Was passiert eigentlich, wenn das Auto den ÖPNV als bessere Alternative vorschlägt?~5 Minuten Lesezeit

und setzen erneut zum Sprung an. Nach Smartphones stehen nun die Bedienoberflächen in Fahrzeugen im Fokus. Mit  7 kündigte Apple im Juni 2013 „iOS in the Car“ an, welches sich über das Basis-Betriebssystem des Fahrzeugs legen soll. Ziel ist der direkte Zugriff auf iOS-Funktionalitäten über das Infotainmentsystem des Fahrzeugs. Neben Musik, Telefonie und dem Vorlesen und Verfassen von Textnachrichten soll auch die Navigation über das erfolgen.

Zu Beginn des Jahres 2014 hat Google nachgezogen und mit Audi, General Motors, Honda, Hyundai und dem Chiphersteller NVIDIA die Open Automotive Alliance (OAA) gegründet. Ziel des Konsortiums ist die Implementierung der -Plattform in Fahrzeugen bis Ende des Jahres 2014. Auch bei steht die Navigation stark im Fokus.

2012 veröffentlichte Google die erweiterte Google Search App „Google Now„. Die Anwendung soll als intelligenter persönlicher Assistent für Googles Android und Apples mobiles Betriebssystem iOS (veröffentlicht am 29. April 2013 für iOS) dienen. Google Now ist derzeit in den Funktionen – insbesondere außerhalb der USA – noch etwas eingeschränkt. Dieser Zustand dürfte sich aber schrittweise bessern. Hinzu kommt, dass mit zukünftigen Android-Versionen die Integration von Google Now in Android-Smartphones verbessert werden dürfte.

Für die iOS-Plattform soll Siri die Rolle der persönlichen Assistentin übernehmen und dürfte in ebenfalls kontext-, zeit- und ortsabhängige Informationen liefern.

Ein wichtiger Baustein ist dabei stets die Navigation. Aus Kalenderdaten, dem aktuellen Standort und vorhandenen Kontakten werden im Hintergrund automatisiert Routen berechnet und – soweit möglich – mit - optimiert. Die Akquisition der Navigationslösung Waze dürfte die Datengrundlage bei Google Maps weiter verbessern.

Waze Livemap Screenshot

Screenshot der Waze Livemap

Waze sammelt anonymisiert Daten über Ort und Geschwindigkeit der Nutzer und gibt diese über eine Datenbank an die anderen Nutzer weiter. Zusätzlich zu den üblichen Funktionen von Navigationssystemen können die Anwender neben der Aufzeichnung und Bearbeitung von Straßenverlauf, Hausnummern und Orten auch Verkehrsunfälle, erhöhtes und auch Fotos von Unfällen an den Waze-Server senden und dadurch unmittelbar an die anderen Nutzer weitergeben. Informationen stehen somit nahezu in Echtzeit zur Verfügung.

iOS und Android im Fahrzeug – Nicht nur für die eine Chance

Das Mobilitätsverhalten wandelt sich von monomodal zu multimodal. Statt nur ein Verkehrsmittel zu nutzen, werden mehrere Verkehrsarten als gleichwertig angesehen und die je nach Wegezweck und äußeren Einflussgrößen (Wetter, Gepäck, usw.) getroffen.

Öffentliche Verkehrsunternehmen setzen große Hoffnung in diesen Wandel. In diversen Forschungsprojekten werden möglichst unkomplizierte, d.h. vor allem schnittstellenarme Auskunftssysteme erprobt sowie Haltestellen und Netzknoten entsprechend umgestaltet. „Mobilitätsintegratoren“ und „Mobilitätsdrehscheiben“ spielen im Buzzword-Bingo eine große Rolle. Letzten Endes haben alle Anstrengungen jedoch das gleiche Ziel: Die Komplexität für den Fahrgast möglich weitgehend minimiert werden.

Das Eindringen von iOS und Android in das Innere eines Pkw bringt vollkommen neue und bisher ungeahnte Möglichkeiten!

In Zukunft werden Navigationslösungen nicht nur die Zeit für die Fahrstrecke berechnen, sondern aufgrund entsprechender Sensoren auch den Standort des dem Ziel nächstgelegenen freien Parkplatzes bzw. den durchschnittlichen Zeitaufwand einen freien Parkplatz zu finden. Ebenfalls dürften sich Parkgebühren mittelfristig dynamisieren, d.h. entsprechend der Nachfrage angepasst werden.

Bei einer Fahrt von außerhalb in den Innenstadtbereich prüft das Navigationsgerät in Echtzeit verschiedene Parameter wie Fahrtdauer, Stauprognose, Aufwand für die Parkplatzsuche, Parkgebühren, Verspätungen im , etc. und wird anhand dieser Daten eine Empfehlung aussprechen: „Bitte fahren Sie auf den nächsten Park & Ride-Parkplatz und nutzen Sie Linie 6. Sie sparen 13 Minuten und 2,30 €.“

iOS in the car Screenshot mit ÖPNV und Park and Ride Dresden

Bildmontage: P&R-Empfehlung in am Beispiel Dresden. – Grafik: Mechlab Engineering – CC BY 2.0 DE

Die genaue Benennung des zeitlichen und monetären Vorteils dürfte für einen Teil der Autofahrer ein ausreichend großer Impuls sein, das Auto stehen zu lassen und auf den ÖPNV umzusteigen. iOS und Android in Fahrzeugen werden somit nicht nur dem Fahrzeuginsassen nützen, sondern auch dem öffentlichen !

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde heute die entsprechenden Voraussetzungen für ein solches Routing schaffen. Hierfür ist es von essenzieller Bedeutung, die IT-Systeme entsprechend anzupassen und über entsprechende Schnittstellen zur Verfügung zu stellen. Aufgrund der Entwicklungszyklen der Automobilindustrie werden noch mindestens drei Jahre vergehen, bis die fahrzeugseitigen Schnittstellen für Android und iOS zur Verfügung stehen. Man sollte sich aber durchaus bereits heute Gedanken über das Jahr 2017 machen. 

Bei einer möglichen Anpassung der Systeme sollte des Weiteren nicht vergessen werden: wegen des sehr hohen Marktanteils von Android und der Verfügbarkeit von Google Now auf den meisten Android-Smartphones, Tablets und zukünftig auch in Fahrzeugen dürfte die Bedeutung von GTFS bzw. GTFS-Realtime Daten in Zukunft weiter steigen. Die VDV-Schnittstellen 452 und VDV 453/4 werden in diesem Bereich mit aller Voraussicht keine Rolle spielen!

Neben Google, Apple und anderen beteiligten Großunternehmen sollten jedoch auch kleine unabhängige Entwickler die entsprechenden Daten nutzen dürfen (= offene Fahrplandaten). Bisherige Anwendungen fokussierten sich sehr stark auf die Fahrplan- und Verbindungsauskunft, die Verkehrsunternehmen gerne selber zur Verfügung stellen. Hierfür gibt es auch durchaus gute Gründe. Allerdings schwächt sich dieses Argument bei einer weiteren Verbreitung von Android und iOS in anderen Geräten immer weiter ab, da es unwahrscheinlich ist, dass ein Autofahrer während der Fahrt die Anwendung bzw. die mobile Webseite des Verkehrsunternehmens nutzt, um eine Fahrplanauskunft zu bekommen. Die nahtlose Systemintegration bringt eine Verbreitung mit sich, die keine Anwendung eines Verkehrsunternehmens jemals erreichen wird!

Stehen die entsprechenden Daten des Verkehrsunternehmens jedoch anderen Anwendungen, es muss sich dabei nicht einmal um eine verkehrsbezogene Anwendung handeln, zur Verfügung, werden in Zukunft neben dem Routing mit dem Pkw auch öV-Verbindung abgefragt werden. Denkbar sind beispielsweise Kalenderanwendungen, welche automatisch das optimale Verkehrsmittel mit der optimalen Route zwischen zwei Terminen ausgeben. Oder Stauwarner, die statt einer Umfahrung des Staus ÖPNV-Verbindungen als Alternative vorschlagen.

Eines ist klar: Google und Apple werden mit ihrem Vorstoß sicherlich nicht nur die Pkw-Entertainment-Systeme im Blick haben, sondern neue Nutzungsmöglichkeiten für ihre Kartenanwendungen suchen. Die Kreativität und die Ideen von Millionen von Designern, Entwicklern und Programmierern werden viele neue Impulse im Bereich In-Car-Information setzen.

Es dürfte für die Verkehrsunternehmen in Zukunft noch schwieriger werden, eine Mauer mit Burggraben um ihre Daten zu ziehen und die Fahrplandaten nicht über entsprechende Schnittstellen zur Verfügung zu stellen. Statt Daten „zu verschenken“, verschenkt man dann Potenzial. Potenzial in Form von Tausenden potenziellen Fahrgästen!

Verfasst von

Martin Randelhoff

Herausgeber Zukunft Mobilität. Studium der Raumplanung an der TU Dortmund, Studium der Verkehrswirtschaft an der TU Dresden. Ist interessiert an innovativen Konzepten zum Lösen der Herausforderungen von morgen insbesondere in den Bereichen urbane Mobilität, Verkehr im ländlichen Raum, Wirkung autonomer Fahrzeugsysteme und nachhaltige Verkehrskonzepte.

Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
avatar
 
Bild(er) hinzufügen
 
 
 
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
wpDiscuz

Jetzt abonnieren!

Twitter

Auszeichnungen

Grimme Online Award Preisträger 2012

Zukunft Mobilität hat den Grimme Online Award 2012 in der Kategorie Information erhalten. Ich möchte mich bei all meinen Lesern für die Unterstützung bedanken!

PUNKT Preisträger 2012

Zukunft Mobilität hat den PUNKT 2012 der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) in der Kategorie "Multimedia" gewonnen.

Logo VDV Verband Deutscher Verkehrsunternehmen

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V. (VDV) hat mich im Rahmen der VDV-Jahrestagung 2013 in Mainz als “Talent im ÖPNV” des Jahres 2013 ausgezeichnet. Der VDV vertritt rund 600 Unternehmen des Öffentlichen Personennahverkehrs, des Schienenpersonennahverkehrs, des Schienengüterverkehrs, der Personenfernverkehrs sowie Verbund- und Aufgabenträger-Organisationen.

Lizenz

Zukunft Mobilität Creative Commons

Die Inhalte dieses Artikels sind - soweit nicht anders angegeben - unter CC BY-SA 3.0 de lizensiert. Grafiken sind von dieser Lizenz aus Vereinfachungs- und Schutzgründen ausgenommen (Anwendung aufgrund der Verwendung von Grafiken / Bildern mit unterschiedlichen Lizenzen zu kompliziert) außer die CC-Lizenz ist ausdrücklich genannt.

Weitere Informationen
Share This