[Video] Sollten Radfahrende gezwungen werden, einen Radhelm zu tragen?

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Zuletzt aktualisiert am:
31. Mai 2018
Während das Tragen eines Fahrradhelmes auf individueller Ebene durchaus Sinn machen kann und die Entscheidung aus diesem Grund im persönlichen Entscheidungsbereich gut aufgehoben ist, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer allgemeinen Radhelmpflicht weitaus schwieriger zu beantworten. Das Video des Guardian-Journalisten Peter Walker versucht die Komplexität des Themas zu durchdringen.
Inhaltsverzeichnis

Alles Wissenswerte zum Thema Radhelmpflicht und deren Wirkung auf den Radverkehr finden Sie in unserem Dossier.

Der Guardian-Journalist Peter Walker versucht der Frage auf den Grund gehen, die stets für große Kontroversen sorgt und mit viel Emotion diskutiert wird: Sollte für Radfahrende die Pflicht bestehen, einen Fahrradhelm zu tragen?

In dem unaufgeregten Video wird die Komplexität des Themas sehr gut dargestellt: während das Tragen eines Fahrradhelmes auf individueller Ebene durchaus Sinn machen kann und die Entscheidung aus diesem Grund im persönlichen Entscheidungsbereich gut aufgehoben ist, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer allgemeinen Radhelmpflicht weitaus schwieriger zu beantworten.

Zum einen lässt sich ein Rückgang des Radverkehrs nach Einführung einer Radhelmpflicht beobachten. Auch wenn man für sich selber einen Komfortverlust durch das Tragen eines Helmes verneinen mag, zeigen ganzheitliche Betrachtungen und Verkehrszählungen den negativen Effekt nach Einführung einer Radhelmpflicht auf das Radverkehrsaufkommen (Beispiel Kanada, Beispiel Neuseeland). Staatliches Handeln sollte stets das Gemeinwohl im Blick haben, sodass der Nutzen einer allgemeinen Radhelmpflicht einerseits mit dem Nutzen einer freiwilligen Lösung und andererseits mit den allgemeinen Gesundheitseffekten des Radverkehrs (mehr Bewegung senkt die Zahl der Typ-2-Diabetes-Erkrankungen, der Bluthochdruckpatienten, der Fettstoffwechselstörungen und von Osteoporose sowie das Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko) verglichen werden muss.

Zum anderen ist der Radverkehr mit 10,69 getöteten Radfahrenden je eine Milliarde geradelte Kilometer (Bezugsjahr 2015; ~0,01 Tote / 1 Mio. km) grundsätzlich eine sichere Verkehrsart (Verbesserungspotenzial besteht natürlich trotzdem). Im Vergleich mit dem Fußverkehr (15,34 getötete Fußgänger / 1 Mrd. gelaufene km) ist er sogar sicherer.

Im Jahr 20151 wurden laut polizeilicher Verkehrsunfallstatistik auf deutschen Straßen 383 Radfahrende getötet, 14.230 schwer und 63.563 leicht verletzt.2 Dem gegenüber stehen 35,8 Milliarden mit dem Fahrrad zurückgelegte Personen-km.3 Zur Sicherheit des Radverkehrs siehe auch ITF 20134 sowie Pucher und Buehler 20085, 20166 und 20177.

Im Kombination mit dem Phänomen einer Risiko(über)kompensation und zur Verfügung stehenden Alternativmaßnahmen in den Bereichen Radverkehrsinfrastruktur und allgemeine Verkehrssicherheit (bspw. Tempo 30) kann man zu dem Schluss kommen, dass ein Fahrradhelm zwar die Zahl der schweren Kopfverletzungen reduzieren könnte, aber daraus gleichzeitig nicht abgeleitet werden kann, dass eine Radhelmpflicht ebenfalls einen positiven Gesamteffekt erzielt.

Aus staatlicher Fürsorgeposition scheint es angebracht, zunächst jene Maßnahmen umzusetzen, die den größten positiven Gesamteffekt im Gesundheitsbereich erzeugen. Die Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur oder eine Verringerung des Geschwindigkeitsunterschiedes zwischen Radfahrenden und sonstigem Straßenverkehr verhindert oder verringert Kopfverletzungen sowie eine Vielzahl weiterer Verletzungsarten und deren Folgen (ganzer Körper). Hinzu kommen weitere positive Effekte durch die gestiegene körperliche Aktivität wegen der höheren Attraktivität des Radverkehrs. Sind die Zusammenhänge verstanden und die Komplexität der Thematik durchdrungen, können die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Quellen

  1. für 2016 oder 2017 liegen Stand Mai 2018 noch keine Zahlen bezüglich der Verkehrsleistung vor
  2.  Statistisches Bundesamt 2017: Kraftrad- und Fahrradunfälle im Straßenverkehr 2016. Zeitreihe 2.1 Verunglückte Benutzer von Kraft- und Fahrrädern 1979 – 2016 nach Art der Verkehrsbeteiligung und Ortslage, S. 26 und Zeitreihe 2.2 Verunglückte Benutzer von Kraft- und Fahrrädern 1991 – 2016 nach Art der Verkehrsbeteiligung und Altersgruppen, S. 27
  3. Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (2016): Verkehr in Zahlen 2017/2018. Personenverkehr – Verkehrsleistung – Personen-km in Mrd. – Verkehrsarten nach Zwecken. DVV Media Group GmbH. Hamburg, S. 224
  4.  ITF 2013: Cycling, Health and Safety. „Analysis of international trends in bicycle use and cyclist safety“. OECD Publishing. Paris. S. 101-122
  5. Pucher, John; Buehler, Ralph 2008: Making Cycling Irresistible: Lessons from The Netherlands, Denmark and Germany. Transport Reviews. 28:4, S. 495-528
  6. Pucher, John; Buehler, Ralph 2016: Safer Cycling Through Improved Infrastructure. American Journal of Public Health. 106.12. S. 2089-2091
  7. Pucher, John; Buehler, Ralph 2017: Have walking and cycling become safer? Recent evidence from high-income countries, with a focus on the United States and Germany. American Journal of Public Health.
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Verfasst von: Martin Randelhoff
Herausgeber und Gründer von Zukunft Mobilität, arbeitet im Hauptjob im ARGUS studio/ in Hamburg. Zuvor war er Verkehrswissenschaftler an der Technischen Universität Dortmund. Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum und nachhaltige Verkehrskonzepte. Kontaktaufnahme: randelhoff [ät] zukunft-mobilitaet.net
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