
In einem im Journal Sustainability erschienenen peer reviewed-Paper haben George Yannis und Eva Michelaraki von der Nationalen Technischen Universität Athen den Nutzen von Tempo 30 in europäischen Städten untersucht.1
Die 40 Untersuchungsstädte hatten eine Bevölkerung von mindestens 200.000 Menschen und in einem Großteil des Straßennetzes eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h festgelegt. Betrachtet wurden die Vorher-Nachher-Effekte auf die Verkehrssicherheit, die Umwelt, den Energiebedarf, den Verkehrsfluss, die Lebensqualität und die Gesundheit. Insgesamt 70 Veröffentlichungen, Berichte, u. ä. mit Informationen zu 40 Städten erfüllten die Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analysis (PRISMA)-Richtlinien und wurden in die systematische Meta-Analyse aufgenommen.
Mit der Reduktion der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 50 auf 30 km/h verfolgen die Städte und Regionen unterschiedliche Ziele.
Die Mehrheit der Städte (34 von insgesamt 40) identifizierte die Erhöhung der Verkehrssicherheit, welche zu einer Reduktion von Verkehrsunfällen und schweren Zusammenstößen führt, als primäres Ziel der Geschwindigkeitsbegrenzung. Ein signifikanter Anteil von 35 % der Städte (14 von 40) führte zudem die Lärmminderung als Grund an. Demgegenüber wurde die Geschwindigkeitsreduktion lediglich von 11 von 40 Städten zum Zweck der Luftreinhaltung vorgeschlagen.
18 der 40 Städte setzen Tempo 30 als Push-Maßnahme zur Stärkung aktiver oder alternativer Verkehrsmittel ein. Die Verbesserung der Qualität des öffentlichen Raums wurde von zehn Städten genannt. Des Weiteren wurde von achtzehn Städten eine Steigerung der Lebensqualität als Motivation genannt. Die Verbesserung der Gesundheit wurde lediglich von den Städten Barcelona und Bilbao sowie von der walisischen Regierung als Motivation genannt. Dies ist vor allem auf die Lärmminderung und die verstärkte Nutzung aktiver Verkehrsarten zurückzuführen.
Lediglich fünf Städte (Amsterdam, Berlin, Kopenhagen, Florenz und Lille) nannten die Reduzierung der Autonutzung und der Verkehrsstaus als Motivation, wenngleich nicht als Hauptziel, sondern vielmehr als willkommenen Nebeneffekt. Mehr Spielmöglichkeiten und Unabhängigkeit für Kinder sowie die Stärkung des sozialen Zusammenhalts oder der sozialen Sicherheit wurde kein einziges Mal als Ziel formuliert.
| Verfolgtes Ziel | Städte / Regionen |
|---|---|
| Weniger Unfälle, Verletzte und Getötete | Amsterdam, Barcelona, Bilbao, Berlin, Bologna, Brighton, Bristol, Brüssel, Den Haag, Dublin, Edinburgh, Florenz, Glasgow, Graz, Grenoble, Helsinki, Hove, Leuven, Lille, Ljubljana, London, Lyon, Madrid, Montpellier, München, Münster, Paris, Stockholm, Strasbourg, Toulouse, Valencia, Wales, Warrington, Wien |
| Weniger Luftverschmutzung | Antwerpen, Berlin, Kopenhagen, Graz, Leuven, Lille, Ljubljana, Madrid, Münster, Paris, Strasbourg |
| Weniger Verkehrslärm | Amsterdam, Barcelona, Bilbao, Brüssel, Edinburgh, Graz, Grenoble, Leuven, Lille, Lyon, Münster, Paris, Strasbourg, Zürich |
| Weniger Stau | Amsterdam, Berlin, Kopenhagen, Florenz, Lille |
| Mehr Fußverkehr und Radverkehr | Amsterdam, Barcelona, Brighton, Bristol, Edinburgh, Florenz, Glasgow, Grenoble, Hove, Lille, London, Lyon, Madrid, München, Paris, Toulouse, Wales |
| Mehr Lebensqualität | Amsterdam, Barcelona, Bilbao, Bologna, Brüssel, Kopenhagen, Edinburgh, Florenz, Glasgow, Helsinki, Ljubljana, Lyon, Montpelier, Münster, Paris, Toulouse, Wales, Warrington |
| Mehr / bessere öffentliche Räume | Amsterdam, Brighton, Bristol, Bologna, Glasgow, Grenoble, Lyon, Montpellier, Münster, Paris |
| Verbesserte Gesundheit | Bilbao, Barcelona, Wales |
Die Wirkung der Einführung von Tempo 30 lässt sich nur in 18 der insgesamt 40 Städte und Regionen mit hinreichender Güte bestimmen, da viele Geschwindigkeitsreduktionen erst in den vergangenen Jahren umgesetzt wurden und die Ergebnisse stark von den Auswirkungen der COVID19-Pandemie verzerrt wurden. Aufgrund leerer Straßen stieg die gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit in der Corona-Zeit um 6-11 %, die Zahl der Geschwindigkeitsüberschreitungen nahm im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2018-2019 um 22 % zu.2 Gleichzeitig führte das pandemiebedingt veränderte Verkehrsverhalten zusammen mit dem geringeren Verkehrsaufkommen zu einem Rückgang der Verkehrsunfälle und der Todesopfer.
Die verfügbaren Daten zeigen, dass niedrigere Geschwindigkeitsbegrenzungen die Straßenverkehrssicherheit verbessern, indem sie die Wahrscheinlichkeit und Schwere von Unfällen verringern. Im Durchschnitt führte die Einführung von Geschwindigkeitsbegrenzungen auf 30 km/h zu einem Rückgang der Verkehrsunfälle um 23 %, der Zahl der Verkehrstoten um 37 % und der Zahl der Verletzten um 38 %.3
Zu den Vorteilen für die Umwelt gehörten eine Verringerung der Emissionen um 18 %, eine Verringerung der Lärmimmissionen um 2,5 dB und eine Verringerung des Kraftstoffverbrauchs um 7 %, was eine verbesserte Kraftstoffeffizienz und eine geringere Umweltbelastung bedeutet. Die Förderung des Fußverkehrs, Radverkehrs und von öffentlichen Verkehrsmitteln kann zu einem sichereren und ökologisch nachhaltigeren städtischen Verkehr beitragen.3
| Stadt | Verkehrs- sicherheit | Umwelt | Verkehr | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Unfälle | Getötete | Verletzte | CO2, NOx, PM | Verkehrslärm | Stau | |
| Amsterdam | ||||||
| Wales | ||||||
| Bologna | -14,5 % | |||||
| Florenz | ||||||
| Kopenhagen | ||||||
| Lyon | -22 % | -40 % (x) | ||||
| Den Haag | ||||||
| Zürich | -16 % | -25 % | -20 % | -1,7 dB | ||
| Toulouse | ||||||
| Wien | ||||||
| Paris | -40 % | -25 % | -3 dB | |||
| Montpellier | ||||||
| Münster | -72 % | ↓ | ↓ | |||
| Valencia | ||||||
| Leuven | ||||||
| Brüssel | -10 % | -55 % | -37 % | -2,5 dB | ||
| Nantes | ||||||
| Glasgow | -31 % | |||||
| Antwerpen | ||||||
| Barcelona | ||||||
| Lille | ||||||
| Helsinki | -9 % | -42 % | ||||
| Madrid | ||||||
| Bilbao | -28 % | -19 % | -2 % | |||
| Strasbourg | ||||||
| Dublin | ||||||
| Berlin | -10 % | -29 % | -3 dB | |||
| London | -46 % | -25 % | -25 % | -10 % | ||
| Grenoble | -30 % | -20 % | -50 % | -9 % | ||
| Ljubljana | ||||||
| Luxembourg | ↓ | |||||
| Gent | ||||||
| Edinburgh | -38 % | -23 % | -33 % | -8 % | -2,4 % | |
| Bristol | -63 % | |||||
| München | ||||||
| Brighton | -45 % | |||||
| Hove | -45 % | |||||
| Warrington | -43 % | |||||
| Stockholm | ||||||
| Graz | -12 % | -20 % | -25 % | -2,5 dB | ||
| Bandbreite | -[9–46 %] | -[23–63 %] | -[20–72 %] | -[8–29 %] | -[1,7 dB–3 dB] | -9 % bis zu +5 % |
| Durchschnitt | -23 % | -37 % | -38 % | -18 % | -2,5 dB | -2 % |
Die folgende Auflistung beinhaltet keine Beispiele, in denen in den Jahren 2020 – 2022 Geschwindigkeitsbeschränkungen neu eingeführt oder ausgeweitet wurden. Auf den Seiten 6 – 14 der Veröffentlichung findet sich eine ganze Reihe an weiteren Beispielen, welche auch die Pandemiejahre umfassen.
Verkehrssicherheit
In allen untersuchten Berichten und Studien wurden ausschließlich positive Effekte der Geschwindigkeitsreduktion auf die Verkehrssicherheit festgehalten. Eine Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h auf 30 km/h war stets mit einem Rückgang der Zahl der Verkehrsunfälle, der Todesopfer und der Verletzten verbunden. Es wurden in keinem Fall negative Sekundärwirkungen auf die Verkehrssicherheit festgestellt.
Umwelt
Verkehrsgeschehen