Logistik

Leider gescheitert: Der Modec Van, ein Elektro-Transporter für die Citylogistik

NaviStar eStar FedEX Los Angeles 2010
Navistar eStar in Los Angeles 2010 - Foto: Mr.choppers @ Wikimedia Commons - CC BY-SA 3.0

Der heutige städtische Güterverkehr steht vor einigen Herausforderungen: steigende Energiepreise, wachsendes und der daraus resultierende Stau, Parkplatzmangel, die Schnittstellenproblematik “Rampe”, Umweltauflagen (CO2, Feinstaub, NOx), Lärmschutz insbesondere in der Nacht, Kostendruck, Lieferzeit- und Lieferortbeschränkungen, kleinteiligere Sendungen (insbesondere Pakete im eCommerce) und ein zunehmendes Umweltbewusstsein bei Empfängern und Versendern.

In Deutschland werden pro Tag etwa 160 000 Auslieferungstouren abgewickelt. Ein nicht geringer Anteil dieser Auslieferungen wird durch Lkw abgewickelt, die nur zur Hälfte beladen in Städte einfahren und vorhandene nur ineffizient nutzen.1 Hinzu kommt, dass beispielsweise 7,5-Tonner stadtunverträglich und nicht geeignet für historische Altstädte mit engen Gassen sind. Eine Folge: Lieferzeit- und Lieferortbeschränkungen.

Neben der Konsolidierung von Sendungen über verschiedene (Bündelungs-) Konzepte wie Cross Docking (Einbeziehung eines bestandslosen Umschlagpunktes und einer getrennten Optimierung von Abhol- und Zustelltouren), Multi-Pick (Optimierung von Abholtouren für einen bestimmten Empfänger und Erhöhung der Entlademengen pro Anlieferadresse) sowie By-pass (Abholung von bereits empfängerbezogenen kommissionierten Sendungen) werden neue technische Lösungen und Fahrzeugkonzepte für den innerstädtischen Güterverkehr benötigt.

Modec Electric Van London Navistar
Foto: TrevorPower @ Wikimedia Commons (ursprünglich Modec Limited, lizensiert unter GFDL von Trevor Power) – CC BY-SA 3.0

Ein neues Fahrzeugkonzept war der Modec Van des gleichnamigen britischen Herstellers von Elektroautos und Elektrolastkraftwagen. Das Unternehmen wurde 2005 von Lord Jamie Borwick gegründet und begann im Jahr 2007 mit der Produktion des Modec Van.

Das eigenentwickelte Lieferfahrzeug erreichte mit einem 76 kW 102 PS starken Motor eine Geschwindigkeit vom 80 km/h, hatte eine Reichweite von über 160 km und eine Zuladung von 2 Tonnen. Das Drehmoment des Elektromotors betrug 300 Nm. Zur Speicherung der Energie wurden Natrium-Nickelchlorid-Zellen (sogenannte ZEBRA-Batterien (Zero Emission Battery Research Activities)) genutzt. Die Ladezeit der Batterie betrug 6-8 Stunden (bei 32 A Drehstrom: 6 Stunden), alternativ war ein Batteriewechsel in 20 Minuten möglich. Die Batterien wurden von Modec an die Kunden verleast und bei abnehmender Kapazität ersetzt.

Modec Van Abmessungen
Grafik: Modec EV Broschüre

Der Wendekreis betrug 10,8 Meter, der Radstand 3,60 Meter. Das Fahrzeug ist 2,00 Meter breit und die Fahrerkabine 2,62 Meter hoch.

Modec Van Navistar Pritschenwagen E-Lieferwagen
Foto: KGGucwa @ Wikimedia CommonsCC BY-SA 3.0

Die Fahrzeuge wurden als Rohkarosse, mit Koffer- und Pritschenaufbau angeboten. Basis war ein aus Stahl gefertigter Leiterrahmen.

2007 wurden die ersten Fahrzeuge an die drittgrößte Supermarktkette der Welt Tesco (UK) geliefert. Im darauf folgenden Jahr wurde der 100. Modec Van produziert und der Vertrieb von Großbritannien auf die Niederlande und Irland ausgeweitet. Im selben Jahr kaufte UPS erste Fahrzeuge für die britische und deutsche Flotte.

Modec Van Amsterdam elektrischer Lieferwagen
Modec Van in Amsterdam, der Aufbau wurde von Carhar gefertigt – Foto: Brbbl @ Wikimedia CommonsCC BY-SA 3.0

Im Jahr 2009 erhielt Modec für sein Fahrzeug als erster Hersteller die europaweite Zulassung für ein Elektrofahrzeug in der N2-Klasse (Fahrzeuge zur Güterbeförderung mit einer zulässigen Gesamtmasse von mehr als 3,5 Tonnen bis zu 12 Tonnen). Im gleichen Jahr ging Modec ein Joint Venture mit dem US-Unternehmen Navistar International für den nord- und südamerikanischen Markt ein. Für das Gemeinschaftsunternehmen Navistar-Modec EV Alliance wurde ein Minderheitenanteil der Modec-Muttergesellschaft Borwick Group Limited an Navistar verkauft.

Das Fahrzeug wurde unter dem Namen Navistar eStar in den USA vertrieben. Die Produkteinführung wurde vom US-Energieministerium mit 39,2 Millionen US-Dollar gefördert.

NaviStar eStar FedEX Los Angeles 2010
Navistar eStar in Los Angeles 2010 – Foto: Mr.choppers @ Wikimedia CommonsCC BY-SA 3.0

Der Navistar eStar mit einem 70 kW 102 PS Elektromotor wurde aus einem 80 kWh Lithium-Ionen-Batteriepack von gespeist. Beim Bremsen wurde Energie rekuperiert. Das Fahrzeug mit einer Zuladung von 2,3 Tonnen konnte mit einem 4,26 Meter oder 4,88 Meter langen Aufbau ausgerüstet werden. Das Lieferfahrzeug hatte eine Reichweite von 160 km und benötigte sechs bis acht Stunden für eine volle Akkuladung. Der Preis lag bei 150.000 US-Dollar.


Nach einem Absatzrückgang bei einer Gesamtproduktion von 400 Fahrzeugen (geplant: 2.000 p.a.) und einer fehlgeschlagenen Übernahme durch den amerikanischen Lkw-Hersteller Navistar musste Modec im März 2011 bei einem Schuldenstand von über 40 Millionen Pfund Insolvenz anmelden. Die Patente und Vermögensgegenstände wurden durch Navistar übernommen, das zwölfköpfige Entwicklerteam wechselte geschlossen zum britischen Automotive-Startup Liberty Electric Cars Ltd. (2012 durch Green Automotive übernommen). Der Elektronutzfahrzeug-Hersteller Modec wurde abgewickelt.

Nachdem ein Kauf der Marke “Modec” von Navistar scheiterte, gründete Liberty Electric Cars den Service “e-Care”, um die Instandhaltung der Modec-Fahrzeuge in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Dubai weiterhin sicherstellen zu können.

Im Folge der Modec-Insolvenz wurde Kritik an der britischen Regierung laut, die Fördermöglichkeiten für einen klimafreundlichen und lokal emissionsfreien Straßengüterverkehr zu erhöhen und die Förderung von privaten Elektrofahrzeugen von 5.000 Pfund auf gewerblich genutzte Fahrzeuge auszuweiten. Trotz der Regierungspläne, den Güterverkehr ökologischer gestalten zu wollen, seien dafür keinerlei Finanzmittel vorhanden.

2035 International D-Series von

Inspiriert vom Modec Van / Navistar eStar entwarf der Student Vince Kaptur 2012 für seine Abschlussarbeit an der Lawrence Technological University (Southfield, Michigan) eine Designstudie für einen Lkw im Jahr 2035, welcher weitere Potenziale des Modec aufzeigt.

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Martin Randelhoff

Herausgeber Zukunft Mobilität.
Studium der Raumplanung an der TU Dortmund, Studium der Verkehrswirtschaft an der TU Dresden.
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Pierre Daniel Bertholdt

Hallo,

danke für den interessanten Artikel! Der Link unten funktioniert jedoch bei mir leider nicht.

Pierre Daniel Bertholdt

Nochmal zum Inhalt:

Das scheint ja fast eine logische Weiterentwicklung der Piaggio Ape zu sein. Vermutlich das richtige Fahrzeug in der falschen Infrastruktur.

Teilweise werden ja heute kleine Blumenläden mit riesigen Lkw beliefert. Der Ansatz in dem verlinkten PDF geht schon in die richtige Richtung, mir jedoch nicht weit genug. Güterverkehrszentren vor der Stadt gibt es ja heute teilweise schon (z.B. in Berlin Großbeeren und Wustermark), trotzdem gibt es die Problematik mit den Lkw in der Stadt (und ja auch jedes Jahr aufs Neue einige tote RadfahrerInnen – das sollte man nicht vergessen!). Woran liegt das?

Wenn man schon langfristig plant, wäre es sinnvoll, die Güter mit der Bahn bis in die Stadt zu transportieren, und dort erst per z.B. kleinen Lkw, wie oben gezeigt, feinzuverteilen. Für die Verteilung von den langlaufenden Güterzügen auf die Feinverteiler ist doch die Ringbahn ideal. Leider baut man auf den “alten Güterbahnhöfen” Halensee, Pankow, Innsbrucker Platz, etc. auf denen der Umschlag stattfinden könnte, nun Möbelhäuser (die per Lkw beliefert werden, um es völlig absurd zu machen…) …

Ich habe persönlich sogar den Eindruck, man ist in der Logistik einige Schritte zurück gegangen, was die Flexibilität angeht:
(Als seriöse Quelle: Ab 10:30: https://www.youtube.com/watch?v=5ippbVCKbjQ wenn sich das tatsächlich damals so zugetragen hat :) Und das alles noch ohne Internet )

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