der dabei entstehenden Liefer- und Serviceverkehre wird in dem Beitrag zu Wirtschaftsverkehr und urbaner Logistik behandelt.

Damit verändert sich die verkehrliche Rolle der Innenstadt. Nicht jede Innenstadt muss für jede Autofahrt unmittelbar erreichbar bleiben. Entscheidend ist, dass sie für viele Menschen auf verschiedene Weise gut erreichbar ist: zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit Bus und Bahn, barrierefrei, mit guten Liefer- und Ladezonen, mit einer klaren Parkraumstrategie und mit hochwertigen öffentlichen Räumen. Parkraum ist weiterhin Teil der Erreichbarkeit, darf aber nicht die Leitstruktur der Innenstadtentwicklung bestimmen.[Banister (2008)], [Geurs/van Wee (2004)], [Beirat Innenstadt (2021)]

Neubauquartiere und Mobilitätskonzepte

Neubauquartiere legen Mobilität besonders langfristig fest. Lage, Dichte, Nutzungsmischung, Erschließung, Stellplatzangebot, Organisationsform des Parkens und Freiraumstruktur bestimmen, ob die späteren Bewohnerinnen und Bewohner kurze Wege haben oder dauerhaft auf das Auto angewiesen bleiben.[Küchel et al. (2024)], [Sprei et al. (2020)] Die zentrale Planungsfrage lautet deshalb nicht, wie viele Stellplätze ein Quartier nachträglich reduzieren kann. Sie lautet, wie viele Stellplätze zu Beginn überhaupt angeboten werden, wo sie liegen, wie sie bewirtschaftet werden und welche Mobilitätsstruktur parallel dazu aufgebaut wird.

Stellplatzangebot und Parkorganisation

Besonders folgenreich ist die bauliche Organisation des Parkens. Wohnortnaher und bequem verfügbarer Parkraum beeinflusst den Pkw-Besitz und die Pkw-Nutzung. Auch die Bündelung von Park- und Wohnkosten kann den Pkw-Besitz begünstigen.[Guo (2013a)], [Guo (2013b)], [Manville (2016)] Tiefgaragen binden Stellplätze dauerhaft an Gebäude, verursachen hohe Bau- und Folgekosten und erschweren spätere Reduktionen, Umnutzungen oder Anpassungen an veränderte Mobilitätsmuster. In der Hamburger Debatte zum kostenreduzierten Wohnungsbau wird der Verzicht auf Tiefgaragen als erhebliches Einsparpotenzial benannt. In der Bürgerschaftsdrucksache zum Hamburg-Standard werden auf Seite 16 entsprechende Einsparwerte ausgewiesen, darunter rund 340 Euro je Quadratmeter Wohnfläche für den Verzicht auf eine Tiefgarage.[Bürgerschaft Hamburg (2026)] Quartiers- oder Hochgaragen sind flexibler, da sie Stellplätze bündeln und vom einzelnen Gebäude entkoppeln. So können sie perspektivisch anders genutzt, reduziert oder anders bewirtschaftet werden. Die Entkopplung von Wohnen und Parken kann zudem dabei helfen, Parkkosten transparenter zu gestalten und die Mitfinanzierung von Pkw-Besitz über die Wohnkosten zu reduzieren.[De Gruyter et al. (2024)], [Manville (2016)] Quartiersgaragen können den öffentlichen Raum zudem entlasten, wenn sie mit einer klaren Parkraumbewirtschaftung, kurzen Wegen zu Mobilitätsstationen sowie einer guten Information verbunden werden..[StMB Bayern (2022)], [Urban MoVe (2021)]

Bauphasen, Quartiersgrenzen und Grundausstattung

Das Mobilitätskonzept darf nicht an der Quartiersgrenze enden. Denn neue autoarme oder stellplatzreduzierte Quartiere können Parkdruck in angrenzenden Bestandsgebieten erzeugen, wenn dort keine begleitende Steuerung erfolgt.[StMB Bayern (2022)], [Selzer (2021)], [Darmstadt/QuartierMobil (2021)] Deshalb müssen angrenzende Straßenräume, Nachbarquartiere und bestehende Parkregelungen frühzeitig mitbetrachtet werden. Bewohnerparken, Quartiersparken, Parkraumbewirtschaftung, Lieferzonen und klare Regelungen für das Besucherparken sollten möglichst vor dem Bezug der ersten Wohnungen eingeführt werden und nicht erst, nachdem Konflikte aufgetreten sind.

Bei größeren Quartieren kommt die zeitliche Dimension hinzu. Mobilitätskonzepte müssen für einzelne Bauphasen funktionieren, da sich bereits in dieser Zeit Mobilitätsroutinen ausbilden. Eine autoreduzierte Quartiersentwicklung ist dabei nicht nur eine technische Frage von Stellplatzschlüsseln, Mobilitätsstationen und Parkraumbewirtschaftung, sondern auch ein Akteurs- und Governance-Prozess.[Schröder/Klinger (2024)], [Selzer (2021)], [Melia (2014)], [Urban MoVe (2021)] Werden unbebaute Baufelder, Baustraßen oder provisorische Flächen in den ersten Jahren als informelle Parkplätze genutzt, entsteht ein faktischer Parkstandard, der später nur schwer zurückgenommen werden kann. Deshalb benötigen auch Zwischenzustände klare Regeln: Provisorische Stellplätze dürfen nur befristet genutzt werden, es müssen früh verfügbare Mobilitätsangebote bereitgestellt werden und es müssen gesicherte Fuß- und Radwege, eine Baustellenlogistik sowie verständliche Informationen und ein konsequentes Parkraummanagement ab der ersten Nutzungsphase gewährleistet sein.

Mobilitätskonzepte für Neubauquartiere sollten daher früh in die Bebauungsplanung, die städtebaulichen Verträge, die Stellplatzsatzungen und das Quartiersmanagement integriert werden. Sie umfassen eine Anbindung an den ÖPNV, direkte Fuß- und Radwege, sichere Radabstellanlagen, Quartiers- oder Hochgaragen, Carsharing, Lastenräder, Lieferzonen, Paketstationen, barrierefreie Wege, Mobilitätsstationen und eine Parkraumbewirtschaftung. Entscheidend ist dabei der Zusammenhang: Ein reduzierter Stellplatzschlüssel ist nur tragfähig, wenn die Alternativen tatsächlich vorhanden sind, dauerhaft betrieben werden, verständlich kommuniziert werden und von unterschiedlichen Gruppen genutzt werden können.[StMB Bayern (2022)], [Küchel et al. (2024)], [Sprei et al. (2020)], [Darmstadt/QuartierMobil (2021)], [Kiel (2025)]

Mobilitätsstationen können die Grundausstattung eines Quartiers räumlich bündeln. Die Artikelserie zur Verknüpfung von ÖPNV und Stadtplanung durch Mobilitätsstationen ordnet Funktionen, Standorte und Ausstattungslogiken.

Langfristige Sicherung und Finanzierung

Einerseits können durch Mobilitätskonzepte erhebliche Flächenpotenziale erschlossen werden. Durch die Reduzierung ebenerdiger Stellplätze entsteht Raum für Wohnungen, Grünflächen, Spielplätze, Aufenthaltsbereiche und Entsiegelung. Quartiers- oder Hochgaragen können Parkraum bündeln und den öffentlichen Raum entlasten. Sharing-Angebote, gute Radabstellanlagen, Lieferzonen und Mobilitätsstationen können den Bedarf an privaten Zweitwagen senken.[StMB Bayern (2022)], [Küchel et al. (2024)], [Sprei et al. (2020)] Andererseits entstehen erhebliche Risiken, wenn Mobilitätskonzepte vor allem als Begründung für eine Reduzierung der Stellplätze genutzt werden, ohne den Betrieb, die Finanzierung, die soziale Zugänglichkeit und die langfristige Steuerung zu sichern.

Besonders kritisch ist die Zeitdimension. Mobilitätskonzepte müssen nicht nur in den ersten Jahren funktionieren, sondern auch über mehrere Eigentümerwechsel, Bauphasen, Betreiberwechsel und technologische Veränderungen hinweg.[Urban MoVe (2021)], [Bremen, SBMS (2023)] Ein Quartier besteht 30 bis 50 Jahre und länger. In dieser Zeit müssen Mobilitätsangebote, Sharing-Flotten, Mobilitätsstationen, Quartiersgaragen, Ladeinfrastruktur, Informationsangebote und Parkraummanagement weiterentwickelt, finanziert und gegebenenfalls ersetzt werden. Wer den Betrieb nur für die Anfangsphase sichert, verlagert das Risiko in die Zukunft. Dann stellt sich später die Frage, wer Defizite übernimmt, Ersatzinvestitionen finanziert, Verträge neu ausschreibt, Betriebskosten weiterbelastet und die Angebote an die veränderte Nachfrage anpasst.

Hinzu kommt die Eigentumsfrage. Wenn Grundstücke, Gebäude oder Eigentumswohnungen weiterverkauft werden, müssen die Regeln des Mobilitätskonzepts auch gegenüber Dritten und Rechtsnachfolgern wirksam bleiben. Andernfalls kann ein ursprünglich gut gemeintes Konzept schrittweise ausgehöhlt werden. Stellplätze werden anders genutzt, Mobilitätsangebote werden eingestellt, Betriebskosten werden nicht mehr getragen, Quartiersgaragen verlieren ihre Steuerungsfunktion oder die Kommune hat kaum noch Zugriff auf zentrale Bausteine. Eine langfristige Sicherung verlangt daher nicht nur ein gutes Konzept, sondern auch belastbare Verträge, klare Zuständigkeiten, Evaluationspflichten, Nachsteuerungsrechte und eine Finanzierung, die nicht allein von der Anfangsvermarktung des Quartiers abhängt.[Urban MoVe (2021)], [Bremen, MobBauOG HB (2022)], [Bremen, SBMS (2023)]

Für die Finanzierung kommen verschiedene Modelle infrage. Dazu zählen Beiträge der Bauherrinnen und Bauherren, Stellplatzablösen, Einnahmen aus Parkraumbewirtschaftung, Nutzungsentgelte, Betriebskostenumlagen, kommunale Zuschüsse oder Quartiersfonds. Ein Quartiersfonds kann sinnvoll sein, wenn er die Bereiche Bau, Betrieb, Evaluation, Kommunikation, Defizitausgleich und spätere Ersatzinvestitionen bündelt.[Urban MoVe (2021)] Dies löst das Problem jedoch nur, wenn seine Einnahmen dauerhaft gesichert, seine Zweckbindung eindeutig geregelt und seine Governance transparent organisiert ist. Ohne diese Regeln besteht die Gefahr, dass der Fonds zwar die Anfangsinvestition erleichtert, aber nicht die langfristige Funktionsfähigkeit des Mobilitätskonzepts sichert.

Soziale Stellplatzvergabe

Hinzu kommt die soziale Dimension der Stellplatzvergabe. Wenn Stellplätze in autoarmen Quartieren knapp sind, sollten sie nicht allein nach Zahlungsbereitschaft, Kaufkraft oder dem Prinzip „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ vergeben werden. [Lucas (2012)], [Mattioli (2017)], [Pereira et al. (2017)] Andernfalls setzen sich ökonomisch stärkere Haushalte durch, während Haushalte mit höherem funktionalem Bedarf schlechter gestellt werden. Eine sozial orientierte Stellplatzvergabe sollte deshalb prüfen, wer auf einen Stellplatz besonders angewiesen ist, beispielsweise Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, Haushalte mit Pflegeverantwortung, Schichtarbeitende ohne ÖPNV-Verbindungen, Alleinerziehende mit komplexen Wegeketten, Haushalte mit gewerblich notwendigem Fahrzeug oder Menschen, die aus gesundheitlichen, beruflichen oder familiären Gründen nicht ohne Weiteres auf das Auto verzichten können.

Eine solche Vergabe ist zwar anspruchsvoll, aber notwendig. Sie erfordert transparente Kriterien, regelmäßige Überprüfungen, Datenschutz, Widerspruchsmöglichkeiten sowie eine klare Trennung zwischen privaten Komfortansprüchen und begründeten Mobilitätsbedarfen. Gleichzeitig darf sie nicht dazu führen, dass die Autoabhängigkeit dauerhaft privilegiert wird. Eine sozial orientierte Stellplatzvergabe muss daher mit verschiedenen Alternativen verbunden werden: barrierefreie Wege, eine verlässliche ÖPNV-Anbindung, sichere Radabstellanlagen, Sharing-Angebote, Lastenräder, Liefermöglichkeiten, Mobilitätsberatung und zielgruppenspezifische Unterstützung. Das Ziel besteht nicht darin, jedem Wunsch nach einem privaten Stellplatz zu entsprechen, sondern knappe Stellplätze so zu vergeben, dass Teilhabe gesichert und soziale Härten vermieden werden.[Lucas (2012)], [Pereira et al. (2017)]

Diese Frage ist besonders relevant bei Quartiersgaragen und zentral bewirtschafteten Stellplatzpools. Werden Stellplätze losgelöst von einzelnen Wohnungen organisiert, besteht die Möglichkeit, sie nach Bedarf, Priorität und zeitlicher Veränderung zu vergeben. Diese Flexibilität ist ein Vorteil gegenüber fest zugeordneten Tiefgaragenstellplätzen. Sie muss jedoch aktiv genutzt werden. Ohne soziale Vergaberegeln wird der Stellplatzpool zum Marktinstrument, mit klaren Kriterien kann er jedoch ein Instrument sozial ausgewogener Mobilitätssteuerung werden.[Lucas (2012)], [Mattioli (2017)], [Pereira et al. (2017)]

Kommunikation und Akzeptanz

Kommunikation und Information sind Teil der Infrastruktur. Bevor sie eine Kauf- oder Mietentscheidung treffen, müssen Bewohnerinnen und Bewohner wissen, welche Stellplatzregeln gelten, welche Kosten entstehen, wo Besucherinnen und Besucher parken können, wie Sharing, ÖPNV, das Abstellen von Rädern, Lieferzonen und Quartiersgaragen funktionieren und welche Einschränkungen dauerhaft gelten. Gerade in Gebieten mit angespanntem Wohnungsmarkt ist dies von zentraler Bedeutung, da Menschen nicht zwangsläufig wegen eines autoarmen Lebensstils in ein Quartier ziehen, sondern weil Wohnraum knapp ist.[Selzer (2021)] Ein Mobilitätskonzept muss deshalb nicht nur fachlich korrekt, sondern auch verständlich, dauerhaft verlässlich und sozial zumutbar sein.[StMB Bayern (2022)], [Küchel et al. (2024)], [Darmstadt/QuartierMobil (2021)], [Kiel (2025)]

Der Beitrag zu Straßengestaltung und aktiver Mobilität befasst sich mit der gestalterischen Ausformung des Straßenraums und den Detailfragen des ruhenden Verkehrs. Der Beitrag zu Kosten, Finanzierung und sozialer Gerechtigkeit befasst sich mit den Tarif- und Finanzierungsfragen.

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Mobilitätskonzept und Betreiberkonzept Utrecht Merwede

In Utrecht-Merwede entsteht eines der größten innerstädtischen Stadtquartiere mit nahezu autofreier innerer Erschließung. Den zukünftig 12.000 Bewohnern wird ein Mix aus verschiedenen Mobilitätsdienstleistungen und attraktiver Infrastruktur angeboten, die zusammen eine komfortable, zuverlässige und effiziente Alternative zum eigenen Auto darstellen. Zielsetzung und Konzeption unterscheiden sich nicht wesentlich von deutschen Neubauquartieren mit ambitioniertem Mobilitätskonzept, wohl aber die Organisation mit langfristiger Perspektive, Finanzierungsmechanismen und Betreiberkonzepten.

Bestandsquartiere, Straßenraum und Parkraum

Ein großer Teil der Mobilitätswende findet nicht im Neubau, sondern im Bestand statt.[Marsden (2006)], [Baumgartner et al. (2025)] Dort sind Straßenräume, Grundstücke, Stellplätze sowie Routinen und Erwartungen bereits etabliert. Veränderungen sind deshalb konfliktanfälliger, aber zugleich auch besonders wirkungsvoll. Ob die Mobilitätswende als Ausnahme in neuen Vorzeigequartieren bleibt oder den Alltag vieler Menschen erreicht, entscheiden Bestandsquartiere.

In vielen Quartieren ist der öffentliche Straßenraum übernutzt. Gehwege sind zu schmal, Kreuzungen unübersichtlich, Radwege fehlen oder sind unsicher. Bäume und die Entsiegelung konkurrieren mit Parkplätzen. Lieferverkehre halten in zweiter Reihe und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen stoßen auf Barrieren.[Jaller et al. (2021)], [Ghizzawi et al. (2024)]

Parkraum ist nicht nur ein Verkehrsthema, sondern auch eine Flächenfrage. Wer das Parken neu ordnet, verändert die Nutzung des öffentlichen Raums. In der internationalen Diskussion wird diese Aufgabe zunehmend als Curbside Management bezeichnet, also als aktive Steuerung des Straßenrands in Bezug auf Parken, Lieferverkehr, Laden, Ein- und Aussteigen, Carsharing, Fahrradparken, Barrierefreiheit, Rettungswege, Aufenthalt und Begrünung. Für den deutschen Kontext lässt sich dies als Bordstein- oder Straßenrandmanagement verstehen. Entscheidend ist dabei nicht allein, wie viele Stellplätze entfallen oder erhalten bleiben, sondern welche Nutzung an welchem Ort, zu welcher Zeit und mit welcher Priorität stattfinden soll.[ITF/OECD (2018)], [NACTO (2017)], [Jaller et al. (2021)], [Marsden (2006)]

Parkraummanagement ist deshalb für Bestandsquartiere von entscheidender Bedeutung.[Christiansen et al. (2017)], [Marsden (2006)], [Baumgartner et al. (2025)] Es müssen zusammenhängend Konzepte für Bewohnerparken, Quartiersparken, Ladezonen, Lieferzonen, Carsharing-Stellplätze, Behindertenparkplätze, Kurzzeitparken, Fahrradparken und Gehwegfreihaltung entwickelt werden. Das Ziel besteht nicht darin, Parkplätze zu entfernen, sondern den Straßenraum nach Funktionen zu ordnen. Besonders wichtig ist, dass Veränderungen sichtbar mit Verbesserungen verbunden werden, beispielsweise breitere Gehwege, sichere Querungen, Bäume, Sitzgelegenheiten, Radabstellanlagen, Spiel- und Aufenthaltsflächen sowie Lieferzonen und verlässliche Regeln.[Baumgartner et al. (2025)]

Auch die Wirtschafts- und Versorgungsverkehre müssen bei der Planung berücksichtigt werden. Handwerk, Pflege, ambulante Dienste, Lieferdienste, Stadtreinigung, Entsorgung, Rettungsdienste und kleine Gewerbebetriebe sind auf funktionierende Zugänge angewiesen. Eine reine Reduktion von Kfz-Flächen ohne ein entsprechendes Ersatz- und Organisationskonzept kann zu neuen Konflikten führen.[ITF/OECD (2018)], [NACTO (2017)], [Jaller et al. (2021)], [Ghizzawi et al. (2024)] Gute Bestandsmobilität unterscheidet deshalb zwischen notwendigem Zugang, bequemem Dauerparken und vermeidbarer Flächenbindung.

Für gewerbliche Flotten ergeben sich zusätzliche Anforderungen. Elektrifizierung, Ladeinfrastruktur, Abstellflächen, Umschlagpunkte, Mikrodepots und Servicefahrzeuge benötigen Platz. Werden diese Funktionen nicht von vornherein integriert, wandern sie unter Umständen an den Rand oder in informelle Nutzungen des Straßenraums ab. Bestandsquartiere benötigen daher neben Bewohnerparkregelungen auch eine Strategie für den Wirtschaftsverkehr, Ladezonen, Handwerkerparken, Pflegeverkehre und die quartiersnahe Logistik.[ITF/OECD (2018)], [ITF/OECD (2024)], [Ghizzawi et al. (2024)], [Jaller et al. (2021)], [Meyer et al. (2024)]

Die gestalterische Neuordnung des Straßenraums ist Thema des Beitrags zu Straßengestaltung und aktiver Mobilität. Der Beitrag zu Wirtschaftsverkehr und urbaner Logistik befasst sich mit der Organisation des Wirtschaftsverkehrs und der quartiersnahen Logistik. Die Ladeinfrastruktur und Flottenelektrifizierung sind Thema des Beitrags zur Antriebswende.

Einfamilienhausgebiete im Umbruch

Einfamilienhausgebiete gelten gemeinhin als stabile Räume. Tatsächlich stehen viele von ihnen jedoch vor tiefgreifenden Veränderungen. Die Bevölkerung altert, Haushalte werden kleiner, Gebäude sind energetisch sanierungsbedürftig, die Wohnfläche pro Kopf steigt, die Nahversorgung ist häufig ausgedünnt und viele Wege bleiben autoabhängig. Gleichzeitig liegen diese Gebiete oft in bestehenden Siedlungsstrukturen, verfügen über Straßen, Leitungen, Schulen oder Haltestellen und können perspektivisch Wohnraumpotenziale aufnehmen.[ARL (2017)], [Zakrzewski et al. (2014)], [Zeitler et al. (2012)]

Ein zentraler Treiber dieser Veränderungen ist die zunehmende Unterbelegung. Wenn die Kinder ausgezogen sind, bewohnen häufig nur noch eine oder zwei ältere Personen ein Haus, das ursprünglich für eine Familie gebaut wurde. Dadurch steigt die Wohnfläche pro Kopf erheblich, während die Zahl der Bewohner:innen sinkt.[Destatis (2025)] In der Summe bindet der Einfamilienhausbestand auf diese Weise Wohnraum, der dem Markt rechnerisch zur Verfügung stünde, praktisch aber nur durch Umbau, Teilung oder Generationenwechsel erschlossen werden kann. Diese Diskrepanz zwischen vorhandener Bausubstanz und tatsächlichem Bedarf ist ein wesentlicher Grund, Einfamilienhausgebiete nicht als abgeschlossene, sondern als sich wandelnde Räume zu verstehen.[ARL (2017)], [Zakrzewski et al. (2014)]

Die Herausforderung besteht darin, Einfamilienhausgebiete weder unverändert zu erhalten noch pauschal zu verdichten. Benötigt wird ein behutsamer Wandel, der Umbau großer Bestandsgebäude, Einliegerwohnungen, die Teilung von Grundstücken, gemeinschaftliche Wohnformen, den altersgerechten Umbau, die Nachverdichtung an geeigneten Stellen, bessere Fuß- und Radverbindungen, neue Quartierstreffs, mobile Dienstleistungen und flexible Mobilitätsangebote umfasst. Besonders wichtig ist dabei die Verbindung von Wohnen, Pflege, Nahversorgung und Mobilität.[ARL (2017)], [Geurs/van Wee (2004)], [Lucas (2012)], [Nowossadeck et al. (2023)]

In diesen Gebieten ist Mobilität oft der Engpass sozialer Teilhabe. Wer nicht mehr Auto fahren kann, verliert leichter den Zugang zu Einkaufsmöglichkeiten, Ärzt:innen, Kulturangeboten, Freundschaften und alltäglichen Wegen. Studien zum Ende der Fahrfähigkeit älterer Menschen zeigen Zusammenhänge mit geringerer sozialer Teilhabe, sozialer Isolation und negativen Gesundheitsfolgen.[Chihuri et al. (2016)], [Qin et al. (2020)], [Lucas (2012)], [Mattioli (2017)], [Pereira et al. (2017)] Deshalb sollten Einfamilienhausgebiete stärker in kommunale Mobilitätsstrategien einbezogen werden. In Betracht kommen insbesondere sichere Gehwege, Querungen, Sitzgelegenheiten, barrierefreie Haltestellen, Quartiersbusse, Bürgerbusse, geteilte Fahrzeuge, E-Bike-taugliche Wege und gute Verbindungen zu Zentren.[ARL (2017)], [Páez et al. (2012)], [Lucas (2012)], [Zeitler et al. (2012)]

Für ältere Menschen entscheidet die Mobilität darüber, ob sie in ihrem vertrauten Wohnumfeld bleiben können. Solange das eigene Auto verfügbar ist, fällt die periphere Lage vieler Einfamilienhausgebiete kaum ins Gewicht. Wenn die Fahrfähigkeit jedoch aus gesundheitlichen Gründen endet, fehlen häufig tragfähige Alternativen für Wege zu Ärzt:innen, zur Versorgung, zu Pflegeangeboten und zu sozialen Kontakten.[Chihuri et al. (2016)], [Qin et al. (2020)], [Zeitler et al. (2012)] Verlässliche, barrierefreie und begleitete Mobilitätsangebote, kombiniert mit wohnortnaher Versorgung, mobilen Diensten und altersgerechtem Umbau, können diesen Übergang abfedern. Einfamilienhausgebiete zukunftsfähig zu machen, bedeutet deshalb, Wohnen, Pflege, Versorgung und Mobilität gemeinsam zu planen, statt sie als getrennte Bereiche zu betrachten.[ARL (2017)], [Milstein (2018)], [Mettenberger/Küpper (2021)], [Nowossadeck et al. (2023)]

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Kostengünstiges Bauen: Infrastrukturkosten je Bautypologie und Lage

Die Schaffung von kostengünstigem Wohnraum wird durch eine Reduktion der Infrastruktur- und Erschließungskosten erleichtert. Diese sind maßgeblich von der Lage und der geplanten Dichte abhängig. Durch eine kluge und vorausschauende Planung können die Baukosten gesenkt werden, wodurch Wohnen für breite Kreise der Bevölkerung erschwinglich bleibt.

Innenentwicklung, Umbaukultur und Klimaresilienz

Aus Flächen-, Klima- und Infrastrukturgründen ist die Innenentwicklung von zentraler Bedeutung. Jede Siedlungsflächenausweitung erzeugt zusätzliche Erschließungskosten, längere Wege und neue Infrastrukturfolgekosten. Innenentwicklung kann dagegen vorhandene Netze nutzen, Zentren stärken, den ÖPNV tragfähiger machen und kurze Wege ermöglichen.[Schiller/Siedentop (2005)], [Geurs/van Wee (2004)], [Ewing/Cervero (2010)] Sie ist jedoch nur dann zukunftsfähig, wenn sie qualifiziert betrieben wird.[Bundesstiftung Baukultur (2022)], [Umweltbundesamt (2026)]

Diese Flächen- und Klimagründe verdienen eine genauere Betrachtung, da sie der Innenentwicklung eine eigenständige Begründung jenseits ihrer Verkehrswirkung geben. Die tägliche Neuinanspruchnahme von Flächen für Siedlung und Verkehr ist in Deutschland zwar in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen, übersteigt das politisch gesetzte Zwischenziel jedoch weiterhin. Dieses Ziel reicht von der ursprünglichen Vorgabe, den täglichen Flächenverbrauch zu begrenzen, über die fortgeschriebene Zielmarke für 2030 bis zu dem Anspruch, die Neuinanspruchnahme bis 2050 auf Netto-Null zu reduzieren – also nur so viel Fläche neu zu beanspruchen, wie an anderer Stelle entsiegelt wird.[Destatis (o. J.)], [UBA (o. J.)], [Bundesregierung (2021)]

Dabei ist Flächenneuinanspruchnahme nicht dasselbe wie Versiegelung: Nicht jede neu beanspruchte Fläche wird vollständig versiegelt und Versiegelung ist eine Folge, aber kein Synonym der Flächenneuinanspruchnahme. Doch jede Umwandlung entzieht der Landwirtschaft oder der Natur Boden. Versiegelte Flächen können Niederschlag nicht mehr aufnehmen, heizen sich stärker auf und verschärfen die Belastung durch Hitze und Starkregen.[UBA (o. J.)], [an der Heiden et al. (2020)]

Hinzu kommt die Klimabilanz des Bauens selbst. Die Errichtung von Gebäuden und Infrastruktur verursacht Emissionen entlang der Prozessschritte Herstellung, Transport, Bau, Instandhaltung und Rückbau, die häufig als graue Energie oder graue Emissionen bezeichnet werden. Eine dispers organisierte Siedlungsstruktur erhöht diese Last doppelt, weil sie mehr Infrastruktur je Kopf erfordert und zugleich lange Wege schafft.[Schiller/Siedentop (2005)]

Daraus folgt, dass der Erhalt und die Umnutzung vorhandener Bausubstanz dem Abriss und Neubau in der Klimabilanz häufig überlegen sein können, sofern Zustand, Energiebedarf, Schadstoffe, Statik und Nachnutzung dies zulassen. Die flächensparendste und emissionsärmste Entwicklung ist häufig diejenige, die mit dem Bestand auskommt. Die Verringerung des baulich und verkehrlich erzwungenen Aufwands ist dabei nur ein Teil des Klimaschutzes. Sie ersetzt nicht die Umstellung der Fahrzeugflotte, die im Beitrag „Antriebswende” behandelt wird, sondern ergänzt sie.[Bundesstiftung Baukultur (2022)], [Umweltbundesamt (2026)]

Ein weiterer Aspekt ist die Klimaanpassung, bei der sich eine Kehrseite der dichten Stadt zeigt. Häufigere Hitzeperioden und Starkregenereignisse treffen dicht bebaute, grünarme Quartiere besonders hart, da versiegelte Flächen die Wärme verstärken und das Wasser nicht aufnehmen können.

Hitzeperioden gehen mit einer messbaren Übersterblichkeit einher, von der vor allem ältere Menschen, chronisch Kranke und Kleinkinder betroffen sind. Die berichteten Größenordnungen schwanken je nach Jahr und Erhebungsmethode beträchtlich und sind nur zurückhaltend einzuordnen.[an der Heiden et al. (2020)] Die planerische Antwort liegt in der Sicherung und Schaffung von Freiräumen sowie in der Entsiegelung. Unter dem Begriff der Schwammstadt wird das Leitbild zusammengefasst, Niederschlag möglichst vor Ort zu speichern, versickern zu lassen und verzögert abzugeben, statt ihn schnell abzuleiten. Daraus folgt, dass bauliche Dichte und grüne Infrastruktur gemeinsam geplant werden müssen – eine Anforderung, die den Begriff der qualifizierten Innenentwicklung bestimmt.[UBA (o. J.)], [Bundesstiftung Baukultur (2022)], [Umweltbundesamt (2026)]

Qualifizierte Innenentwicklung bedeutet mehr als nur bauliche Verdichtung. Sie verbindet die Schaffung von zusätzlichem Wohnraum mit Freiraum, Klimaanpassung, sozialer Infrastruktur, produktiven Nutzungen, Mobilität und Umbaukultur. Angesichts zunehmender Hitze, Starkregen und Flächenknappheit wird die doppelte Innenentwicklung – also bauliche Verdichtung bei gleichzeitiger Verbesserung von Grün- und Freiraumqualitäten – immer wichtiger. Dichte ohne Schatten, Entsiegelung, Luftzirkulation und Aufenthaltsqualität können die Belastungen verschärfen.[an der Heiden et al. (2020)], [UBA (o. J.)]

Innenentwicklung ist deshalb immer auch Mobilitätsplanung im Bestand. Mehr Haushalte, zusätzliche Nutzungen und eine höhere Dichte dürfen nicht automatisch bedeuten, dass entsprechend mehr private Pkw im öffentlichen Straßenraum untergebracht werden müssen. Gerade in gewachsenen Quartieren ist der Straßenraum bereits heute übernutzt. Gehwege, Radverkehr, Bäume, Aufenthaltsflächen, Lieferzonen, Barrierefreiheit, Rettungswege und Parken konkurrieren um knappe Flächen. Wird bei der Nachverdichtung die Mobilität nicht berücksichtigt, kann sich dieser Nutzungskonflikt verstärken.[Marsden (2006)], [Baumgartner et al. (2025)]

Deshalb benötigen Innenentwicklungsprojekte quartiersbezogene Mobilitätskonzepte. Diese Konzepte sollten nicht nur einzelne Bauvorhaben, sondern das gesamte Umfeld betrachten: die vorhandene Parkraumnachfrage, die ÖPNV-Anbindung, die Rad- und Fußwegenetze, sichere Abstellanlagen, Carsharing-Angebote, Angebote für Lastenräder, Lieferzonen, Pflege- und Handwerksverkehre, Quartiersgaragen, die Parkraumbewirtschaftung und angrenzende Bestandsstraßen. Entscheidend ist, dass die zusätzlichen Haushalte nicht einfach zu zusätzlichem Parkdruck führen, sondern mit neuen Mobilitätsoptionen und einer klaren Parkraumordnung verbunden werden.

Dies ist insbesondere bei Aufstockungen, Baulückenschließungen, der Umnutzung ehemaliger Gewerbe- oder Parkplatzflächen sowie größeren Nachverdichtungen in bestehenden Wohnquartieren von Bedeutung. Werden solche Projekte nur grundstücksbezogen bewertet, bleiben die sich aufsummierenden Wirkungen unsichtbar. Ein einzelnes Vorhaben mag nur wenig zusätzlichen Kfz-Verkehr erzeugen, doch viele kleine Vorhaben verändern die Mobilität eines Quartiers erheblich. Quartiersbezogene Mobilitätskonzepte können diese Wirkungen bündeln und steuern, anstatt sie als Summe einzelner Einzelfallentscheidungen in den Straßenraum zu verlagern.

Bei der Innenentwicklung müssen außerdem produktive Nutzungen berücksichtigt werden. Werden Brachflächen, Gewerbehöfe oder mindergenutzte Grundstücke ausschließlich zu Wohnstandorten entwickelt, können dringend benötigte Flächen für Handwerk, Reparatur, kleine Produktion, Kulturproduktion, urbane Logistik oder lokale Dienstleistungen verloren gehen. Eine qualifizierte Innenentwicklung fragt daher nicht nur, wie viele Wohnungen entstehen können, sondern auch, welche Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Versorgung, Freiraum und gewerblichen Funktionen langfristig tragfähig ist.

Dabei muss die Planung auch die soziale Dimension berücksichtigen. In angespannten Wohnungsmärkten kann Innenentwicklung dringend benötigten Wohnraum schaffen. Gleichzeitig kann sie Konflikte verschärfen, wenn Bestandsbewohner:innen vor allem zusätzlichen Parkdruck wahrnehmen. Eine frühzeitige Mobilitätsstrategie kann diesen Konflikt sichtbarer, verhandelbarer und steuerbarer machen, beispielsweise durch transparente Stellplatzregeln, Mobilitätsangebote ab Bezug, eine sozial orientierte Stellplatzvergabe, Bewohnerparken, Quartiersparken, Liefer- und Ladezonen sowie eine klare Kommunikation darüber, welche Mobilitätsoptionen mit der Nachverdichtung entstehen.

Stadt-Umland-Räume als Zukunftsraum

Stadt-Umland-Räume sind von zentraler Bedeutung für die Mobilitätswende. In ihnen treffen Wachstum, Pendeln, Gewerbeflächenentwicklung, Wohnungsdruck, Freiraumschutz, regionale Verkehrsachsen und kommunale Konkurrenz aufeinander. Die funktionalen Verflechtungen reichen dabei regelmäßig über Gemeindegrenzen hinaus. In der Raumbeobachtung werden Stadt-Land-Regionen unter anderem anhand von Pendlerverflechtungen und Erreichbarkeiten beschrieben. Im Jahr 2023 waren in Deutschland mehr als 20 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in einer anderen Gemeinde tätig als sie wohnten.[BBSR (o. J.)], [BBSR (2024b)] Damit überschreiten viele Alltagswege administrative Grenzen, während Planung, Finanzierung und politische Verantwortung häufig auf kommunaler Ebene getrennt bleiben.

Die Folge ist ein strukturelles Koordinationsproblem. Eine Gemeinde weist Wohnbauflächen aus, eine andere Gewerbegebiete. Der ÖPNV-Aufgabenträger plant Linien, der Landkreis organisiert den Schulverkehr und die Kernstadt bewirtschaftet den Parkraum. Pendler nutzen das jeweils bequemste Angebot. Ohne regionale Abstimmung können längere Wege, eine höhere Pkw-Abhängigkeit und ein Wettbewerb um Flächen, Einwohnerinnen und Einwohner sowie Gewerbesteuer entstehen.[Levin-Keitel/Reeker (2021)]

Eine erreichbarkeitsorientierte Stadt-Umland-Planung muss deshalb Achsen, Knoten und Freiräume gemeinsam betrachten. Wachstum sollte dort konzentriert werden, wo leistungsfähige ÖPNV-Achsen, gute Radverbindungen sowie Nahversorgung und soziale Infrastruktur vorhanden sind oder realistisch hergestellt werden können. Zwischenräume, Kaltluftbahnen, landwirtschaftliche Flächen und Freiräume dürfen nicht schrittweise durch autoabhängige Siedlungsmuster aufgezehrt werden.[BBSR (o. J.)], [UBA (o. J.)], [Bundesregierung (2021)]

Park-and-Ride kann an äußeren Knotenpunkten sinnvoll sein, wenn Fuß-, Rad- und Zubringerangebote nicht ausreichen und der motorisierte Individualverkehr (MIV) möglichst frühzeitig abgefangen wird. Der größte verkehrliche und ökologische Nutzen entsteht jedoch nicht, wenn Pendler mit dem Auto weit in Richtung Kernstadt fahren und erst kurz vor dem Ziel auf den ÖPNV umsteigen. P+R ist vor allem dann wirksam, wenn der Pkw-Anteil der Gesamtreise kurz bleibt und der längere Teil der Strecke mit der Bahn oder einem anderen leistungsfähigen öffentlichen Verkehrsmittel zurückgelegt wird. P+R sollte deshalb vorrangig wohnortnah, an äußeren Knotenpunkten, an Endpunkten oder an stark frequentierten Halten leistungsfähiger Achsen organisiert werden. An inneren Stationen kann P+R dagegen wertvolle Entwicklungsflächen blockieren, zusätzliche Autofahrten in bereits belastete Räume ziehen und mit Fuß-, Rad- und Zubringerverkehren konkurrieren.[Zijlstra et al. (2015)], [Truong/Marshall (2015)]

Auch Gewerbe gehört in diese regionale Perspektive. Bei der Bewertung von arbeitsplatzintensiven Nutzungen sollte nicht nur der Bodenpreis und die Nähe zur Autobahn berücksichtigt werden, sondern auch die Erreichbarkeit für Beschäftigte, Kundinnen und Kunden, Lieferverkehre und Dienstleistungsbeziehungen. Gewerbegebiete ohne ÖPNV, ohne Radverbindungen und ohne Nahversorgung erhöhen das Risiko einer dauerhaften Pkw-Abhängigkeit im Arbeitsverkehr und können die Erreichbarkeit für Beschäftigte ohne Auto verschlechtern.[Dieperink/Driessen (2000)], [Wagner et al. (2026)], [Geurs/van Wee (2004)] Eine produktive Stadt-Umland-Planung muss deshalb auch die Entwicklung von Arbeitsorten an Achsen, Knotenpunkten und gemischt genutzten Standorten umfassen. Die betriebliche Ausgestaltung der regionalen Verkehrsangebote in Bezug auf Linienführung, Takt und Tarif wird im Beitrag zu Bus, Bahn und Sharing behandelt.

Achsen, Knoten und Standortentscheidungen

Achsen und Knoten bilden das räumliche Grundgerüst einer an der Erreichbarkeit orientierten Stadtregion. Achsen bündeln das Verkehrsangebot und die Siedlungsentwicklung. Knotenpunkte verbinden verschiedene Verkehrsmittel, Nutzungen und Alltagsziele miteinander. Standortentscheidungen beeinflussen, ob diese Struktur gestärkt oder unterlaufen wird. Das Node-Place-Modell betrachtet Verkehrsknoten nicht nur als Umsteigepunkte, sondern als Orte, deren Entwicklungspotenzial sich aus dem Zusammenspiel von Erreichbarkeit, Nutzungsdichte und Nutzungsmischung ergibt.[Bertolini (1999)], [Geurs/van Wee (2004)], [Bertolini et al. (2005)]

Internationale und deutsche Beispiele zeigen, dass solche Ansätze nur bei langfristiger Verbindlichkeit wirken. Der Kopenhagener Fingerplan lenkte Wachstum seit 1947 entlang von Bahnkorridoren und hielt Zwischenräume frei. Die Analyse von Knowles zeigt, wie stark dieses Modell die regionale Entwicklung Kopenhagens geprägt hat.[Knowles (2012)]

Eine deutsche Parallele findet sich in Hamburg: Fritz Schumachers Federplan von 1919 konzentrierte die Siedlungsentwicklung auf strahlenförmige Achsen und hielt die Zwischenräume als Grün- und Freiräume frei. Diese Logik prägt Hamburgs räumliche Struktur bis heute und wird im Masterplan Magistralen 2040+ unter veränderten Bedingungen fortgeschrieben. Dabei geht es nicht mehr nur um neue Siedlungsachsen, sondern um den Umbau bestehender Hauptverkehrsstraßen zu integrierten Stadträumen für Wohnen, Arbeiten, Mobilität, öffentlichen Raum, Klima und blau-grüne Infrastruktur.[Hamburg, BSW (2024)], [Hamburg, BUKEA (o. J.)]

Das niederländische ABC-Standortkonzept der 1990er Jahre ordnete Nutzungen nach ihrem Mobilitätsprofil Standorten unterschiedlicher Erreichbarkeit zu, wurde aber durch kommunalen Wettbewerb und Unternehmensinteressen abgeschwächt.[Dieperink/Driessen (2000)] Die Lehre ist klar: Eine erreichbarkeitsorientierte Standortsteuerung ist zwar fachlich überzeugend, bleibt aber ohne regionale Verbindlichkeit fragil. Hamburg zeigt zugleich, dass solche Leitbilder nicht nur auf Neubauflächen oder regionale Wachstumsachsen zielen müssen. Sie können auch den Umbau vorhandener, autoorientierter Stadträume strukturieren, sofern Verkehr, Bebauung, Freiraum, Gewerbe und Klimaanpassung gemeinsam betrachtet werden.

Für die Praxis bedeutet das: Nicht jede Nutzung gehört an jeden Standort. Arbeitsplatzintensive Büros, Hochschulen, Verwaltungen, Gesundheitsstandorte, Schulen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen benötigen ein anderes Erreichbarkeitsprofil als flächenintensive Lagerlogistik. Pflegeeinrichtungen, Kitas und Nahversorger müssen wohnortnah sein. Gewerbe mit vielen Beschäftigten sollte anders bewertet werden als Nutzungen mit geringem Personenverkehr. Standortpolitik muss deshalb Mobilitätsprofile systematisch berücksichtigen.[Dieperink/Driessen (2000)], [Bertolini (1999)], [Geurs/van Wee (2004)]

Gewerbe und produktive Nutzungen in der Stadt halten

Eine Stadt der kurzen Wege braucht nicht nur Wohnungen, Kitas und Cafés. Sie braucht auch Werkstätten, Handwerksbetriebe, Reparaturbetriebe, urbane Produktionsstätten, Labore, Kulturproduktionsstätten, lokale Dienstleister, Logistikflächen, Flottenstandorte und gewerblich genutzte Erdgeschosse. Diese Nutzungen sind oft weniger sichtbar als Wohnen oder Einzelhandel, aber für den Alltag der Stadt unverzichtbar. Sie schaffen Arbeitsplätze, sichern die Versorgung, ermöglichen kurze Servicewege und tragen zur wirtschaftlichen Resilienz bei.[Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)], [Suwala et al. (2025)]

So wichtig diese Nutzungen sind, so konfliktbeladen ist ihre Mischung mit dem Wohnen. Nicht jede gewerbliche Nutzung ist stadtverträglich: Lärm, Erschütterungen, Gerüche, Schwerlast- und Lieferverkehr sowie die Anforderungen des Immissionsschutzes setzen der Nähe von Produktion und Wohnen reale Grenzen. Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, jede Nutzung überall zuzulassen, sondern zu unterscheiden, welche Betriebe sich verträglich integrieren lassen und welche auf eigene, gut erschlossene Standorte angewiesen sind. Die Bewältigung der dabei entstehenden Liefer- und Wirtschaftsverkehre ist Thema des Beitrags zu Wirtschaftsverkehr und urbaner Logistik.[Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)], [Suwala et al. (2025)]

Gerade in wachsenden Städten geraten produktive Nutzungen unter Druck. Grundstückspreise, Nutzungskonkurrenz, Lärmschutzkonflikte, kleinteilige Eigentumsstrukturen und höhere Renditen anderer Nutzungen führen dazu, dass Gewerbe an den Rand gedrängt wird.[Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)], [Suwala et al. (2025)] Das kann kurzfristig Flächen für Wohnen schaffen, erzeugt aber langfristig neue Probleme: Beschäftigte müssen weiter pendeln, Handwerksbetriebe fahren längere Strecken, Lieferverkehre nehmen zu und lokale Dienstleistungen verlieren die Nähe zu ihren Kundinnen und Kunden.[Geurs/van Wee (2004)], [Dieperink/Driessen (2000)], [Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)], [Suwala et al. (2025)]

Eine erreichbarkeitsorientierte Stadtentwicklung muss deshalb produktive Nutzungen aktiv sichern. Dazu gehören Gewerbehofkonzepte, urbane Mischgebiete, produktive Sockelzonen, die vertikale Stapelung, mehrgeschossige Gewerbebauten, lärmrobuste Bauweisen, die Flächenbevorratung, Konzeptvergaben und die kommunale Bodenpolitik. Entscheidend ist nicht, jede Nutzung überall zuzulassen, sondern passende Räume für emissionsarme, stadtverträgliche und arbeitsplatzintensive Produktion und Dienstleistungen zu schaffen.[Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)], [Suwala et al. (2025)]

Besonders wichtig sind Flotten- und Logistikflächen. Elektrifizierte Handwerks-, Pflege-, Liefer- und Serviceflotten benötigen Abstell- und Ladeflächen. Mikrodepots, Konsolidierungspunkte, Ladehöfe, Lieferzonen und gewerbliche Quartiersgaragen können dazu beitragen, Wirtschaftsverkehre stadtverträglicher zu organisieren. Werden diese Funktionen nicht von Anfang an mitgeplant, entstehen oft informelle Lösungen im Straßenraum oder Verlagerungen an schlecht erreichbare Randstandorte.[ITF/OECD (2018)], [NACTO (2017)], [Geurs/van Wee (2004)]

Ländliche Räume unter Bedingungen geringer Dichte

In der Mobilitätswende werden ländliche Räume oft entweder idealisiert oder problematisiert. Beides ist irreführend. Ländliche Räume sind vielfältig: Es gibt suburbane Pendelräume, touristische Regionen, periphere Dörfer, Mittelzentren, Kleinstädte, landwirtschaftlich geprägte Räume, Industriestandorte und wachsende Gemeinden mit Wohnungsdruck. Die Thünen-Typologie zeigt, dass Ländlichkeit nicht als einfacher Gegensatz zur Stadt verstanden werden sollte, sondern als Kontinuum mit unterschiedlichen Graden von Ländlichkeit und unterschiedlichen sozioökonomischen Lagen.[Küpper (2016)], [Thünen-Institut (o. J. b)] Eine einheitliche Strategie für „den“ ländlichen Raum gibt es deshalb nicht.

Die zentrale Herausforderung ist die geringe Bevölkerungsdichte. Wo nur wenige Menschen auf einer großen Fläche leben, lassen sich dichte Takte, kurze Wege und flächendeckende Angebote nur schwer organisieren. Gleichzeitig ist Mobilität dort besonders eng mit Teilhabe verbunden. Wer keinen Zugang zum Auto hat, kann schnell von Ausbildung, Arbeit, Gesundheit, Kultur, sozialem Leben und Versorgung ausgeschlossen werden.[Lucas (2012)], [Mattioli (2017)]

Diese Teilhabefrage steht in Deutschland unter einem normativen Leitauftrag: dem Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Teilräumen. Dieses Ziel ist verfassungsrechtlich verankert und in der Raumordnung konkretisiert. Es begründet einen politischen und raumordnungsrechtlichen Auftrag, jedoch keinen individuell einklagbaren Anspruch auf bestimmte Angebote vor Ort. „Gleichwertig” bedeutet dabei nicht „identisch”: Es geht nicht darum, dass überall dieselben Verhältnisse herrschen, sondern dass die Lebensbedingungen – darunter der Zugang zu Versorgung, Bildung, Gesundheit und Mobilität – nicht so weit auseinanderfallen, dass von gleichwertiger Teilhabe nicht mehr die Rede sein kann. Für die ländliche Mobilität verschiebt sich der Auftrag somit von der Forderung nach einer gleichmäßigen Ausstattung hin zur Sicherung erreichbarer Grundfunktionen.[GG, Art. 72 Abs. 2], [ROG, § 1 Abs. 2], [BMI (2019)]

Deshalb braucht die ländliche Mobilität abgestufte Angebote. In Stadt-Umland-Räumen übernehmen S-Bahn und Regionalbahn die radiale Hauptbeziehung, ergänzt durch Zubringer, Radverbindungen und ausgewählte Verknüpfungen mit dem Auto. Wo keine Schienenverbindung besteht oder Querverbindungen zwischen den Achsen erschlossen werden müssen, können hochwertige regionale Busangebote wie PlusBusse, landesbedeutsame Buslinien, Schnellbusse oder Regiobus-Korridore eine Bündelungsfunktion übernehmen. Sie verbinden Grund- und Mittelzentren, sichern Anschlüsse an Bahn- und Busknoten und bieten eine verlässlichere Verbindung als klassische, stark schulverkehrsorientierte Linien. In dünn besiedelten Räumen, abseits tragfähiger Korridore und zu schwachen Zeiten können Rufbusse, Anrufsammeltaxen, Bürgerbusse, On-Demand-Ridepooling-Angebote und andere flexible Angebote das Angebot ergänzen. Diese demand-responsive Angebote sind dabei als Ergänzung und Zubringer einzuordnen und ersetzen keinen leistungsfähigen Linienverkehr auf starken Achsen.[Martí et al. (2023)], [Thomsen/Liedtke (2026)], [Agora Verkehrswende (2023)]

Auch in ländlichen Räumen ist das Gewerbe Teil der Erreichbarkeitsfrage. Handwerksbetriebe, Pflege- und Gesundheitsdienste, Landwirtschaft, Tourismus, Produktion und lokale Dienstleistungen benötigen verlässliche Verkehrsinfrastruktur, Ladeinfrastruktur und gut erreichbare Standorte. Werden Arbeitsplätze, Nahversorgung und öffentliche Einrichtungen zu stark aus den Ortskernen herausgelöst, wächst auch im ländlichen Raum das Risiko einer zusätzlichen Autoabhängigkeit.[Geurs/van Wee (2004)], [Mattioli (2017)], [Kokorsch/Küpper (2019)]

Die Mobilitätswende im ländlichen Raum kann deshalb nicht darin bestehen, das Auto kurzfristig zu ersetzen. Sie muss Abhängigkeiten reduzieren, Alternativen dort schaffen, wo sie tragfähig sind, und die Autonutzung dort effizienter, klimafreundlicher und sozialverträglicher organisieren, wo sie weiterhin notwendig bleibt. Elektrifizierung, Carsharing, Dorfautos, Mitfahrangebote und Ladeinfrastruktur können dabei wichtige Rollen spielen. Sie ersetzen jedoch keine Standortpolitik.[Mattioli (2017)], [Küpper (2016)], [Thünen-Institut (o. J. b)] Die Antriebs- und Ladeinfrastruktur werden im Beitrag zur Antriebswende behandelt, die betriebliche Ausgestaltung der Bus- und Bahnangebote im Beitrag zu Bus, Bahn und Sharing.

Ortskerne, Mittelzentren und Daseinsvorsorge

Ortskerne und Mittelzentren sind zentrale Anker für die Erreichbarkeit ländlicher Räume. Sie bündeln die Bereiche Versorgung, Verwaltung, Bildung, Gesundheit, Kultur, Pflege, Freizeit und soziale Kontakte. Das Raumordnungsgesetz sieht die Sicherung der Daseinsvorsorge, die Erreichbarkeit der Grundversorgung und die Bündelung der sozialen Infrastruktur in zentralen Orten ausdrücklich als Grundsätze der Raumordnung vor.[ROG, § 2 Abs. 2], [Milstein (2018)] Werden diese Orte geschwächt, verlängern sich die Wege für viele Menschen. Werden sie hingegen gestärkt, können sie Mobilität bündeln und Alltagswege verkürzen.[Geurs/van Wee (2004)], [Milstein (2018)]

Eine erreichbarkeitsorientierte Daseinsvorsorge fragt deshalb nicht nur, ob Angebote irgendwo im Raum vorhanden sind, sondern auch, ob sie für unterschiedliche Gruppen erreichbar sind. Eine Arztpraxis im Gewerbegebiet am Ortsrand kann für Autofahrende gut erreichbar sein, für ältere Menschen ohne Auto jedoch schlechter als eine kleinere Praxis im Zentrum. Ein Supermarkt mit großem Parkplatz ist zwar kurzfristig bequem, schwächt aber den Ortskern. Der Strukturwandel der Nahversorgung in ländlichen Räumen ist seit Jahren durch Konzentration, größere Standorte und veränderte Betreiberlogiken geprägt.[Kokorsch/Küpper (2019)] Eine Schule an einem schlecht angebundenen Randstandort kann Bring- und Holverkehre begünstigen.[Geurs/van Wee (2004)], [Páez et al. (2012)]

Ortskerne und Mittelzentren sollten zudem nicht nur Versorgungs-, sondern auch Arbeitsorte bleiben. Kleinteiliges Gewerbe, Handwerk, Co-Working, Verwaltung, Kultur, Pflege, Gesundheitsdienste und lokale Dienstleistungen können dazu beitragen, Alltagswege zu bündeln. Dafür sind geeignete Gebäude, flexible Erdgeschosse, bezahlbare Räume und eine Planung erforderlich, die produktive Nutzungen nicht automatisch an den Rand verlagert.[Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)], [Suwala et al. (2025)]

Mobile Dienste können die Daseinsvorsorge ergänzen, aber nicht vollständig ersetzen. Telemedizin, mobile Verwaltung, Lieferdienste, rollende Supermärkte, Bücherbusse, mobile Kulturangebote oder digitale Beratung können Wege vermeiden und die Versorgung verbessern. Untersuchungen zu innovativen Versorgungslösungen in ländlichen Regionen zeigen, dass mobile und neue Angebotsformen vor allem dort helfen können, wo klassische stationäre Angebote schwer aufrechtzuerhalten sind.[Mettenberger/Küpper (2021)], [Thünen-Institut (o. J. a)] Sie dürfen jedoch nicht als Begründung dienen, physische Angebote aus der Fläche zurückzuziehen, wodurch Teilhabe verloren gehen würde. Entscheidend ist die Kombination aus starken Zentren, mobilen Ergänzungen, digitalen Zugängen und verlässlichen Mobilitätsangeboten.[Milstein (2018)], [Mettenberger/Küpper (2021)], [Agora Verkehrswende (2023)]

Abgestufte Mobilitätsgarantie

Eine realistische Mobilitätsgarantie bedeutet nicht, dass überall derselbe Takt und dieselbe Angebotsdichte versprochen werden müssen. Vielmehr bedeutet sie, dass Grundfunktionen verlässlich erreichbar bleiben. Dafür braucht es räumlich abgestufte Standards. Damit wird der im vorherigen Abschnitt benannte Leitauftrag gleichwertiger Lebensverhältnisse in überprüfbare Mindeststandards für die Erreichbarkeit übersetzt.[Agora Verkehrswende (2023)]

In Ober- und Mittelzentren können dichte ÖPNV-Angebote, Radverkehrsnetze, Fußverkehr, Sharing und Parkraummanagement zusammenwirken. In Achsenräumen können Bahn, PlusBus, Regiobus, Radverbindungen und Zubringer Angebote bündeln. In Grundzentren kann ein verlässlicher Linienbus das Grundgerüst bilden. In dünn besiedelten Räumen können flexible Angebote wie Bürgerbusse, Mitfahrplattformen, Dorfautos und mobile Dienste Lücken schließen.[ROG, § 2 Abs. 2], [Agora Verkehrswende (2023)], [BMV (2025)], [VDV (2024)], [VBB (2022)], [Martí et al. (2023)], [Thomsen/Liedtke (2026)]

Wichtig ist Verlässlichkeit. Ein Angebot, das nur mit großem Vorlauf, unklaren Regeln oder unsicheren Anschlüssen funktioniert, stellt keine eigenständige Mobilitätsoption dar. Rufbusse und On-Demand-Angebote müssen verständlich, bezahlbar, barrierefrei und anschlusssicher sein. Sie benötigen analoge Buchungsmöglichkeiten, transparente Bedienzeiten sowie eine Einbindung in Tarif- und Informationssysteme.[Durand et al. (2021)], [Boyko et al. (2026)], [Agora Verkehrswende (2023)], [BMV (2025)], [VDV (2024)]

Eine abgestufte Mobilitätsgarantie sollte darüber hinaus nicht nur Linien, sondern auch Ziele definieren. Entscheidend ist, ob Menschen Ausbildung, Arbeit, ärztliche Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten, Verwaltungsstellen, soziale Kontakte und Kulturangebote erreichen können. Daraus lassen sich Mindeststandards für die Erreichbarkeit ableiten: das nächste Zentrum, die Schule, der Bahnhof, die medizinische Grundversorgung, wichtige Arbeitsplatzstandorte oder soziale Einrichtungen.[Geurs/van Wee (2004)], [Páez et al. (2012)], [Agora Verkehrswende (2023)], [BMV (2025)], [VDV (2024)] Die tarifliche und betriebliche Ausgestaltung dieser Angebote wird in dem Beitrag zu Bus, Bahn und Sharing behandelt.

Digitalisierung und mobile Dienste

Digitale Angebote können die Erreichbarkeit verbessern. Echtzeitinformationen, digitale Buchungsmöglichkeiten, integrierte Tickets, On-Demand-Verkehre, Telemedizin, Lieferdienste, Sharing-Plattformen, digitale Verwaltung und mobile Dienste können Wege vereinfachen oder überflüssig machen. Gerade in Räumen geringer Dichte helfen sie dabei, begrenzte Ressourcen flexibler einzusetzen.[Mettenberger/Küpper (2021)], [Thünen-Institut (o. J. a)], [Martí et al. (2023)]

Die Risiken der Digitalisierung liegen weniger im bloßen Zugang zum Internet als in einer sich verändernden digitalen Spaltung. Zwar sinkt der Anteil der Menschen ohne Internetzugang, zugleich zeigen europäische Kompetenzindikatoren jedoch, dass digitale Teilhabe nicht allein vom Internetzugang abhängt. Der Eurostat-Indikator zu digitalen Kompetenzen erfasst mehrere Kompetenzbereiche, darunter Informations- und Datenkompetenz, Kommunikation, digitale Inhaltserstellung, Problemlösung und Sicherheit. Digitale Kompetenzen unterscheiden sich deutlich nach Alter, Bildung und Nutzungserfahrung. Daraus folgt jedoch nicht, dass digitale Ausgrenzung verschwindet, sondern dass sie sich verändert. Zu beachten ist jedoch, dass die zugrunde liegende Erhebung nur Personen im Alter von 16 bis 74 Jahren erfasst. Für Hochaltrige über 74 Jahren lässt sich daraus keine direkte Aussage ableiten. Gerade deshalb sollten analoge und assistierte Zugänge nicht vorschnell abgebaut werden.[Destatis (2026)], [Eurostat (2026)]

Entscheidend ist nicht nur, ob Menschen ein Smartphone besitzen oder online sind, sondern auch, ob digitale Angebote verständlich, fehlertolerant und alltagstauglich gestaltet sind. Ein komplizierter analoger Prozess wird durch eine 1:1-Digitalisierung nicht einfacher. Sind Tarifstrukturen unübersichtlich, Zuständigkeiten fragmentiert, Buchungsregeln uneinheitlich oder Zahlungswege restriktiv, verlagert die App die Komplexität lediglich auf den Bildschirm. In solchen Fällen schafft Digitalisierung keine neue Erreichbarkeit, sondern reproduziert bestehende Barrieren in anderer Form.[Durand et al. (2021)], [Boyko et al. (2026)]

Gerade im öffentlichen Verkehr wird der Unterschied zwischen Digitalisierung und Vereinfachung deutlich. Zwar kann eine App Fahrpläne, Tickets und Buchungen bündeln, sie löst jedoch nicht automatisch Probleme wie komplizierte Tarifräume, unklare Übergänge oder schwer verständliche Preislogiken. Das Deutschlandticket zeigt, wie wirksam Vereinfachung sein kann. Entscheidend war nicht die digitale Verfügbarkeit allein, sondern die Reduktion tariflicher Komplexität durch ein bundesweit gültiges, monatlich nutzbares Angebot.[VDV et al. (2024)], [BMV (2026)] Diese Lehre gilt nicht nur für den ÖPNV. Digitale Mobilitätsangebote müssen nicht nur online verfügbar sein, sondern auch die Regeln, Preise, Zugänge und Verantwortlichkeiten vereinfachen.[VDV et al. (2024)], [BMV (2026)]

Für Mobilitätsangebote ist diese Differenzierung zentral. Digitale Buchung, Echtzeitinformation und Plattformintegration sollten daher durch analoge oder assistierte Zugänge ergänzt werden: telefonische Buchung, persönliche Beratung, einfache Tarifmodelle, barrierefreie Oberflächen, mehrsprachige Informationen, buchbare Alternativen ohne Kreditkarte und Unterstützung an zentralen Orten. Forschung zu digitaler Ungleichheit in Verkehrsdiensten zeigt, dass appbasierte Zugänge und digitale Bezahlsysteme neue Ausschlüsse erzeugen können, wenn sie andere Zugangskanäle verdrängen oder bestimmte Kompetenzen, Geräte, Konten oder Zahlungsmittel voraussetzen.[Durand et al. (2021)], [Boyko et al. (2026)], [Golub et al. (2022)] Die planerische Empfehlung lautet deshalb nicht, die Digitalisierung grundsätzlich zu begrenzen. Vielmehr darf die Digitalisierung weder physische Daseinsvorsorge noch analoge Zugänge vorschnell ersetzen. Vielmehr muss sie komplizierte Verfahren nicht lediglich digital verpacken, sondern sie müssen verständlicher, robuster und zugänglicher gemacht werden.[Durand et al. (2021)], [Golub et al. (2022)], [Thünen-Institut (o. J. a)]

Die tariflichen und betrieblichen Einzelheiten digitaler Mobilitätsplattformen werden in den Beiträgen zu Bus, Bahn und Sharing sowie zu Wirtschaftsverkehr und urbaner Logistik behandelt.

Soziale Gerechtigkeit und Akzeptanz

Die Mobilitätswende ist nicht sozial neutral. Kosten, Nutzen, Belastungen und Alternativen sind ungleich verteilt.[Lucas (2012)], [Pereira et al. (2017)], [Mattioli (2017)] Wer in einem gut angebundenen Stadtteil lebt, kann leichter auf das Auto verzichten als jemand in einer schlecht erschlossenen Randlage. Wer ein hohes Einkommen hat, kann steigende Mobilitätskosten besser tragen. Personen, die Sorgearbeit leisten, nachts arbeiten, körperlich eingeschränkt sind oder mehrere Wegeketten verbinden müssen, sind stärker auf verlässliche und flexible Angebote angewiesen.[Lucas (2012)], [Pereira et al. (2017)], [Mattioli (2017)]

Eine eigene soziale Dynamik entsteht dort, wo die erreichbarkeitsorientierte Entwicklung erfolgreich ist. Ein Quartier der kurzen Wege verbessert die Erreichbarkeit, senkt die Mobilitätskosten und erhöht die Aufenthaltsqualität – und wird dadurch begehrter. Die gestiegene Nachfrage kann die Boden- und Mietpreise treiben und so gerade jene Haushalte verdrängen, die auf kurze Wege und geringe Mobilitätskosten am stärksten angewiesen sind. Dieses Nähe-Paradoxon ist real, seine Größe ist jedoch umstritten. Inwieweit eine bessere ÖPNV-Anbindung oder ein aufgewerteter, begrünter öffentlicher Raum tatsächlich Verdrängung auslöst, ist in der Forschung uneinheitlich beantwortet, da Verdrängung viele Ursachen haben kann: allgemeine Wohnungsknappheit, Spekulation, Modernisierung oder Zuzug.

Das Problem liegt dabei nicht in der Verbesserung des Quartiers selbst, sondern darin, dass ihr Nutzen ohne soziale Sicherung ungleich verteilt wird.[Padeiro et al. (2019)], [Zuk et al. (2018)], [Pereira et al. (2017)] Kurze Wege werden deshalb nur dann zum sozialen Fortschritt, wenn bezahlbarer Wohnraum und soziale Durchmischung mitgeplant werden, statt sie dem Markt zu überlassen.[Padeiro et al. (2019)], [Zuk et al. (2018)]

Klimapolitisch motivierte Verteuerungen sind nur dann akzeptabel, wenn erreichbare Alternativen vorhanden sind und soziale Härten abgefedert werden. Wer keine realistische Ausweichmöglichkeit hat, empfindet die höheren Kosten nicht als Lenkungsinstrument, sondern als zusätzliche Belastung. Die Forschung zu CO₂-Bepreisung und Transportpreisen zeigt, dass die Akzeptanz wesentlich von der wahrgenommenen Fairness, Wirksamkeit, den Verteilungseffekten, der Kompensation und der Verwendung der Einnahmen abhängt.[Klenert et al. (2018)], [Schuitema et al. (2010)] Akzeptanz entsteht deshalb nicht allein durch Preissignale, sondern eher durch erreichbare Alternativen, nachvollziehbare Kompensation und eine räumlich faire Umsetzung.[Klenert et al. (2018)], [Schuitema et al. (2010)] Die Ausgestaltung von Bepreisung, Kompensation und Finanzierung wird im Beitrag zu Kosten, Finanzierung und sozialer Gerechtigkeit behandelt.

Soziale Gerechtigkeit verlangt auch eine differenzierte Sicht auf Parkraum. Ein privater Pkw kann sowohl Komfort als auch Notwendigkeit sein. Menschen mit Behinderung, Pflegeverantwortung, Schichtarbeit, fehlenden ÖPNV-Verbindungen oder gewerblichem Fahrzeugbedarf haben andere Ausgangsbedingungen als Haushalte, die aus Bequemlichkeit mehrere Fahrzeuge besitzen.[Mattioli (2017)] Parkraumpolitik muss solche Unterschiede berücksichtigen, ohne die Autoabhängigkeit dauerhaft zu verfestigen.[Lucas (2012)], [Mattioli (2017)], [Pereira et al. (2017)]

Dieser Verteilungskonflikt betrifft nicht nur Wohnraum. Auch Gewerbe und produktive Nutzungen stehen unter sozialer und ökonomischer Spannung. Wenn Handwerksbetriebe, Werkstätten oder lokale Dienstleister verdrängt werden, betrifft das nicht nur die Unternehmen selbst, sondern auch ihre Beschäftigten, Kundinnen und Kunden sowie die Versorgungsqualität. Eine gerechte Stadtentwicklung muss deshalb bezahlbare Wohnorte, erreichbare Arbeitsorte und produktive Flächen zusammendenken.[Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)], [Pereira et al. (2017)]

Akzeptanz wächst eher dort, wo Menschen Verbesserungen erleben: sichere Wege, verlässliche Busse, gute Radabstellanlagen, barrierefreie Haltestellen, bezahlbare Angebote, klare Parkregeln, weniger Lärm, mehr Grün, bessere Luft und erreichbare Alltagsziele. Akzeptanz entsteht nicht durch abstrakte Zielbilder, sondern durch konkrete Alltagserleichterungen.[Lanzendorf et al. (2024)], [Baumgartner et al. (2025)]

Instrumente und kommunale Handlungsfähigkeit

Die Instrumente für eine erreichbarkeitsorientierte Stadtentwicklung sind vorhanden, werden jedoch häufig nicht konsequent zusammengeführt. Zu diesen Instrumenten zählen unter anderem die Bauleitplanung, die Flächennutzungsplanung, die Bebauungspläne, die städtebaulichen Verträge, die Stellplatzsatzungen, die Mobilitätskonzepte, die kommunale Bodenpolitik, die Konzeptvergaben, die Parkraumbewirtschaftung, die Nahverkehrspläne, die Klimaanpassungskonzepte, die Einzelhandelskonzepte, die Gewerbeflächenkonzepte und die regionale Planung. Entscheidend ist, Mobilität nicht nachträglich zu prüfen, sondern sie von Anfang an in Standort- und Flächenentscheidungen zu integrieren. Dieser integrierte Planungsansatz entspricht dem Leitbild einer nachhaltigen urbanen Mobilitätsplanung.[Europäische Kommission (2023)], [Levin-Keitel/Reeker (2021)], [Bertolini et al. (2005)]

Dafür sind verbindliche Prüffragen notwendig: Welche Alltagsziele sind erreichbar? Welche Gruppen profitieren oder werden belastet? Wie wirkt sich ein Standort auf das Verkehrsaufkommen, den Parkdruck, die Lieferverkehre und den Flächenverbrauch aus? Welche Alternativen zum privaten Pkw sind vorhanden oder können verbindlich geschaffen werden? Welche Betriebs- und Finanzierungspflichten bestehen langfristig? Welche Wirkungen entstehen in angrenzenden Quartieren? Inwiefern werden Gewerbe, Handwerk, Pflege, Lieferverkehre und Rettungswege berücksichtigt?[Geurs/van Wee (2004)], [Pereira et al. (2017)], [Europäische Kommission (2023)]

Damit diese Prüffragen nicht im Unbestimmten bleiben, lässt sich die Erreichbarkeit auch konkret messen. Erreichbarkeitsanalysen zeigen, welche Ziele von einem Ort aus in welcher Zeit erreichbar sind. Isochronen, das sind Linien gleicher Reisezeit, zeigen für Fuß-, Rad- und ÖPNV-Wege, welche Gebiete eine Schule, eine Arztpraxis, ein Zentrum oder einen Bahnhof innerhalb einer bestimmten Zeitspanne erreichen. Haltestelleneinzugsbereiche machen sichtbar, welche Adressen sich tatsächlich im fußläufigen Umfeld einer Haltestelle befinden. Der modellierte Zugang zur Grundversorgung zeigt, wo Lücken in der Daseinsvorsorge bestehen. Entscheidend ist, solche Analysen nicht nur im Durchschnitt, sondern auch für unterschiedliche Gruppen und Tageszeiten durchzuführen, da sich die erreichbare Stadt für einen mobilen Erwachsenen am Werktag beispielsweise anders darstellt als für ein Kind, einen älteren Menschen ohne Auto oder eine Person im Spätdienst. Auf dieser Grundlage lassen sich überprüfbare Mindeststandards für die Erreichbarkeit festlegen und deren Einhaltung im Zeitverlauf beobachten.[Páez et al. (2012)], [Lucas (2012)], [Geurs/van Wee (2004)], [Straatemeier/Bertolini (2020)]

Gleichzeitig müssen Mobilitätskonzepte verbindlich und überprüfbar sein. Ein Mobilitätskonzept ohne Betrieb, Finanzierung und Monitoring bleibt eine Absichtserklärung. Das Bremer Mobilitäts-Bau-Ortsgesetz zeigt, wie sich das Mobilitätsmanagement stärker in das Bauordnungsrecht integrieren lässt. Nicht nur Stellplätze, sondern auch Maßnahmen des Mobilitätsmanagements werden vorhabenbezogen geregelt und müssen nachgewiesen werden. Dadurch verschiebt sich der Fokus von der reinen Stellplatzherstellung hin zur Frage, wie der Mobilitätsbedarf eines Bauvorhabens tatsächlich organisiert wird.[Bremen, MobBauOG HB (2022)], [Bremen, SBMS (2023)]

Ein Fahrtenmodell ist noch wirkungsorientierter. Dieses begrenzt nicht primär die Zahl der Stellplätze, sondern die Zahl der zulässigen Kfz-Fahrten eines Standorts oder Quartiers innerhalb eines festgelegten Zeitraums. Damit wird nicht nur die bauliche Voraussetzung, sondern die tatsächliche Verkehrswirkung zum Steuerungsmaßstab.[ARE (2023)] Ein solches Modell verlangt Zählungen, Berichtspflichten, Nachsteuerungen und klare Folgen bei Überschreitung des Fahrtenkontingents. Es kann besonders dort sinnvoll sein, wo große Quartiere, Einkaufs-, Freizeit-, Büro- oder Gesundheitsstandorte erhebliche Verkehre erzeugen und die reine Stellplatzbetrachtung zu kurz greift.[ARE (2023)]

Die kommunale Handlungsfähigkeit hängt jedoch nicht nur von den Instrumenten ab. Sie erfordert Personal, Daten, politische Rückendeckung, interkommunale Kooperation, rechtliche Sicherheit und finanzielle Ressourcen. Viele Kommunen wissen, was fachlich sinnvoll wäre, können es aber nicht in der nötigen Tiefe umsetzen. Der kommunale Investitionsrückstand, angespannte Haushalte und begrenzte Planungskapazitäten zeigen, dass die Mobilitätswende nicht allein an fehlenden Konzepten scheitert, sondern auch an Umsetzungskapazitäten.[KfW/Difu (2026)], [Difu et al. (2024)] Deshalb ist eine Stärkung kommunaler Planungskapazitäten selbst Teil der Mobilitätswende. Die Finanzierungs- und Bepreisungsinstrumente im engeren Sinne werden im Beitrag zu Kosten, Finanzierung und sozialer Gerechtigkeit behandelt, die Instrumente des Wirtschaftsverkehrs im Beitrag zu Wirtschaftsverkehr und urbaner Logistik.

Handlungsempfehlungen für die Praxis

Erreichbarkeit als Maßstab und qualifizierte Innenentwicklung

Aus der vorangegangenen Analyse ergeben sich Handlungsempfehlungen, die sich nicht als Katalog von Einzelmaßnahmen, sondern als zusammenhängende Strategie verstehen. Ihr Ausgangspunkt ist die Erreichbarkeit als Maßstab kommunaler Planung. Nicht der Verkehrsfluss und der Stellplatznachweis, sondern die Frage, ob Wohnen, Arbeit, Bildung, Gesundheit, Versorgung, Pflege, Freizeit und soziale Infrastruktur mit geringem Aufwand erreichbar sind, sollte Standort- und Flächenentscheidungen leiten. Daraus folgt der Vorrang einer qualifizierten Innenentwicklung, die bauliche Dichte mit Freiraum, Klimaanpassung, sozialer Infrastruktur, bezahlbarem Wohnraum und produktiven Nutzungen verbindet. Dabei ist entscheidend, dass zusätzliche Haushalte nicht zwangsläufig zu mehr privatem Parkdruck im öffentlichen Straßenraum führen, sondern mit neuen Mobilitätsoptionen und einer klaren Parkraumordnung einhergehen.[Geurs/van Wee (2004)], [Banister (2008)], [Schiller/Siedentop (2005)], [Baumgartner et al. (2025)]

Mobilitätskonzepte für Neubauquartiere

Für Neubauquartiere bedeutet dies, Mobilität bereits vor dem ersten Stellplatz zu planen. Zu regeln sind die Lage, das Stellplatzangebot, die Organisationsform des Parkens, Quartiersgaragen, die Anbindung an Bus, Bahn, Rad- und Fußverkehr, Sharing, Lieferzonen und die angrenzenden Bestandsgebiete. Fest an einzelne Gebäude gebundene Tiefgaragen sind dort kritisch zu prüfen, wo langfristige Flexibilität erforderlich ist. Ein reduzierter Stellplatzschlüssel ist nur sinnvoll, wenn Betrieb, Finanzierung, Monitoring, Defizitausgleich, Ersatzinvestitionen und die Wirksamkeit gegenüber späteren Eigentümern vertraglich abgesichert sind. Quartiersfonds können eine Hilfe sein, sofern ihre Einnahmen, Zweckbindung und Steuerung dauerhaft geregelt sind.[StMB Bayern (2022)], [Urban MoVe (2021)], [Guo (2013a)], [Manville (2016)] Wo Stellplätze knapp sind und zentral bewirtschaftet werden, sollten sie nicht allein nach Zahlungsbereitschaft, sondern nach begründetem Bedarf vergeben werden, beispielsweise bei Mobilitätseinschränkungen, Pflegeverantwortung, Schichtarbeit ohne ÖPNV-Anbindung, komplexen Wegeketten oder gewerblicher Notwendigkeit. Dabei darf jedoch keine dauerhafte Privilegierung der Autoabhängigkeit entstehen.

Bestandsquartiere und Straßenraum

Das Parkraummanagement ist im Bestand als Straßenraumstrategie zu verstehen. Bewohner- und Quartiersparken, Liefer- und Ladezonen, Carsharing, Radabstellanlagen sowie die Freihaltung der Gehwege und barrierefreie Zugänge müssen zusammen geplant werden. Ihre Neuordnung sollte mit sichtbaren Verbesserungen im öffentlichen Raum verbunden werden, da Akzeptanz durch erfahrbare Alltagserleichterungen entsteht. Dabei ist der notwendige Zugang von Handwerk, Pflege, Lieferdiensten und Rettungskräften vom bequemen Dauerparken und von der vermeidbaren Flächenbindung zu unterscheiden.[Marsden (2006)], [ITF/OECD (2018)], [NACTO (2017)], [Baumgartner et al. (2025)]

Standortsteuerung an Achsen und Knoten

Auf der Ebene der Standortpolitik ist Wachstum an Achsen und Knoten zu konzentrieren. Neue Wohn- und Arbeitsstandorte sollten dort entstehen, wo bereits leistungsfähige Verkehrsachsen, Radverbindungen, Nahversorgung und soziale Infrastruktur vorhanden sind oder verbindlich hergestellt werden können. Arbeitsplatzintensive Nutzungen sollten hingegen nicht an schlecht angebundene Randlagen verlegt werden. Produktive Nutzungen wie Handwerk, urbane Produktion, Reparatur, Pflege, lokale Dienstleistungen sowie Flotten- und Logistikflächen wie Mikrodepots und Ladehöfe sind durch Gewerbeflächenkonzepte, Konzeptvergaben, geeignete Gebietstypen und Bodenpolitik aktiv zu sichern, sofern sie stadtverträglich sind. Park-and-Ride entfaltet seinen Nutzen schließlich vor allem an äußeren Knoten, wo die Reise mit dem Auto kurz bleibt und der längere Teil der Reise auf der Schiene zurückgelegt wird. Innere Anlagen binden dagegen Entwicklungsflächen und ziehen zusätzlichen Verkehr in belastete Räume.[Bertolini (1999)], [Dieperink/Driessen (2000)], [Zijlstra et al. (2015)], [Truong/Marshall (2015)]

Ländliche Räume und Mobilitätsgarantie

In ländlichen Räumen sind Ortskerne und Mittelzentren als Versorgungs-, Begegnungs- und Arbeitsorte zu stärken. Dabei sind die Bereiche Daseinsvorsorge, Nahversorgung, Gesundheit, Bildung und Mobilität zusammenzuführen. An die Stelle des Versprechens gleicher Angebote überall tritt eine abgestufte Mobilitätsgarantie. Diese kombiniert je nach Raumtyp Schiene, hochwertige Buskorridore, Linienbus, flexible Bedienformen, Radverkehr und mobile Dienste und richtet sie an erreichbaren Grundfunktionen statt an einzelnen Linien aus. Digitale Dienste sollten dabei nicht nur bestehende Verfahren abbilden, sondern auch die Tarife, Buchung, Bezahlung und Zuständigkeiten vereinfachen, während analoge und assistierte Zugänge erhalten bleiben.[Agora Verkehrswende (2023)], [Küpper (2016)], [Martí et al. (2023)], [Durand et al. (2021)], [Boyko et al. (2026)]

Governance, Wirtschaftsverkehr und Monitoring

Die erreichbarkeitsorientierte Entwicklung verlangt über die einzelne Kommune hinaus regionale Verbindlichkeit: eine abgestimmte Standortpolitik, gemeinsame Verkehrs- und Radachsen, Freiraumschutz und tragfähige Vereinbarungen. Ohne diese bleibt die Steuerung fragil. In Quartiers- und Zentrenkonzepten ist der Wirtschaftsverkehr, also unter anderem Liefer-, Service-, Pflege-, Handwerks- und Entsorgungsverkehre, räumlich mitzuplanen. Schließlich sind Mobilitätskonzepte, Stellplatznutzung, Parkdruck, Nachfrage und soziale Wirkungen regelmäßig zu überprüfen und nachzusteuern, da Konzepte ohne Monitoring nur wenig Wirkung zeigen.[Europäische Kommission (2023)], [Straatemeier/Bertolini (2020)], [Bremen, MobBauOG HB (2022)], [KfW/Difu (2026)]

Fazit

Ob Mobilität vermeidbar, verlagerbar oder dauerhaft autoabhängig bleibt, wird durch Stadtentwicklung und ländlichen Raum entschieden. Die Mobilitätswende ist deshalb keine rein verkehrstechnische Aufgabe. Sie ist eine räumliche Gestaltungsaufgabe.[Geurs/van Wee (2004)], [Banister (2008)], [Bertolini et al. (2005)]

Der verbindende Maßstab ist die Erreichbarkeit. Sie fragt nicht primär danach, wie schnell der Verkehr fließt, sondern danach, ob Menschen ihre Alltagsziele verlässlich, bezahlbar, barrierefrei und mit möglichst geringem Aufwand erreichen können. Diese Perspektive vereint Innenentwicklung, Zentren, Neubauquartiere, Bestandsumbau, ländliche Räume, Stadt-Umland-Beziehungen, Gewerbeflächen, Klimaanpassung und soziale Teilhabe.[Geurs/van Wee (2004)], [Páez et al. (2012)], [Pereira et al. (2017)]

Nur wenn zusätzliche Haushalte, neue Nutzungen und höhere Dichte nicht einfach in zusätzlichen Parkdruck übersetzt werden, wird Innenentwicklung mobilitätsverträglich. Quartiersbezogene Mobilitätskonzepte im Bestand sind daher keine Zusatzinstrumente, sondern eine Voraussetzung für qualifizierte Verdichtung.[Schiller/Siedentop (2005)], [Baumgartner et al. (2025)], [Urban MoVe (2021)]

Gerade dort, wo Stellplätze reduziert und zentral bewirtschaftet werden, entscheidet die Vergabelogik über die soziale Wirkung des Konzepts. Eine autoarme Quartiersentwicklung ist nur dann tragfähig, wenn knapper Parkraum nicht den zahlungskräftigsten Haushalten allein zufällt, sondern nach transparenten und nachvollziehbaren Kriterien vergeben wird.[Lucas (2012)], [Mattioli (2017)], [Pereira et al. (2017)]

Zur Stadt der kurzen Wege gehören auch produktive Nutzungen. Eine Mobilitätswende, die Gewerbe, Handwerk, Pflege, Reparatur, urbane Produktion, Logistik und Flottenstandorte aus integrierten Lagen verdrängt, erzeugt jedoch neue Wege statt weniger Verkehr. Eine erreichbarkeitsorientierte Stadtentwicklung braucht deshalb neben Wohnungsbau- und Verkehrskonzepten auch eine Bodenpolitik, eine Gewerbeflächenstrategie und eine langfristige Steuerung.[Meyer et al. (2024)], [ARL (2024)], [Suwala et al. (2025)], [Geurs/van Wee (2004)]

Die zentrale Lehre lautet: Die Mobilität der Zukunft wird nicht erst auf der Straße entschieden. Sie entsteht vielmehr in Flächennutzungsplänen, Bebauungsplänen, Standortentscheidungen, Stellplatzsatzungen, Quartierskonzepten, Gewerbestrategien, Ortskernprogrammen, regionalen Achsenmodellen sowie der Beantwortung der Frage, welche Alltagsziele in welcher Nähe verfügbar sind. Wer Mobilität verändern will, muss Räume anders planen.

Grundlagen und Analysen

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FAQ

Die 15-Minuten-Stadt ist ein Planungsprinzip, bei dem möglichst viele Alltagsorte innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein sollen. Entscheidend ist dabei nicht die exakte Zeitgrenze, sondern die räumliche Nähe von Wohn-, Arbeits-, Bildungs-, Versorgungs-, Freizeit- und Verkehrseinrichtungen. Die verbreitete Verschwörungserzählung, Menschen sollten dabei auf bestimmte Stadtbereiche beschränkt oder ihnen sollten Autofahrten verboten werden, hat mit dem Konzept nichts zu tun: Es soll zusätzliche Wahlmöglichkeiten schaffen und nicht die Bewegungsfreiheit begrenzen. Mehr über Erreichbarkeit und die 15-Minuten-Stadt

Fußgängerzonen können die Aufenthaltsqualität, Passantenfrequenz und Verweildauer erhöhen. Garant für eine erfolgreiche Innenstadt sind sie jedoch nicht. Entscheidend sind eine gute Erreichbarkeit mit Bus, Bahn und Fahrrad, kurze Wege von Haltestellen und Parkmöglichkeiten, ein attraktiver Nutzungsmix sowie funktionierende Liefer- und Serviceverkehre. Fehlen diese Voraussetzungen, kann eine Verkehrsberuhigung bestehende Probleme des Einzelhandels nicht ausgleichen. Mehr über Innenstädte als erreichbare Alltagszentren

Neubaugebiete am Stadtrand erzeugen besonders dann zusätzlichen Autoverkehr, wenn Wohnen, Arbeitsplätze, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangebote weit auseinanderliegen. Eine geringe Dichte, ein schwaches Busangebot und viele leicht zugängliche Stellplätze machen das Auto häufig zur bequemsten oder einzigen alltagstauglichen Option. Deshalb müssen Standort, Nutzungsmischung, ÖPNV-Anbindung, Fuß- und Radwege sowie die Organisation des Parkens bereits vor dem Einzug gemeinsam geplant werden. Mehr über Raumstruktur, Neubauquartiere und Verkehrsverhalten

Laut der Erhebung „Mobilität in Deutschland 2023” werden im kleinstädtisch-dörflichen Raum ländlicher Regionen 51 Prozent der Wege selbst mit dem Auto und weitere 14 Prozent als Mitfahrende zurückgelegt. Gründe hierfür sind größere Entfernungen, seltene Busverbindungen sowie die Konzentration von Arbeitsplätzen, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten oder Arztpraxen an wenigen Standorten. Die starke Autonutzung ist deshalb häufig nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern das Ergebnis räumlicher Strukturen und fehlender Alternativen. Mehr über das Verkehrsverhalten nach Raumtypen

Der öffentliche Straßenraum ist begrenzt und wird neben dem Parken auch für Gehwege, Radverkehr, Lieferzonen, Bäume, Barrierefreiheit, Rettungswege und Aufenthaltsflächen benötigt. Ziel sollte es deshalb nicht sein, Parkplätze pauschal zu entfernen, sondern den Straßenraum nach seinen unterschiedlichen Funktionen zu ordnen und notwendige Zugänge zu erhalten. Akzeptabler wird der Umbau, wenn entfallende Stellplätze durch sichere Wege, Begrünung, Liefermöglichkeiten, Quartiersgaragen oder neue Mobilitätsangebote ersetzt werden. Mehr über Parkraummanagement und Straßenrandnutzung

In einem autofreien oder stark autoreduzierten Quartier wird der private Autoverkehr innerhalb des Wohngebiets entweder vermieden oder räumlich gebündelt. Die Bewohnerinnen und Bewohner dürfen in der Regel weiterhin ein Auto besitzen, dieses wird jedoch beispielsweise in einer Quartiersgarage am Rande des Gebiets abgestellt. Liefer-, Pflege-, Handwerks- und Rettungsverkehre bleiben möglich. Dieses Konzept funktioniert jedoch nur, wenn öffentlicher Verkehr, sichere Fuß- und Radwege, Sharing-Angebote und eine funktionierende Parkraumbewirtschaftung von Beginn an zuverlässig verfügbar sind. Mehr über Mobilitätskonzepte für Neubauquartiere

Ob ein Leben ohne eigenes Auto möglich ist, hängt stark vom Wohnort, den täglichen Zielen, den Arbeitszeiten und der persönlichen Lebenssituation ab. In gut angebundenen Kleinstädten, Ortskernen und entlang von Bahn- oder Busachsen können Radverkehr, öffentlicher Verkehr, Sharing und Lieferdienste viele Wege abdecken. In dünn besiedelten und peripheren Regionen bleibt das Auto dagegen häufig notwendig. Dort geht es zunächst darum, die Abhängigkeit zu verringern und verlässliche Alternativen für einzelne Wege zu schaffen. Mehr über Mobilität und Teilhabe im ländlichen Raum

Eine Mobilitätsstation bündelt mehrere Verkehrsangebote an einem gut erreichbaren Ort. Je nach Lage kann sie eine Bus- oder Bahnhaltestelle mit sicheren Fahrradabstellanlagen, Carsharing, Leihrädern, Ladepunkten, Taxiständen oder Paketstationen verbinden. Entscheidend ist nicht die Zahl der Angebote, sondern ob sie zuverlässig verfügbar, verständlich nutzbar und sinnvoll mit den Wegen im Quartier oder in der Region verknüpft sind. Mehr über Mobilitätsangebote in Quartieren und ländlichen Räumen

Verweise und Links
  1. Agora Verkehrswende (2023): Mobilitätsgarantie für Deutschland – Teil II. Erreichbarkeitsanalyse und Empfehlungen für eine bundesweit garantierte Grundversorgung mit Bus und Bahn, Berlin.
  2. Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) (Hrsg.) (2017): Ältere Einfamilienhausgebiete im Umbruch, Positionspapier aus der ARL 109, Hannover.
  3. Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL) (Hrsg.) (2024): Urbane Produktion fördern und bewahren, Positionspapier aus der ARL 147, Hannover: Verlag der ARL. DOI: 10.60683/0vgt-ys02; URN: urn:nbn:de:0156-01474.
  4. an der Heiden, Matthias; Muthers, Stefan; Niemann, Hildegard; Buchholz, Udo; Grabenhenrich, Linus; Matzarakis, Andreas (2020): „Heat-Related Mortality. An Analysis of the Impact of Heatwaves in Germany Between 1992 and 2017“. In: Deutsches Ärzteblatt International, 117(37), S. 603–609. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0603.
  5. Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) (Hrsg.) (2023): Gestaltung von Mobilität in Agglomerationen. Mobilität in Arealen, Bern.
  6. Banister, David (2008): „The sustainable mobility paradigm“. In: Transport Policy, 15(2), S. 73–80. DOI: 10.1016/j.tranpol.2007.10.005.
  7. Baumgartner, Annabell; Klinner, Nora; Lanzendorf, Martin (2025): „Right to the city or right to park a car? Acceptability of parking management for a social-ecological transformation of urban neighbourhoods“. In: Transportation Research Part A: Policy and Practice, 199, Artikel 104528. DOI: 10.1016/j.tra.2025.104528.
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Änderungshistorie & Updates

19.07.2026: Initialversion veröffentlicht

Verfasst von: Martin Randelhoff
Herausgeber und Gründer von Zukunft Mobilität, arbeitet im Hauptjob im ARGUS studio/ in Hamburg. Zuvor war er Verkehrswissenschaftler an der Technischen Universität Dortmund. Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum und nachhaltige Verkehrskonzepte. Kontaktaufnahme: randelhoff [ät] zukunft-mobilitaet.net
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